St. Martin und die Moderne: Wenn Frauen den Mantel teilen

St. Martin und die Moderne : Wenn Frauen den Mantel teilen

In vielen Umzügen wird die Rolle des Sankt Martin inzwischen von Frauen übernommen. Denn es fehlt an guten Reitern, die die Aufgabe übernehmen.

Als Willi Wolters ein letztes Mal als Sankt Martin auf der Schimmelstute Shams durch die Menge aus Kindern und Erwachsenen in Dam-Birth (Gemeinde Niederkrüchten) reitet, schaut ihm seine Tochter Britta dabei zu. Im nächsten Jahr wird die 37-Jährige selbst den Martinsmantel überstreifen, den Goldhelm aufsetzen und dabei Geschichte schreiben als erster weiblicher Sankt Martin des Ortes. "Ich freue mich, dass sie in meine Fußstapfen tritt. Sie hat sich das angeschaut, seit sie ein kleines Mädchen war und wird das sicher gut machen", sagt ihr Vater, der 50 Jahre lang den Sankt Martin verkörpert hat.

Britta Schneiders Großvater hatte in den 40er Jahren mit der Tradition begonnen, auch ihr Onkel war zwischenzeitlich an der Reihe. Der Martinsverein machte sich frühzeitig um die Nachfolge Gedanken und fragte bei der Hobbyreiterin an. "Wir sind dankbar, dass sie diese Rolle übernehmen will. Bei uns haben alle offen und mit Zustimmung darauf reagiert", sagt der Ehrenvorsitzende des Martinsvereins, Hermann Meyer. Auch in der Bruderschaft gebe es Frauen. Warum sollte nicht eine von ihnen St. Martin sein? Nur ein kleiner Zusatz sei in der Satzung nötig gewesen.

In vielen Städten und Gemeinden, Schulen und Kindergärten, teilweise sogar in Kirchengemeinden verkörpern inzwischen Frauen oder Mädchen den Sankt Martin. Das hat häufig praktische Gründe. Wenn ein Sankt Martin aus dem Amt scheidet, gestaltet sich die Suche nach einem Nachfolger meist schwierig. "Ein Pferd zu mieten, das kann sich kaum ein Kindergarten leisten", sagt Tanja Hilgers, Erzieherin in der Krefelder Kita Krokobär. Leichter sei es, eine gute Reiterin für die Aufgabe zu gewinnen, die ihr Pferd mitbringt. "Für die Kinder macht es keinen Unterschied, ob auf dem Pferd ein Mann oder eine Frau sitzt, ob er einen Samtmantel trägt oder einen Jutesack. Für sie ist es der Sankt Martin", meint Hilgers. Schon seit vielen Jahren übernimmt in der Krefelder Kita deshalb eine erfahrene Reiterin mit einem ruhigen Islandpferd die Rolle. "Die Kinder stört es nicht, wenn die roten, langen Haare der Reiterin hervorblitzen", sagt Hilgers.

Das sieht die Dormagenerin Diana Bartussek etwas anders. Zwar reitet auch sie im Martinsumzug voran, jedoch achtet die 34-Jährige darauf, nicht sofort als Frau erkennbar zu sein. "Ich trage ein Bischofskostüm mit Mitra und einem Bart", sagt die Erzieherin, die in einer Einrichtung in Grevenbroich arbeitet. Selbst ihr Sohn oder die Kinder aus ihrem Kindergarten würden sie in diesem Kostüm nicht erkennen. "Mein vierjähriger Sohn wundert sich zwar, warum der Sankt Martin auf unserem Pferd Rocky reitet, aber er hat mich noch nicht enttarnt", sagt Diana Bartussek.

Seit drei Jahren mimt die Dormagenerin beim Umzug auf Hof Nixberg in Korschenbroich-Lüttenglehn den Martin. Der frühere Sankt Martin sei abgesprungen, gesucht wurde nach einem qualifizierten Ersatz. "Ich war erst skeptisch, weil das nervlich eine anstrengende Sache ist für ein Pferd", sagt Diana Bartussek, die seit 15 Jahren Pferde hat. Doch entschied sie sich schließlich dafür: "Es ist eine Herausforderung für mich als Reiterin", sagt sie. "Und ich mag die Martinsgeschichte sehr." Für Kinder sei es wichtig, sie erleben zu können. "Ich glaube schon, dass es für Kinder eine Rolle spielt, von wem der Sankt Martin gespielt wird. Ich möchte die Illusion aufrecht erhalten", sagt sie. "Ich winke den Kindern zu, rede aber nicht, so dass die männliche Rolle glaubhaft bleibt."

Dass zunehmend Frauen als "Sankt Martina" auftreten, sei gut nachvollziehbar, erklärt die Volkskundlerin Gabriele Dafft vom LVR in Bonn. "Auch Bräuche verändern sich", sagt die wissenschaftliche Referentin. Das sei Teil einer allgemeinen Entwicklung und passiere im Zuge der Emanzipation. In immer mehr Bereiche des Brauchtums - Maibaumsetzen oder Schützenvereine - dringen Frauen vor", erklärt Dafft. In der Kirche gebe es auch weibliche Messdiener. "Warum soll nicht auch eine Frau den Sankt Martin spielen?", fragt Dafft. Es handelt sich nicht um eine biblische Geschichte, sondern um eine Legende.

Doch der Trend hat sich bei weitem noch nicht überall im Land durchgesetzt. In Kempen etwa möchte der örtliche St-Martins-Verein nicht auf einen männlichen Reiter verzichten. "In der Geschichte ist es nun einmal so hinterlegt, dass St. Martin ein Mann war und keine Frau", sagt der Vereinsvorsitzende Heiner Wirtz. Der 73-Jährige organisiert seit 40 Jahren Umzüge in seiner Stadt. Eine Frau auf dem Sattel habe es in dieser Zeit noch nicht gegeben. Zwar werde in den Vorbereitungstreffen gelegentlich mal der Vorschlag gemacht, eine Frau zum St. Martin zu machen. "Aber dann wird darüber meistens herzlich gelacht und das Thema ist erledigt", berichtet Wirtz. Ähnliche Ansichten vertritt auch Willi Krämers aus Duisburg, der seit vielen Jahren Grundschulen ehrenamtlich bei der Organisation der Umzüge behilflich ist. "Die Tradition sollte bewahrt bleiben. Nur wenn sich kein Mann finden lässt, sollte man über eine Frau als St. Martin nachdenken."

Der Reitsport sei überwiegend weiblich geprägt - meist seien nur die Profis Männer - und deshalb falle es schwer, einen männlichen Freiwilligen zu finden, weiß Tanja Busch von der Jugend- und Behindertenhilfeeinrichtung Gestüt Moorbach in Radevormwald. Für sie und ihre Schwester Britta, die meist den Bettler spielt, sei es keine Frage gewesen, die Aufgabe zu übernehmen. "Ich bin in der Lage, die Kinder glücklich zu machen, deshalb mache ich das", sagt sie. Sie verschleiere nicht, dass eine Frau im Martinskostüm steckt. "Die Kinder sagen zu mir: ,Hey, du bist ja eine Martina'. Das finden sie lustig."

(RP)
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