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Walter Tillmann aus Viersen hat ein Rätsel um ein Museumsstück gelöst

Viersen : Geschichte einer Rietblattbindemaschine

Der Viersener Walter Tillmann hat die Herkunft einer Maschine aus dem Textil-Technikum ergründet.

Wenn Walter Tillmann den Katalog vom Textil-Technikum im Monforts-Quartier in Mönchengladbach auf einer der ersten Seiten aufschlägt und die dazugehörige Beschreibung unter dem Punkt A 21 liest, dann schüttelt der Viersener den Kopf. „Rietblattbindemaschine, Hersteller nicht bekannt. Baujahr: 1775, kleinere Ergänzungen 1910“, heißt es dort. Die Aussage, dass der Hersteller unbekannt ist, stimmt nämlich nicht mehr. Zumindest seit dem Moment, wo Tillmann das Textil-Technikum in Mönchengladbach besucht hat.

Der Textil-Diplomingenieur kennt die alte Rietblattbindemaschine nämlich schon seit Jahrzehnten und weiß genau, wer sie einst gebaut hat. „In Sachen dieser Maschine muss ich in die 60er Jahre zurückgehen. Dazu gehört nämlich eine interessante Geschichte voller Zufälle“, sagt Tillmann. Ein Schweizer Verlag, der über Hilfsmittel der Handweberei berichten wollte, schrieb den Viersener Textilfachmann Ende der 60er Jahre an und fragte nach, ob er wüsste, wo sich die älteste noch vorhandene Webeblattbindemaschine befinden würde. Die Maschine diente seinerzeit zum Herstellen der Webblätter für die Handweberei. Das Riet, auch Blatt genannt, ist eines der wichtigsten Teile des Webstuhls. Der Verlag wusste zudem von einem Buch, in dem die besagte Maschine abgebildet war, konnte aber kein Exemplar dieses Werks mehr finden.

Das Riet eines Webstuhles bestand aus gespaltenen Rietstängeln, die auf zwei doppelten Holzstäben verschnürt wurden. Es nimmt die Kettfäden in der Gewebebreite auf, leitet die Schussspule und schlägt den eingetragenen Schlussfanden an das Gewebe. Foto: Ja/Knappe, Joerg (jkn)

In Sachen Standort der Maschine konnte Tillmann nicht weiterhelfen, den wusste er ebenso wenig. In Sachen Buch brauchte er nur seine eigene Bibliothek aufzusuchen und in einen seiner Bücherschränke zu greifen, wo das Werk „Bedeutung, Werdegang und Herstellung des Webblattes“ von Emil Schmidt steht. Auf Seite 17 ist die Rietblattbindemaschine zu sehen, auf deren Aufsatz sich ein Deckel samt Glocke samt Inschrift „Abraham Vohwinkel in Vierschen hat diß östroment Vor Christian Driescher Gemacht 1775“ befindet. Tillmann informierte den Verlag entsprechend; der alte Schriftverkehr, ordentlich abgeheftet, befindet sich noch in seinen Unterlagen.

Der Zufall wollte es, dass der Viersener kurze Zeit später zwecks eines Vortrages auf Schloss Rheydt eingeladen wurde, das damals gerade dabei war, ein eigenes Textilmuseum einzurichten. Tillmann kam mit der damaligen Direktorin ins Gespräch und erzählte von dem Schweizer Kontakt und der Suche nach der Rietblattmaschine. „Sie meinte, sie hätten so etwas auf dem Speicher stehen. Eine Art Gestell, das sie selber als Häckselmaschine nutzen würden, um Futter aufzuschneiden. Ich sagte damals sofort, dass ich diese Häckselmaschine gerne einmal sehen würde“, erinnert sich Tillmann. Es ging auf den Speicher, und als der Textil-Ingenieur die Maschine sah, wusste er sofort, was er vor sich hatte. Es war die besagte Riet­blattbindemaschine, allerdings ohne den Deckel, wie er im Buch abgebildet war. Die Maschine wurde restauriert, wobei der Original-Deckel verschollen blieb. Von Schloss Rheydt wanderte das alte Schätzchen später ins Textil-Technikum, und zwar mit dem Vermerk: Hersteller unbekannt.

Dieses „Unbekannt“ konnte Tillmann jetzt revidieren, als es mit dem Viersener Heimatverein ins TextilTechnikum ging. Durch einen vorherigen Besuch wusste der Viersener, dass die Rietblattbindemaschine dort steht, und es war für die Führung mit dem Heimatverein abgesprochen worden, dass der Viersener Fachmann sich in die Erläuterungen des dortigen Museumsführers einbringen würde, wenn spezielle Themen auftauchten, die für die Viersener von besonderem Interesse sein könnten. Was natürlich für die Rietblattbindemaschine galt. Ihr Erbauer Vohwinkel war in Viersen seinerzeit kein Unbekannter, wie Tillmann bei weiteren Recherchen feststellte. Er fand ihn in den Berufslisten von 1774, die sich im Stadtarchiv befinden. Seine Werkstatt befand sich in der Kerker Vrogen, was der heutigen nördlichen Hauptstraße entspricht. Dort war er auch als Schiedsmann tätig und zudem in der evangelischen Kirchengemeinde aktiv. Seinen Grabstein fand Tillmann indes in der Kreuzkirche an der Hauptstraße. Tillmann würde es nun begrüßen, wenn im Katalog im Textil-Technikum aus dem „Unbekannt“ ein „Abraham Vohwinkel“ wird.