Zeitzeugen der Nachkriegszeit tauschen sich im Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasium Viersen mit Schülern aus

Schulprojekt in Viersen : Bevor Europa zur Union wurde

Am Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasium in Viersen trafen Zeitzeugen der Nachkriegszeit mit Schülern zusammen und erzählten von Erinnerungen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und vor Gründung der EU.

Mit einem Freund habe er damals als Elfjähriger festgestellt, dass Neuseeland am weitesten von einer Atombombe entfernt sei. Er sammelte Klebebilder von Margarine-Packungen. „Die konnte man in ein Sammelalbum kleben, für jeden Kontinent gab es eins“, sagt Hans-Rudolf Milstrey. „Da waren auch Australien und Neuseeland. Wir fanden, dass es das Sicherste sei, irgendwann dorthin zu reisen und zu bleiben.“

Heute ist Milstrey 75 Jahre alt, Vater von drei Söhnen. Er ist zwar in Neuseeland gewesen, aber nicht geblieben. Europa sieht er als ein großes Friedensprojekt. „Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie das Leben vor der Europäischen Union war“, sagt Milstrey. Diese Vergangenheit sei aus den Köpfen in den vergangenen Jahren zunehmend verschwunden. Vor rund 40 Schülern erzählte Milstrey im Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasium gemeinsam mit dem 80-jährigen Jörg Groschopp aus seinem Leben: Erinnerung an den Krieg, den Wiederaufbau danach, an die eigene Flucht. Und wie die Entstehung der Europäischen Union ihr Leben veränderte.

Die Idee für das Projekt, das mit dem Titel „Zeitzeugen“ überschrieben ist, hatten Milstrey, Groschopp und Schulleiter Christoph Hopp bei einer Sitzung des Rotary-Clubs Viersen-Schwalm-Nette, dem alle drei angehören. „Unmittelbar vor der Europawahl fanden wir die Idee sehr passend“, sagt Hopp. Auch wenn die Jugendlichen, die an diesem Vormittag im Ökumenischen Raum des Viersener Gymnasiums zusammenkommen, nicht wahlberechtigt sind – das Thema sei bereits vorher wichtig.

Rund 40 Schüler hörten den Zeitzeugen zu. Die 16- und 17-Jährigen interessierten sich sehr für die Kriegs- und Fluchterfahrungen der beiden. Foto: Julia Esch

Inspiration seien für Milstrey, der „Zeitzeugen“ federführend organisiert hat, die „Fridays for Future“-Demos gewesen: „Da geht es um die Zukunft der jungen Leute.“ Dazu gehöre aber auch Europa: „Es ist wichtig, den Jugendlichen deutlich zu machen, wie es früher mal war, und dass es nie mehr so weit kommen darf.“ Bei „Fridays for Future“ gehe es um mehr als Umweltschutz, auch wenn dies ein ebenfalls wichtiges Thema sei. „Europa ist die unmittelbare Zukunft“, sagt Milstrey, ein fester Bestandteil des Lebens, den viele gar nicht anders kennen würden – was gut sei, aber auch die Vergangenheit in Vergessenheit geraten lasse. „Wir müssen diese Aufgabe und die Erinnerungen als Nachkriegszeugen weitergeben“, ergänzt er.

Beim Treffen fragten die 16- und 17-Jährigen viel zu den Kriegs- und Fluchterfahrungen von Milstrey und Groschopp. Milstrey war nicht mal ein Jahr alt, als seine Mutter mit ihm über die Ostsee nach Lübeck flüchtete, Groschopp war Jugendlicher. Doch auch nach dem Krieg habe die Furcht lange nicht losgelassen. „Ich erinnere mich, dass in meinem Umfeld viele im heiratsfähigen Alter während des Kalten Kriegs überlegten, keine Kinder zu bekommen, da sie einen Atomkrieg befürchteten“, sagt Milstrey. „Niemand wollte Kinder in die Welt setzen, nur, um sie dann sterben zu sehen.“

Doch auch die Beziehungen zwischen den Ländern nach dem Krieg waren Thema. Wie wird aus dem Feind ein Nachbar, aus gegnerischem Gebiet ein beliebtes Urlaubsziel? „Ich habe Französisch in der Schule gelernt, und in meinem Medizinstudium habe ich ein Jahr in Toulouse in Frankreich verbracht“, sagt Milstrey. Dort habe er auch viel über die Vorurteile, „die Mär vom Feind“ erfahren, wie er selbst sagt. Die Zeit in Frankreich, das Land kennenlernen und die Sprache lernen: Das habe er bewusst gemacht. Milstrey: „Es ist sehr wertvoll, unbefangen über diese Dinge nachdenken zu können, insbesondere in der heutigen Zeit.“

Dass Grenzen offen seien, keine Feindschaft und kein Krieg in Europa herrsche, und dass mehrere Generationen es bereits nicht anders kennen – dies gelte es zu bewahren, betonten beide Zeitzeugen. Es sei nicht selbstverständlich.

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