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Weitere Lockerungen ja, aber vorsichtig

Corona-Krise im Kreis Viersen : Debatte um Lockerungen

Kommen die Lockdown-Lockerungen zu früh oder zu spät? Gehen sie zu weit oder nicht weit genug? So beurteilen die Entscheidungsträger aus dem Kreis Viersen in den Rathäusern, in Land und Bund die aktuelle Lage.

Die nächste Stufe der Lockerungen wird die Gemeinde- und Stadtverwaltungen ganz konkret betreffen. Für diesen Mittwoch wird eine Empfehlung des Kreises Viersen erwartet, wann die Verwaltungen wieder für die Bürger öffnen sollen. Die Bürgermeister haben sich darauf verständigt, dass sie im Kreis  einheitlich vorgehen wollen. „Eine komplette Öffnung der Rathäuser für den Publikumsverkehr wird es erstmal so nicht geben“, kündigte Sabine Anemüller (SPD), Bürgermeisterin der Stadt Viersen, an. „Wir werden erst wieder komplett öffnen, wenn Acrylglasscheiben geliefert und eingebaut sind – auch zum Schutz der Mitarbeiter in der Stadtverwaltung.“ Es sei bedauerlich, dass sich die Bundesländer „in was auch immer“ bei den Lockerungen überholen wollen. „Der dadurch entstandene Flickenteppich erfüllt die Bürger mit Sorge“, ist Anemüller überzeugt. „Und es befeuert in den sozialen Medien die Debatte, was richtig und was nicht richtig ist.“ Zumindest im Kreis Viersen sei deshalb das Ziel, einheitliche Regelungen zu treffen. Ob die Lockerungen in NRW zu weit gehen? „Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass man austestet“, sagt Anemüller. „Und dass man immer schauen muss, wie sich die Zahlen entwickeln. Bis jetzt haben wir Glück gehabt – Bilder wie in anderen Ländern kennen wir nur aus dem TV.“

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Hermann-Josef Bonus, Zentrale Dienste der Gemeinde Niederkrüchten, erwartet zunächst eine Öffnung der Verwaltung mit Terminvereinbarung, kein allgemeines Kommen und Gehen. Bürgermeister Kalle Wassong (parteilos) sieht bei den Rückmeldungen von Bürgern über weitergehende Lockerungen eher eine generelle Zurückhaltung: „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.“

Die Öffnung von Rathaus und Bürgerservice unter Berücksichtigung von Hygienemaßnahmen hält auch Brüggens Bürgermeister Frank Gellen (CDU) für notwendig. „Auch die Schulen und Kitas müssen schrittweise wieder öffnen“, meint er. „Die Kinder müssen raus aus der Isolation.“ Zudem sei es für die Wirtschaft unverzichtbar, wenn Kitas und Schulen wieder öffnen; außerdem sei es eine notwendige Entlastung für Eltern. Gellen wünscht sich, dass in allen Bereichen so bald wie möglich der Alltag wieder einkehrt: „Jeder vermisst menschliche Näehe, den Kontakt zu Freunden, die Öffnung der Gastronomie, spielende Kinder auf den Spielplätzen.“ Dazu seien „gute und wohldosierte Lösungen notwendig“.

„Nichts überstürzen“, mahnt Bernd Gather, allgemeiner Vertreter von Schwalmtals Bürgermeister Michael Pesch (CDU). Die Öffnung des Handels sei nachvollziehbar, alle Beteiligten hätten in den vergangenen Wochen gelernt, wie man mit der Situation umgehen müsse. „Wegen der Maskenpflicht und der Beschränkung der Kundenzahlen wird das Risiko hoffentlich nicht zu groß sein“, so Gather. Für Kinder und Eltern ist es wichtig, dass die Schulen und Kindergärten wieder öffnen. Aber: „Die Einrichtungen müssen in der Lage sein, die Infektionsschutzbestimmungen auch zu erfüllen.“ Eine weitere Öffnung von Schulen und Kitas sollte nur dann geschehen, wenn die Voraussetzungen vorliegen, etwa durch Schichtbetrieb, wechselnde Schultage und ausreichend Raum.

„Wenn in 14 Tagen die Ergebnisse der ersten Lockerungen sichtbar sind, dann sollten weitere Schritte zwischen Bund und Ländern vereinbart werden“, meint Uwe Schummer, CDU-Bundestagsabgeordneter für den Kreis Viersen. Außerdem sei es gut, dass „Gottesdienste nach entsprechenden Regeln wieder möglich werden“. Auch das soziale Engagement, die Vereine und ihre Sportstätten, sollten, wenn sie die Kriterien einhalten, ihr Leben wieder entfalten können.

Keine Schnellschüsse, das ist die Warnung des Bundestagsabgeordneten Uwe Schiefner (SPD). Man solle auf den Rat der Fachleute hören. Er begrüße die Öffnung bei Geschäften, Friseuren und Dienstleistern. Aber weitere Lockerungen müssten fundiert sein, ein weiterer Rückgang der Infizierten-Zahlen sei die Voraussetzung. Die Entscheidung müsse überparteilich gesehen werden, sie eigne sich nicht, beim Wähler zu punkten. Er selbst könne sich bei einem Rückgang der Zahlen Lockerungen im Sport draußen und in der Außengastronomie durchaus vorstellen. Aber man müsse vernünftig und dürfe nicht sorglos an die Sache herangehen: Die Krise werde uns noch Monate bis ins nächste Jahr begleiten.

„Klug abwarten“ ist die Empfehlung des Landtagsabgeordneten Marcus Optendrenk (CDU) aus Nettetal. Das Erreichte im Kampf gegen die Pandemie dürfe man nicht aufs Spiel setzen. Die Menschen hätten toll mitgezogen, die Maßnahmen hätten Wirkung gezeigt. Trotzdem müsse die Politik nachdenken, „wie wir zurück in Nach-Corona-Zeiten wollen und müssen“. Die ersten Lockerungen seien am 20. April in Kraft getreten. Jetzt müsse man 14 Tage Inkubationszeit abwarten. Nachdenken könne man über Sport im Freien, individuelles Training, aber nicht über Wettkämpfe. Am Donnerstag berät sich Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Ministerpräsidenten der Länder. Dann werde man weitersehen.

Landrat Andreas Coenen (CDU) sagt: „Die Lockerungen waren zu diesem Zeitpunkt vertretbar.“ Wenn die Menschen sich weiterhin an die Kontaktregeln halten, könne es hoffentlich dabei bleiben. „Genau können wir das erst anhand der Infiziertenzahlen der nächsten Tage beurteilen“, sagt der Landrat. Vernünftig sei, dass NRW nun eine Maskenpflicht in Geschäften und im öffentlichen Nahverkehr beschlossen hat. Coenen: „Alle müssen dazu beitragen, die Schwächsten zu schützen, so gut es geht.“