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Wie hoch das Insolvenz-Risiko durch Corona im Kreis Viersen wirklich ist

Corona im Kreis Viersen : Wie hoch das Insolvenz-Risiko durch Corona wirklich ist

Coronabedingt wurde das Insolvenzrecht geändert – die Zahlen führen in die Irre. Auch bei einer Verbesserung der Lage rechnet die IHK mit vielen Pleiten.

Die Zahl der Insolvenzen wird in diesem Jahr deutlich zunehmen – auch wenn sich die allgemeine Situation der Wirtschaft wieder verbessert. Das legt zumindest eine gemeinsame Analyse der Industrie- und Handelskammer (IHK) Mittlerer Niederrhein und der Creditreform Düsseldorf/Neuss zum wahrscheinlichen Ausfallrisiko von Unternehmen im Jahr 2021 für den mittleren Niederrhein und seine Teilregion Kreis Viersen nahe. „Die Zahlen zeigen, dass die Anzahl der Insolvenzen selbst bei einer Erholung der konjunkturellen Lage deutlich steigen wird“, erklärt IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Steinmetz.

Insbesondere in Branchen wie dem Gastgewerbe drohten trotz der staatlichen Unterstützungsleistungen ernste Probleme. Positiv und ein Zeichen für die Wirkung der Hilfsprogramme: Im Kreis Viersen hat sich die Zahlungsverzugsdauer nur leicht erhöht – von 14,7 Tagen im Jahr 2019 auf 15,7 Tage.

„Die Corona-Krise ist noch lange nicht bewältigt“, betonte Steinmetz. „Durch den harten Lockdown ist dies auch vielen Gewerbetreibenden wieder vor Augen geführt worden.“ Trotz aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten waren die Insolvenzzahlen – in Deutschland und auch in unserer Region – in 2020 so gering wie seit zehn Jahren nicht mehr. „Aber der Schein trügt“, betonte André Becker, Mitglied der Geschäftsleitung der Creditreform Düsseldorf/Neuss. „Die Statistik ist in 2020 sehr eingeschränkt aussagekräftig, weil das Insolvenzrecht schon mit dem Start des ersten Lockdowns erheblich geändert wurde.“ Deswegen habe die Creditreform Rating AG eine Projektion des Ausfallrisikos für das Jahr 2021 auf Basis aktueller Bonitätszahlen erstellt. Dabei wurden drei Szenarien zugrunde gelegt: eine schnelle Erholung der Wirtschaft, eine langsame Erholung und keine Erholung im kommenden Jahr. Außerdem wurde unterstellt, dass für betroffene Branchen weiter Hilfsgelder mindestens in Form der Überbrückungshilfen fließen.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Prognose für das Ausfallrisiko der Unternehmen auch im Falle einer schnellen Erholung der Wirtschaft einen deutlich erhöhten Wert ausweist. „Das Jahr 2020 ist bei vielen Unternehmen an die Substanz gegangen“, so Becker. „Im Vergleich zum Jahr 2019 nimmt die Ausfallwahrscheinlichkeit im Kreis Viersen leider mindestens um 55 Prozent zu.“ Lag die Ausfallrate im Jahr 2019 noch bei 1,4 Prozent, steigt dieser Wert sogar im Falle einer schnellen Konjunkturerholung auf schätzungsweise 2,2 an.

„Wir rechnen zurzeit eher mit einer langsamen Erholung“, sagte Steinmetz. Deswegen sei das mittlere Szenario aus seiner Sicht wahrscheinlicher. Dann steigt die Ausfallrate nach der Creditreform-Berechnung sogar auf 3,2 an und liegt mehr als doppelt so hoch als das Ausgangsniveau. „Das ist auch erstmal nur der Wert für das Jahr 2021“, so Chris Proios, der bei der Creditreform die regionalen Konjunkturdaten untersucht. „Es ist zu befürchten, dass die Werte in den Folgejahren auf hohem Niveau bleiben, denn im Jahr 2020 ist viel Substanz bei den Unternehmen verlorengegangen.“

Das Negativ-Szenario liegt sogar bei 3,9 Prozent. Daran möchten die Partner zurzeit nicht glauben, weil sie hoffen, dass sich die Industriekonjunktur weiterhin erholt und sich auf viele andere Branchen auswirken wird. Allerdings ist die Entwicklung in den Branchen unterschiedlich. Somit ist es wahrscheinlich, dass in einigen Bereichen das positivste Szenario eintritt, bei anderen aber gegebenenfalls das Negativ-Szenario. Im Gastgewerbe, das unter der Corona-Krise besonders leidet, würde das Negativ-Szenario eine Ausfallwahrscheinlichkeit von 8,3 Prozent in diesem Jahr bedeuten. Auch bei den Logistikern sowie der Kunst-, Erholungs- und Unterhaltungswirtschaft ist das Insolvenzrisiko selbst im Best-Case deutlich erhöht. „Die Werte des Handels sind in der Studie eher unterschätzt. Die Schließung aller Einzelhändler – mit Ausnahme derjenigen, die Waren für den täglichen Bedarf anbieten –  mitten im Weihnachtsgeschäft war kein Element der Szenariorechnung, damit haben wir auch nicht gerechnet“, so Proios.

IHK und Creditreform befürchten, dass die versprochenen Hilfsmaßnahmen nicht ausreichen, weil sie nicht einpreisen, dass der innerstädtische Einzelhandel im Weihnachtsgeschäft ein Liquiditätspolster für die folgenden Monate aufbaut. Dagegen könnte die Industrie mit einem blauen Auge davonkommen.

(mrö)