Wie tickt Viersens neue Beigeordnete Cigdem Bern?

Interview Çigdem Bern: Wie tickt Viersens neue Beigeordnete?

Çigdem Bern verantwortet seit Februar den größten Geschäftsbereich der Stadtverwaltung mit mehr als 500 Mitarbeitern. Im Interview spricht sie über doppelte Staatsbürgerschaft, Karneval und ihr hässliches erstes Auto.

Vor sechs Wochen trat Çigdem Bern ihr Amt als neue Beigeordnete in Viersen an. Der Vorname spricht sich „Tschiedem“ aus, bedeutet Krokus. Die 41-Jährige ist Dezernentin für „Kinder, Jugend und Familie“, „Soziales und Wohnen“ sowie „Schule, Kultur und Sport“, verantwortet den größten Geschäftsbereich der Stadtverwaltung. Dort arbeiten rund 530 Frauen und Männer, das sind gut die Hälfte der Verwaltungsmitarbeiter.

Zwei Umzugskartons stehen noch in ihrem Büro im ersten Stock im Süchtelner Rathaus. Bern, Nadelstreifenhose, Blazer mit steigendem Revers, hat eine große Weltkarte an der Wand hängen, auf die sie schauen kann, wenn sie am Schreibtisch sitzt. Hinter dem Schreibtisch hängt ein Abschiedsgeschenk von ihren früheren Mitarbeitern der Stadtverwaltung von Bad Honnef: ein großer Bilderrahmen mit Fotos. „Danke!“ steht da in roter Schrift quer drüber. Daneben ein kleines Blechschild. „Alle sagten ,Das geht nicht’, bis einer kam, der das nicht wusste und es einfach gemacht hat“. Darüber eine Uhr. Leise tickt der Sekundenzeiger.

Wie tickt die Neue in der Verwaltungsspitze? Zum Einstieg eine leichte Frage, zum locker werden.

Trinken Sie lieber Tee oder Kaffee?

Bern Kaffee. Den brauche ich auch, um in die Gänge zu kommen. (Okay, Kaffee steht auf dem Tisch. Kommen wir in die Gänge...)

Sind Sie genervt, wenn Sie gefragt werden, wo Sie herkommen?

Bern (Die Beigeordnete atmet tief ein, die Augen blicken geradeaus. Sie horcht in sich hinein. Die Wanduhr tickt. Einmal. Zweimal. Dreimal. Viermal. Jetzt fokussiert sie wieder.) Nicht mehr. Es wird immer gefragt, wo ich herkomme. Wenn ich sage: „aus Dortmund“, heißt es: „Ja, aber ich meine ursprünglich.“ Die Frage hat mich am Anfang schon genervt und auch traurig gemacht, immer so dazwischen oszillierte ich, weil ich damit die Frage verbunden hatte: Bin ich denn nicht anerkannt? Oder: Bin ich nicht ein Teil dieser Gesellschaft? Aber ich habe das dann irgendwann für mich abgelegt und gedacht: Naja klar, du siehst eben fremdländisch aus, und dann ist die Frage auch durchaus berechtigt, weil die Menschen vielleicht auch ein Interesse daran haben, zu wissen, wo deine Wurzeln liegen.

Wann wachen Sie auf, wenn Sie sich keinen Wecker stellen?

Bern Zwischen 7 und 8 Uhr.

Was wollten Sie als Kind werden?

Bern (Die Juristin lächelt) Rechtsanwältin!

Wie würden Sie Ihrer Großmutter Ihren jetzigen Job erklären?

Bern Oma, ich bin in der Viersener Stadtverwaltung als leitende Führungskraft verantwortlich für Jugendamt, Bildung, Kultur, Sport und Soziales. Und da geht es darum, dass ich Menschen, die auf soziale Hilfe angewiesen sind, oder Kindern und Jugendlichen, die ihre Interessen nicht selbst durchsetzen können, eine Stimme gebe und ihre Bedingungen verbessere.

Was war Ihre längste Flugreise?

Bern 27 Stunden insgesamt, nach Australien. (Ihre Augen gehen nach links, sie holt Bilder aus dem Gedächtnis hervor.) Das war super! Das war mein letzter Urlaub, und ich habe noch viele positive Erinnerungen an Australien. Das ist ja nicht einfach ein Land, sondern ein Kontinent mit verschiedenen Klimazonen. Und da ist alles vertreten: Großstädte, Wüste, aber auch sehr viel Grünes wie zum Beispiel in Tasmanien. Dass dieser Kontinent so viele Attraktionen zu bieten hat, wie Ulurus/Ayers Rock, Great Barrier Reef, die bekannteste Oper der Welt, ist sehr eindrucksvoll. Und die Menschen dort habe ich als sehr hilfsbereit und aufgeschlossen erlebt.

Wie definieren Sie Heimat?

Bern Heimat ist für mich da, wo ich mich nicht erklären brauch’.

Ihre Lieblingsfarbe?

Bern (Sie blickt an ihrer Kleidung herunter.) Schwarz-grau.

Was war Ihr erstes Auto?

Bern Das war ein Opel Corsa. Mintfarben. Richtig hässlich, aber ich habe ihn als Studentin damals billig bekommen.

Ihr aktuelles Auto?

Bern Ein VW Tiguan.

Jemals zu schnell gefahren?

Bern Ja. Aber unwesentlich, würde ich behaupten. Aber leider doch so wesentlich, dass ich ein Knöllchen bekommen habe.

Sind Sie gut im Entschuldigen?

Bern Ja, bin ich. Aus meiner Sicht ist das eine persönliche Stärke.

Was haben Viersen und Dortmund gemeinsam?

Bern (sie grübelt). Ja. Ähm. Dortmund ist natürlich viel größer, aber ich finde, Viersen hat auch so ein Großstadtflair. Auch wenn es viele ländliche Bereiche hat, hat es in der Innenstadt durchaus einen Großstadtcharakter. Und beide Städte haben eine ähnliche soziale Bevölkerungsstruktur.

Was ist der Charme einer kleinen Stadt?

Bern Man kennt sich.

Ein typischer Spruch Ihres Vaters?

Bern Mein Vater hat vier Töchter und keine Söhne. Er hat uns sehr früh und immer wieder gesagt: Werdet selbstständig und seid nicht angewiesen auf eure Partner, so dass ihr selbstbestimmt und unabhängig handeln könnt..

Welche Teenager-Sünde haben Sie Ihrer Mutter nicht gebeichtet?

Bern Ich habe ihr mal erzählt, ich übernachte bei einer Freundin und bin dann aber in die Diskothek. Als ich nachts nach Hause kam, habe ich das meiner Mutter mit einem Streit mit meiner Freundin begründet.

Was war Ihr bislang schönster Arbeitstag in Viersen?

Bern Mein schönster Arbeitstag in Viersen... (klar, die Methode kennt man noch aus der Schule. Erstmal die Frage wiederholen, um Zeit zu gewinnen. Zwei weitere Sekunden verstreichen.) Also bisher erlebe ich alle Tage in Viersen als sehr bereichernd, weil ich immer wieder neue Informationen bekomme und neue Menschen kennenlerne. (Das ist ein bisschen blabla. Das spürt Bern auch. Sie holt Luft. Da geht noch was.) Vielleicht Altweiber. Beim Rathaussturm, als die Kitagruppe Robend hier war und mich mit unterstützt hat, schöne Bilder gemalt hat und die Tür damit verbarrikadierte, damit wir nicht gestürmt werden. Das war ein besonders schönes Erlebnis.

Sind Sie mit dem Karneval in Viersen und Dülken schon warm geworden?

Bern Ja! Ich bin ja jeck, sozusagen. Ich habe lange Zeit in Bonn gelebt und dort Karneval gefeiert. Am Anfang war ich noch so ein bisschen mit angezogener Handbremse unterwegs, aber irgendwann wurde mein Fundus immer größer. Ich habe mir viele Kostüme zugelegt und irgendwann war dann auch klar: Da bist du jedes Mal mit dabei. Das macht mir wirklich viel Spaß! In Viersen, muss ich gestehen, waren wir an Altweiber vorrangig dienstlich unterwegs. Ich war am Abend noch in Dülken, um mir die Lage vor Ort anzuschauen. Ich wollte wissen, wie sich die Situation entwickelt, ob die Lage eskaliert. Erst die danachfolgenden Tage konnte ich mich ganz dem Karneval widmen.

Was essen Sie am liebsten?

Bern Ich glaube Süßigkeiten.

Eher Bier oder lieber Wein?

Bern Wein. Rot.

Haben Sie je daran gedacht, aus Deutschland auszuwandern?

Bern Ja. Nach Australien.

Ihre Lieblingsblume?

Bern Die Tulpe!

Ist die doppelte Staatsbürgerschaft eine gute Sache?

Bern Ja, ich finde schon. Weil man damit seine Identität ein Stück weit dokumentiert. Wer eingebürgert wird, legt ja seine Lebensgeschichte nicht ad acta. Er hat seine Heimat, seine Herkunft. Ich finde es deshalb durchaus legitim, eine doppelte Staatsbürgerschaft zu haben – wenngleich das eben nicht für alle Nationalitäten vorgesehen ist. Ich würde es begrüßen, wenn diese Möglichkeiten für alle Nationalitäten offen stünde.

Welche Sätze sollten Ihre Mitarbeiter niemals in Ihrer Anwesenheit sagen?

Bern „Das geht nicht.“ Oder: „Das haben wir schon immer so gemacht.“

Gibt es etwas, das Sie in Viersen vermissen?

Bern (sieben Sekunden Pause.) Mhh. Toastmasters. Den Rednerklub. Den vermisse ich! Den gibt’s hier nicht. Obwohl Viersen ja eine Stadt mit fast 77.000 Einwohnern ist. Da könnte ich mir vorstellen, dass sich ein Rednerklub hier ganz gut etablieren kann.

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