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Vorhang auf - wegen Corona findet Politik in Viersen jetzt in der Festhalle statt

Corona in Viersen : Vorhang auf — große Bühne für die Politik

Die Politik erobert die Festhalle. Wegen der Corona-Krise tagt der Viersener Hauptausschuss am Montagabend erstmals in der Festhalle. Zuhörer bekommen bei der Premiere Logenplätze.

Endlich bekommt Viersens Kommunalpolitik den Platz, den sie verdient! Die ganz große Bühne im wohl imposantesten Bau, den diese Stadt zu bieten hat. Coronabedingt werden sich die Politiker am Montagabend zur öffentlichen Sitzung im großen Saal der Festhalle zusammenfinden. Und die Zuhörer dieser Premiere bekommen die ersten Logenplätze zugewiesen. Wie weiland Waldorf und Statler in der Muppet-Show können sie von dort das Geschehen scharfzüngig kommentieren – aber bitte leise, denn Bei- und Missfallensbekundungen von den Zuschauerplätzen sind bekanntlich nicht gestattet.

Zunächst dürfen die Besucher natürlich die eleganten, reich geschmückten ionischen Säulen mit ihren zahlreichen Kanneluren am Eingang passieren, ehe ihnen Einlass gewährt wird. Möge die klassizistische Bauweise mit ihren Verweisen auf griechische Architektur den Ratsmitgliedern und Zuschauern ein erhabenes Gefühl für die glücklichen Zeitläufte seit der Liaison von demos und kratos verschaffen!

Die Festhalle ist ein passender Ort, denn ursprünglich war sie mal von Vertretern des Viersener Turnvereins 1848 als reine Turnhalle ersonnen worden – und wurde bis 1925 durchaus auch als solche genutzt. Nun, fast 100 Jahre später, können die Zuschauer endlich wieder verfolgen, wie Klimmzüge gemacht werden – wenn auch nur rhetorische, beispielsweise bei der durchaus strittigen Frage, ob die Stadt den Kreditdeckel anheben soll (Tagesordnungspunkt 18).

Die Viersener Festhalle ist aber auch deshalb ein passender Ort für die politische Auseinandersetzung, weil sie schon Schauplatz grausiger Ereignisse war. 1964 wurden dort coram publico unschuldige, lebende, kleine Kätzchen an eine Python verfüttert. Die Schlange war so satt wie das öffentliche Entsetzen groß. Mau! Fressen und gefressen werden – auch das gehört zur Politik dazu. Am Montag wird es in der Festhalle darum gehen, Hunde zu befreien – von der Steuerpflicht, wenn sie aus einem Tierheim der Region genommen werden, für zwei Jahre. (Tagesordnungspunkt fünf).

Auch für den Tagesordnungspunkt 16 ist die Festhalle der geeignetere Ort als das übliche Cambridgeshire-Räumchen im spröden Forum. Die Verwaltung wird darüber informieren, dass der Marathon der Wiederbesetzungssperre seit 2012 zu Einsparungen von mehr als sieben Millionen Euro geführt hat – dem FDP-Fraktionsvorsitzenden Stefan Feiter dürften angesichts dieser Nachricht noch die jubilierenden Aida-Trompeten aus dem Triumphmarsch der erst kürzlich in der Festhalle aufgeführten Oper im Ohr klingen.

Ein bisschen schade freilich ist, dass die Tagesordnung des Haupt- und Finanzausschusses am Montag nicht die Haushaltseinbringung enthält. Generationen von Kämmerern nutzen diese Gelegenheit üblicherweise, um große Philosophen zu zitieren – und wo wäre der geeignetere Rahmen dafür, Aristoteles & Co. eine Stimme zu leihen als in der Festhalle mit ihrer ausgezeichneten Akustik?

Hauptausschuss Montag, 27. April, 18 Uhr, Festhalle, Hermann-Hülser-Platz, der Eintritt ist frei.