Viersen: Von Viersen in die Welt — und zurück

Viersen: Von Viersen in die Welt — und zurück

Sie zogen aus, nach Bayern, Paris und Australien. Irgendwann kamen sie wieder. Drei Frauen sprechen über ihre Liebe zur Heimat

Nach 30 Jahren in Dülken bin ich für neun Monate ausgewandert - nach Australien. Heute wohne ich wieder in Viersen und das in genau dem Klassenzimmer, in dem ich als kleines Mädchen in der Kreuzherrenschule unterrichtet wurde. 2012 habe ich beschlossen, eine längere Zeit ins Ausland zu gehen. Neun Monate Work&Travel in Down Under, das war der Plan. Als ich damals mit der Schule fertig war, dachte ich nicht über so was nach. Man machte eben eine Ausbildung und verdiente Geld. Also fing ich als Krankenschwester im St.-Irmgardis-Krankenhaus an. Irgendwann reifte aber der Wunsch in mir, ein fernes Land zu erkunden, und zwar nicht im Urlaub, sondern wirklich für eine längere Zeit. Mein Arbeitgeber erlaubte mir, ein Jahr unbezahlten Urlaub zu nehmen, und ich machte mich auf den Weg nach Australien.

In neun Monaten habe ich viele verschiedene Orte des Kontinents gesehen. Ich arbeitete drei Monate lang, sechs Tage die Woche, auf einer Orangenplantage und reiste den Rest der Zeit durch den Norden und Tasmanien, durch die Westküste und war natürlich auch in den großen Städten wie Sydney. Mich von meiner Familie, vor allem meinem Patenkind, zu verabschieden, war das Schlimmste. Besonders während der Arbeit hat mir der Kontakt nach Dülken gefehlt. Damals hatte ich noch kein Smartphone, man konnte nicht so regelmäßig voneinander hören. Natürlich habe ich aber auch in Australien Freunde aus aller Welt gefunden und die Zeit dort hat sich gelohnt. Besonders vermisse ich gerade jetzt den blauen Himmel. Von den Australiern habe ich gelernt, gelassener zu sein. Sie machen sich aus so vielem nichts.

Vor einiger Zeit habe ich von dem Projekt von Ulf Schroeders gehört, der die Kreuzherrenschule in ein Mietshaus verwandelt hat. Dort einzuziehen, fand ich spannend. Aus Zufall habe ich mein eigenes Klassenzimmer erwischt. Nur noch wenig erinnert an die alte Zeit. Der alte Linoleumboden ist raus, in den Klos sind Cafés entstanden, der Schulhof wurde vorübergehend zum Parkplatz. Irgendwann vergisst man sogar, dass man in seiner Schule wohnt. Natürlich dachte ich daran, in Australien zu bleiben, aber besonders jetzt wird mir klar: Zuhause ist's auch schön."

Martina Kutscheid

Dass ich langfristig am Niederrhein bleiben wollte, war für mich immer klar. Wie die Leute hier drauf sind, und dann noch der Karneval, das gibt es nirgendwo sonst. Zusammen mit meinen zwei Schwestern bin ich in Süchteln aufgewachsen. Nach dem Abitur am Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasium ging ich als Au-pair nach Spanien und absolviere jetzt seit 2014 ein duales Pflegestudium in Nürnberg und arbeite in Würzburg.

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Viersen zu verlassen, war zwar eine Umstellung (immerhin ist in Bayern Fasching), aber es ist mir nicht wirklich schwer gefallen. Ich wusste ja, dass ich irgendwann wieder zurückkomme - und dann ist das Heimweh nicht so schlimm. Ungefähr einmal im Monat fahre ich nach Hause. In Süchteln lebt meine Familie, und viele Freunde aus der Schule sind entweder geblieben oder kommen auch regelmäßig von dort zurück, wo es sie jetzt hin verschlagen hat. Da ist es natürlich immer wieder toll, heimzukommen. Im September werde ich meine Ausbildung abschließen, mein Studium mache ich dann als Fernstudium weiter.

Einen Job am Niederrhein habe ich sogar schon in Aussicht, nur wo ich zwischen Düsseldorf und Viersen wohnen werde, weiß ich noch nicht. In Bayern zu bleiben, das stand nie zur Debatte. Zwar habe ich hier in Franken den Wein lieben gelernt, aber schon allein wegen meiner Freunde will ich zurück in die Heimat. Das ist mir besonders wichtig. Ich glaube, wir werden noch mit 40 oder 50 Jahren so drauf sein wie in der Abi-Zeit." Ann-Kathrin Ix

Ich bin froh, nach 20 Jahren wieder in meiner Heimatstadt zu leben. Dabei stand Viersen als Lebensmittelpunkt nicht auf meinem Plan. Nach dem Abitur wollte ich nichts wie weg. Ich studierte in Bonn und Paris, lebte eine Zeitlang in Köln, arbeitete als Redakteurin bei einer rheinischen Tageszeitung und wechselte später in den PR-Bereich, unter anderem als Sprecherin der Opernhäuser in Essen und in Düsseldorf. Mit der Familie und einigen Freunden aus Viersen hielt ich Kontakt, manchmal traf man sich. Aber Heimweh war mir fremd. In der großen Stadt spürte ich den Puls der Zeit, Kultur aller Schattierungen, es war einfach so viel los. Dann starb mein Vater. Mein Mann und ich entschlossen uns, nach Viersen zu ziehen, um in der Nähe meiner Mutter zu sein - vorübergehend, dachten wir. Aber es verging ein Jahr und noch eins. Und dann war es mein Mann, der nach langen Wanderjahren den Impuls verspürte, Wurzeln zu schlagen: Komm, lass' uns bleiben, ist doch schön hier. Ich hatte nichts dagegen. Und so blieben wir - bis heute. Mit der Zeit habe ich eine ganz neue Heimatverbundenheit entwickelt. Ich mag die Kleinstadt in ihrer Gemächlichkeit, schätze die Nähe zu größeren Städten, liebe die Süchtelner Höhen als Rückzugsort. Ich finde, hier ist mehr los, als man denkt, und hänge an unserem großen Freundeskreis. Kurzum: Ich vermisse nichts." Claudia Holthausen

Protokolliert von Alexander Triesch.

(atrie)
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