Was den Bahnhöfen in Viersen und Nettetal fehlt

VRR-Prüfer im Kreis Viersen: Was den Bahnhöfen in Viersen und Nettetal fehlt

Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr hat die Bahnhöfe mit einem Ampelschema bewertet. Erkenntnis: Boisheim und Breyell haben sich gegenüber dem Vorjahr verschlechtert, Kaldenkirchen und Dülken bleiben „rot“. Ein Besuch vor Ort.

Eine rote Plastiktüte schwimmt in einer Pfütze neben dem verschlossenen Bahnhofsgebäude, aus der düsteren Unterführung dringt der Geruch von Urin. Und auch die Pfütze unter dem Papierkorb in einer Ecke des Bahnhofsgebäudes scheint nicht vom Abfall zu stammen. Darauf einen Underberg – die leere Flasche liegt gleich daneben. Willkommen am Bahnhof in Kaldenkirchen!

Wer diesen ungastlichen Ort schnell verlassen will, muss schon zweimal hinschauen, wo’s langgeht: Graffiti überlagern in der Unterführung die Infotafeln, auf denen der Reisende eigentlich erfahren sollte, in welche Richtung die Züge an welchem Bahnsteig fahren.

Graffiti am Kaldenkirchener Bahnhof weisen auf einen Missstand hin. Foto: Martin Röse

Als im Jahr 2017 die Tester des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr (VRR) in Kaldenkirchen Station machten, gab’s ein „mangelhaft“ – eine rote Ampel. Und als sie 2018 wiederkamen, gab’s erneut die rote Ampel. Der Bahnhof sei modernisierungsbedürftig, heißt es im Bericht des VRR. Aufzug und Blindenleitspur kann man lange suchen – beides ist nicht da. Dafür sprießt auf dem kopfsteingepflasterten (!) Bahnsteig an einer Stelle grünes Gras. Frühling, ja du bist’s...! „Es ist in den vergangenen Jahren immer schlimmer geworden“, sagt ein Mann, der auf seinen Zug Richtung Venlo wartet. Am Bahnsteig gegenüber hat jemand die Botschaft „Geld zum Putzen, aber Bahnhof sieht trotzdem scheiße aus“ auf ein Häuschen gesprüht. An der Tür erkennt man Einbruchspuren.

Der Bahnhof in Kaldenkirchen. Foto: Martin Röse
Aus der Unterführung in Kaldenkirchen zieht ein Geruch von Urin. Foto: Martin Röse

Gute Nachricht für Kaldenkirchener: Der Bahnhof wird modernisiert. Die Gelder sind schon eingeplant – in der „Modernisierungsoffensive 3“, wie es die DB Netz AG nennt. So soll ein Aufzug nachgerüstet werden. Die Unterführung soll neu gebaut werden. Außerdem werden die Bahnsteige erhöht oder ebenfalls komplett neu gebaut. Und: Die Bahnsteigausstattung wird erneuert. Wann die Arbeiten voraussichtlich beginnen, will die Deutsche Bahn in der kommenden Woche mitteilen.

Am Bahnhof in Breyell verdeckt das Graffito wenigstens keine „Informationen“. Der Schaukasten ist nämlich leer. Foto: Martin Röse

Der Bahnhof Breyell ist gar kein Bahnhof, sondern lediglich ein Bahnsteig mit Wartehäuschen. Im Jahr 2017 gaben die Prüfer des VRR dem Bahnhof eine grüne Ampel – alles in Ordnung. Bei ihrem Besuch im Jahr 2018 sprang die Ampel auf gelb. Insbesondere wegen Graffiti an den Bahnsteigen. Wer aus dem Wartehäuschen durch die Glasscheibe einen Blick auf die Gleise werfen will, fühlt sich wie im „Abendlied“ von Matthias Claudius: „Und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar.“ Und das, obwohl kein Mond aufgegangen ist und die Sonne strahlt. Die Scheiben sind stumpf geworden von der Entfernung der Graffiti. Auf einem Schaukasten ist ein Graffito noch zu sehen: „7177“ steht dort in großen Ziffern. Informationen werden nicht verdeckt – der Schaukasten ist leer.

Hasan Özgür von der Deutschen Bahn macht am Bahnhof Dülken sauber. In den roten Tüten befindet sich der Müll aus den Papierkörben. Foto: Martin Röse

Dass der Bahnhof erst kürzlich neu gestaltet wurde, sieht man ihm noch an: Ein großzügiger, überdachter Fahrradunterstand befindet sich gleich neben dem Bahnsteig, eine Blindenleitspur weist auch Menschen mit Sehbehinderungen den Weg. „Eigentlich ist der Bahnhof in Ordnung“, sagt eine ältere Dame, die gerade ihr Rad abstellt und zum Zug will. „Ich würde mir allerdings bessere Informationen am Bahnsteig wünschen, wenn mal ein Zug später kommt.“ Große Hinweistafeln wie am Viersener Bahnhof gibt es auf den Bahnsteigen in Breyell nicht. Die sind auch erstmal nicht geplant.

Der Bahnhof in Boisheim. Foto: Martin Röse

Dicke Wolken über dem Bahnhof Boisheim: Die VRR-Tester haben den Haltepunkt abgewertet. Statt einer grünen Ampel wie im Jahr 2017 gab’s beim jüngsten Besuch nur noch gelb. Und den Hinweis: „Modernisierung erforderlich“. „Der Bahnhof ist leider immer wieder Ziel von Vandalismus und Graffiti“, sagt ein Bahnsprecher. „In der Gesamtbetrachtung ist die im Vergleich zum Jahr 2017 schlechtere Bewertung im VRR-Stationsbericht im Wesentlichen auf Graffiti-Schäden zurückzuführen.“ Dieses Kriterium sei mit rund einem Viertel am Gesamtergebnis besonders stark gewichtet worden.

Im Boisheimer Wartehäuschen riecht es nach kaltem Rauch. Etliche Kippen liegen unter der Sitzbank. Foto: Martin Röse

„Die Graffiti sind gar nicht das Problem“, sagt ein junger Mann und deutet auf den Fahrradparkplatz. „Viel schlimmer ist doch, dass wir die Räder hier nicht anständig abstellen können.“ Eine überdachte Radstation gibt es in Boisheim nicht, auch „Schließfächer“ wie am Viersener Bahnhof sucht man vergebens.

Einen überdachten Fahrradabstellplatz gibt es nicht. Der VRR sieht einen Modernisierungsbedarf. Die Bahn sagt: Aktuell gibt es keine Modernisierungspläne. Foto: Martin Röse

Im Wartehäuschen riecht es nach kaltem Zigarettenrauch. Unter der Sitzbank liegen viele Kippen. Hier macht Warten keinen Spaß.

Der Bahnhof in Viersen. Vorne hui! Foto: Martin Röse

Und barrierefrei ist der Bahnhof auch nicht. Der Bahnsprecher sagt: „Eine Modernisierung ist derzeit nicht geplant.“

Der Bahnhof in Viersen: Hinten eher pfui. Der Fußgängertunnel soll aber ab nächstem Monat verschönert werden. Foto: Martin Röse

Laut ist es am Bahnhof Dülken. Während Hasan Özgür rote Mülltüten zum Auto schleppt, pustet sein Kollege mit dem Laubbläser Unrat zusammen. Beim Teilbereich „Sauberkeit“ bekam der Bahnhof Dülken von den VRR-Testern bei ihrem jüngsten Besuch die rote Ampel. Auch die Gesamtbewertung war tief rot. Wie schon im Vorjahr.

Wer den Viersener Bahnhof betreten will, kommt nicht durch diese Tür. Die ist nämlich „defect“. Foto: Martin Röse

An diesem Freitag sind die Mülleimer frisch geleert, auf den Bahnsteigen liegt kein Papier. Trotzdem hinterlässt der Bahnhof keinen guten Eindruck. Einer der beiden Aufzüge wurde beschädigt – ein dicker Sprung zieht sich durch das Glas. Trotzdem: Er funktioniert. Wer stattdessen die Treppe zum Bahnsteig nehmen möchte, muss ein bisschen waten. Eine große Pfütze hat sich am Treppenabsatz gebildet, obwohl der letzte Regenschauer schon ein bisschen länger zurückliegt.

Ein älteres Ehepaar steigt aus dem Zug. „Schlimm“ sei das mit dem Bahnhof, sagen sie übereinstimmend. „Alles ist beschmiert.“ In der Tat: Graffiti finden sich an vielen Stellen. Und das, obwohl es doch in Punkt 3 der Hausordnung des Bahnhofs klar geschrieben steht: „Verboten sind: Besprühen, Bemalen, Beschriften, Beschmieren, Verschmutzen, Beschädigen, Bekleben oder Missbrauchen von Ausstattungsgegenständen, Flächen, Decken und Wänden.“ Allerdings hängt diese Hausordnung nicht am Bahnhof, sie kann man sich im Internet herunterladen. Wer das tut, weiß auch, was die Deutsche Bahn mit denen macht, die dabei erwischt werden: „Für absichtlich herbeigeführte Verschmutzungen stellen wir, für die entstandenen Reinigungskosten, ein Bearbeitungsentgelt (mindestens 40 Euro) in Rechnung.“ Wie wenig abschreckend das ist, ist am Dülkener Bahnhof an so ziemlich jeder Wand zu sehen.

„Graffiti sind bei der Deutschen Bahn Schwerpunkt der Vandalismusdelikte“, berichtet der Bahnsprecher. Der Schaden, der der Bahn durch Vandalismus und Graffiti entsteht, belief sich 2018 an NRW-Bahnhöfen auf rund 2,8 Millionen Euro. Die Bahn werde auch in Zukunft – ganz im Sinne des Kunden – Schmierereien so schnell wie möglich entfernen.

Reisende soll man bekanntlich nicht aufhalten. Am Viersener Bahnhof klappt das schon mal nicht. „Defect“, steht an der Tür zum Bahnhof. Weiter geht’s, zur nächsten Tür. Drinnen macht das Bahnhofsgebäude, das sich in privater Hand befindet, einen guten Eindruck. Der Boden glänzt. Handwerker richten ein neues Ladenlokal her. In einem Teilbereich wird die Decke gestrichen. Und das öffentliche, behindertengerechte WC, von der Stadt mit rund 100.000 Euro bezahlt, ist in einem guten Zustand.

Auch von außen macht der Viersener Bahnhof einen guten Eindruck. Repräsentativ. Eine schöne Visitenkarte – wenn man sie nicht umdreht. Denn während Viersens Bahnhof vorne hui ist, ist er vom rückwärtigen Eingang her dann doch ziemlich pfui. Die Wände zum Fußgängertunnel sind beschmiert, der ist eher finster, von den Kacheln platzt die Farbe, auch die Decke ist unansehnlich. Feuchtigkeit sorgt dafür, dass der Putz bröckelt.

Auf Vermittlung des SPD-Bundestagsabgeordneten Udo Schiefner machte sich Deutsche-Bahn-NRW-Chef Werner Lübberink vor nunmehr knapp zwei Jahren vor Ort ein Bild von den Zuständen im Tunnel. Und teilte Monate später mit, das Problem der undichten Decke der Personenunterführung sei kurzfristig nicht zu lösen. „Tropfsteinhöhle“, hatte Bürgermeisterin Sabine Anemüller (SPD) die genannt. Und vor einem Jahr einen Kompromiss mit der Deutschen Bahn erreichen können: keine Komplettsanierung, für die auch der gesamte Zugverkehr über Monate eingestellt werden müsste, stattdessen einen Geldbetrag, der dafür sorgt, dass der Tunnel ansehnlicher wird.

Vor knapp einem Jahr ließ sich Anemüller Skizzen von Emil Schult zeigen – der Kurzzeit-Gitarrist der Band Kraftwerk, der auch den Text für „Das Model“ schrieb, und als Künstler einen Schwerpunkt in Hinterglasmalerei hat, hatte eine Idee, wie der unansehnliche Teil des Bahnhofs wieder ansehnlicher werden könnte. Seither ist viel Wasser die Niers und die Personenunterführung heruntergelaufen. Wie ist der Stand der Dinge? Ein Anruf bei Viersens Bürgermeisterin. „Unser Ziel ist nach wie vor, dass wir den Fußgängertunnel mit künstlerischen Objekten verschönern. Die Hinterglasmalerei eignet sich besonders gut, weil man die Werke nicht so schnell kaputt bekommt“, sagt sie. Die Bilder sollen an den Stirnseiten der Aufgänge zu den Bahnsteigen montiert werden – in einer Höhe, die für Graffiti-Sprüher schwer zu erreichen ist. „Es hat ein bisschen gedauert, bis wir alles mit der Deutschen Bahn klären konnten, die ja Eigentümerin des Tunnels ist“, erklärt Anemüller. „Aber jetzt haben wir den Zeitplan fest: Im kommenden Monat wollen wir zunächst mit Putzarbeiten in der Unterführung beginnen, im Mai sollen dann die Werke von Emil Schult installiert werden. Sie zeigen Viersener Motive.“ Städtische Gelder fließen nicht in die Maßnahme. „Das bezahlt komplett die Deutsche Bahn“, betont die Bürgermeisterin. Die Prüfer des VRR haben den Viersener Bahnhof aufgewertet, aus einer roten Ampel im Jahr 2017 wurde bei dem letzten Besuch eine gelbe. Trotz Graffiti in den Zugängen und auf den Bahnsteigen. Anemüller sagt: „Früher war das besser, als es eine Aufsicht im Bahnhof gab.“ Es sei bedauerlich, wenn Gemeinschaftseigentum zerstört werde. Anemüller: „Wir arbeiten daran, damit im Viersener Bahnhof in Zukunft wieder eine Aufsichtsperson eingesetzt wird.“

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