Viersen: Wie das Textil aus Viersen verschwand

Viersen: Wie das Textil aus Viersen verschwand

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Textilindustrie in Viersen zu Grunde. Dieser Niedergang ist eine Schablone für heutige Entwicklungen, sagt Stadtarchivar Marcus Ewers. Nur die Firma Taschen hat bis heute überlebt.

Von der Zeit, als in Viersen noch Spulmaschinen sausten und mechanische Webstühle klapperten, zeugen nur noch Gründerzeitvillen wie die ehemalige Villa Lüps an der Bahnhofsstraße. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand die Textilindustrie fast vollständig. Der Grund dafür waren drei existenzielle Krisen, erklärt Marcus Ewers, Leiter des Stadtarchivs, der seine Untersuchung über die Deindustrialisierung der Textilindustrie im Kreisheimatbuch veröffentlichen will.

Bis zum Jahr 1949 sorgten die Viersener Textilunternehmen für die Hälfte des Gewerbesteueraufkommens. Schon 1960, elf Jahre später, waren es nur noch elf Prozent. Ursächlich für den Verlust bedeutender Viersener Fabriken wie der Aktienspinnerei an der Gladbacher Straße oder der Baumwollspinnerei und Weberei Pongs und Zahn waren zunächst subventionierte Importe aus Italien und Osteuropa, später die Konkurrenz aus asiatischen Billiglohn-Ländern. Außerdem traten zum Januar 1958 die Verträge der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft in Kraft, die die Binnenzölle abschafften. Die Textilindustrie sei in Deutschland nie politisch unterstützt worden, meint Ewers. "In Italien war die Exportvergütung höher als die Inlandsbesteuerung der Textilproduzenten", sagt er. Das komme einer versteckten Subventionierung gleich. So drängten italienische Produkte auf den deutschen Markt, während die Viersener Unternehmen Schwierigkeiten hatten, ihre Garne und Stoffe ins Ausland zu verkaufen. 1958 war die Aktienspinnerei, im Volksmund nur "Ax" genannt, eines der ersten Unternehmen, das seinen Betrieb aufgeben musste. "Ax" war als Flachsspinnerei im Jahr 1866 nach englischem Vorbild gegründet worden. Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Lohnarbeiter waren so schlecht, dass man Mädchen mit dem Satz warnte: "Waat ma af, wenn du so widder mäks, kömmste noch in der naate Saal op die Ax ut", erzählt Walter Tillmann. Der 88-jährige Textilingenieur hat viele Jahre als Sachverständiger für die Handelskammer gearbeitet und ist Experte für die Viersener Textilindustrie.

Auch die Baumwollspinnerei und Weberei Pongs und Zahn an der Clörather Straße in Rahser fiel dieser ersten Krise zum Opfer. 1962 schloss die Spinnerei. 1969 unternahm man noch den Versuch, eine Kollektion zu produzieren, doch zwei Jahre später verließ die Firma ihren Standort in Viersen wieder - diesmal für immer.

Der konjunkturelle Abschwung im Zuge der Ölkrise 1973 setzte die Textilbranche weiter unter Druck. Hinzu kam: Große Produktionsstraßen und massenhaft angefertigte, standardisierte Ware passten nicht mehr zum Zeitgeist. Individuellere Lebensstile sorgten auch für mehr Vielfalt in der Mode. "Außerdem setzten sich Produktionsstraßen auch in Asien durch", sagt Ewers. "Diese zweite Krise vernichtete die Substanz der Viersener Textilindustrie." Nach dem Jahr 1963 verschwand nun noch einmal die Hälfte der Betriebe.

Pongs und Zahn an der Clörather Straße hatte 1904 noch einen repräsentativen Briefkopf. Im Jahr 1971 kam das endgültige Ende. Foto: Stadtarchiv

In der dritten Krise in der Zeit von 1979 und 1982 konnten sich nicht einmal jene Unternehmen halten, die im hochwertigen Segment Waren produzierten. "Das lag daran, dass sich die globalen Handelsströme verlagerten", sagt Ewers. Jene Länder, die sich in den 1960er-Jahren zu erfolgreichen Textilexporteuren entwickelt hatten wie Taiwan, Hongkong oder Südkorea, bekamen nun selbst Konkurrenz aus Ländern, die noch billiger produzieren konnten als Vietnam und China. Sie waren es, die das Hochpreissegment eroberten und auf die Konkurrenz aus Deutschland stießen. Schließlich gaben auch die letzten Textilbetriebe in Viersen auf. 4200 Arbeitsplätze sind so seit 1957 verloren gegangen.

(RP)
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