Rollstuhlfahrerin aus Brüggen: Wenn der Bus einfach vorbeifährt

Rollstuhlfahrerin aus Brüggen: Wenn der Bus einfach vorbeifährt

Rollstuhlfahrerin Lucie Houben wird an Bushaltestellen mitunter übersehen. Die Verkehrsbetriebe appellieren an ihre Fahrer und entschuldigen sich.

Die junge Brüggenerin Lucie Houben ist gern und viel unterwegs. Doch das klappt nicht immer ohne Probleme. Denn als Rollstuhlfahrerin ist sie auf den Bus angewiesen. Damit hat die 19-Jährige schon einige Male schlechte Erfahrungen gemacht: "Die sind dann einfach an mir vorbeigefahren. Ich kam zu spät zur Ergo- oder Physiotherapie in Lobberich", berichtet die junge Frau, die seit dem achten Lebensjahr im Rollstuhl sitzt und zweimal pro Woche zur Therapie muss.

Sie wolle wie eine ganz normale junge Frau wahrgenommen und behandelt werden, sagt die 19-Jährige. Häufig werde sie aber von Menschen angesprochen und gefragt, ob sie behindert sei, erzählt die Brüggenerin: "Ich kann nur nicht laufen, in meinem Kopf ist alles okay", sagt sie. "Es ist ein Handicap, mehr nicht." Die 19-Jährige arbeitet in einer Behindertenwerkstatt und hat Spaß an ihrer Arbeit. "Ich werde morgens mit einem Spezialbus abgeholt und nachmittags nach Hause gebracht", erzählt sie. Probleme hat sie in der Freizeit: beim Einkaufen oder wenn sie Freunde treffen will. "Klingt ganz banal, aber kann zur Herausforderung werden", sagt sie.

Insbesondere dann, wenn sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren muss. Besonders an Regentagen oder wenn es düster ist, hat Lucie Houben ein schlechtes Gefühl im Bauch. "Man denkt bei schlechtem Wetter noch mehr: ,Sieht mich der Fahrer oder nicht'?", berichtet die junge Frau. Allerdings hat sie auch gute Erfahrungen mit dem Busfahren gemacht: "Es gibt auch sehr nette Fahrer, die machen auch mal einen Witz, helfen mir in den Bus und wünschen einen schönen Tag."

Die meisten Haltestellen in Brüggen sind bereits barrierefrei umgebaut worden. Dazu zähle auch die Haltestelle, an der Lucie Houben einsteigt, sagt Karl-Heinz Kellerhoff, Behindertenbeauftragter der Gemeinde Brüggen. Auch er selbst sitzt im Rollstuhl, hatte bislang aber keine Probleme: "Die Busfahrer sind nicht dazu verpflichtet, dem Rollstuhlfahrer in den Bus zu helfen", sagt Kellerhof. Er empfiehlt Rollstuhlfahrern, selbst akiv zu werden: Leute gezielt ansprechen oder die Klappe zum Reinfahren in den Bus selbst herunterklappen.

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Vor einem halben Jahr war Lucie Houben bei Brüggens Bürgermeister Frank Gellen (CDU) und berichtete ihm von ihren negativen Erfahrungen. "Ich bin sofort aktiv geworden und habe die Kraftverkehr Schwalmtal kontaktiert", sagt Gellen. Danach sei es auch besser geworden, sagt Lucie Houben - doch in den vergangenen Wochen sei ihr verstärkt aufgefallen, dass sie von Busfahrern übersehen werde.

Die Kraftverkehr Schwalmtal (KVS) bittet stellvertretend für die Fahrer um Entschuldigung und verspricht, diese zu sensibilisieren: "Für mich persönlich ist es selbstverständlich, dass man einem Menschen im Rollstuhl hilft", sagt Elmar von der Forst, KVS-Geschäftsführer.

Lucie Houben berichtet, dass ihr regelmäßig auch gesagt werden, sie müsse eine Begleitperson mitnehmen. Das wäre aber keine Pflicht, sagt Behindertenbeauftragter Kellerhoff: "Im Behindertenausweis ist vermerkt, ob man das braucht oder nicht." Die junge Brüggenerin braucht keine Hilfsperson. Das müsse sie jedoch ständig aufs Neue erklären, berichtet sie. Einer ihrer Wünsche: mit mehr Respekt behandelt werden. Sie möchte sich nicht jedes Mal gestresst fühlen, wenn sie nicht weiß, ob der Bus anhalten wird oder nicht, ob ihr der Fahrer helfen wird oder nicht. "Ich möchte auch keine Entschuldigung von der KVS", sagt die 19-Jährige. "Ich wünsche mir nur, dass sie anhalten, die Rampe runterfahren und mir helfen." Elmar von der Forst hat in seinem Unternehmen einen Aushang gemacht und appelliert an die 130 Busfahrer, die für die KVS fahren, zu helfen. "Ich kann mit Sicherheit sagen, dass keiner mit Absicht an Menschen mit Handicap vorbeifährt", sagt der Geschäftsführer.

(janj)