Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus: Von Süchteln in die Gaskammer

Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus: Von Süchteln in die Gaskammer

In der NS-Zeit wurden rund 1100 Patienten aus der Heil- und Pflegeanstalt Johannistal in Vernichtungsanstalten gebracht. In Waldniel-Hostert gab es eine Zweigstelle der Süchtelner Klinik. An beiden Orten erinnerten gestern junge und alte Menschen an die Opfer

Einmal kam der Vater zu Besuch und hatte einen Koffer voller Puppen dabei. Eine Puppe für jede Tochter. Daran erinnert sich Margot Liskes noch gut. Sie war keine fünf Jahre alt, als der Vater in die Heil- und Pflegeanstalt Johannistal in Süchteln kam. Was er hatte? Das weiß die heute 81-Jährige nicht. "Es hieß, er hätte einen Schlaganfall gehabt, er war halbseitig gelähmt", sagt die gebürtige Viersenerin. Doch ob das stimmt? Niemand hat es ihr je erzählt. "Man durfte ja nicht darüber reden."

Rund 550 Menschen starben in der NS-Zeit in Hostert. Dort erinnerten gestern Schüler der Europaschule mit Gegenständen wie einem Schuh an die ermordeten Patienten. Foto: Busch

Johann Andreas Bohnen wurde 1908 geboren. Er wuchs in Mönchengladbach-Venn auf, heiratete eine Dülkenerin. Vier Töchter bekam das Paar. Das fünfte Mädchen war unterwegs, als der Vater im Dezember 1939 in die Anstalt eingewiesen wurde. Manchmal besuchte die Familie den Vater. Und manchmal besuchte er seine Familie zu Hause. Dann ging er mit den Töchtern spazieren. Auch daran erinnert sich Margot Liskes noch.

Im Mai 1941 wurde der Vater in die Heil- und Pflegeanstalt Galkhausen gebracht. Seine Mutter und seine Schwester fuhren im Juni hin, um ihn zu besuchen. Wenige Tage später wurden 92 Patienten aus Galkhausen in die NS-Tötungsanstalt Hadamar gebracht und in der Gaskammer ermordet. Der Vater, 33 Jahre alt, war einer von ihnen.

Mehr als 1100 Menschen aus der Heil- und Pflegeanstalt Johannistal starben zwischen 1939 und 1945, darunter auch viele Kinder und Erwachsene, die in der Zweigstelle in Waldniel-Hostert untergebracht waren. Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen wurden in Tötungsanstalten gebracht und ermordet. In Waldniel erhielten Kinder Schlafmittel in tödlicher Dosis. Männer, Frauen und Kinder starben durch Nahrungsentzug, durch falsche Medikamente.

An die getöteten Patienten erinnerten gestern die Teilnehmer der Gedenkfeiern zum 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Schüler der Krankenpflegeschule Süchteln und der Europaschule Waldniel schlugen in ihren Beiträgen den Bogen in die Gegenwart: Die Krankenpflegeschüler erklärten, wie wichtig es ihnen sei, jeden Menschen zu achten, Zivilcourage zu zeigen, wo es nötig sei, die Lebensgeschichte jedes Einzelnen zu berücksichtigen und in der Bevölkerung ein Bewusstsein für Menschen mit psychischen Erkrankungen zu schaffen. Reiner Blix vom "Initiativkreis 27. Januar" formulierte die Wünsche der Patienten. Sie wollten mit Respekt behandelt werden, wollten Pfleger, die Partei ergreifen, auch wenn sie Sanktionen zu befürchten hätten.

Die Waldnieler Schüler ließen durch einen Gegenstand, einen Schuh etwa oder eine Jacke, die Erinnerung an die einstigen Patienten der Anstalt aufleben. Sie erzählten von dem jungen Wilhelm, der in einer Werkstatt arbeitete und stolz auf jedes fertiggestellte Werkstück war, und von der fast blinden Luise, die sich so gern im Kreis drehte und lachte, wenn man ihr ein Lied vorsang. Anders als viele andere hatte Luise Glück: Eine Pflegerin, Schwester Lisbeth, radelte nach Mönchengladbach zu den Eltern und bat sie, das Kind zurück nach Hause zu holen. Und das gelang den Eltern auch.

2006 verlegte der Bildhauer Gunter Demnig vier Stolpersteine auf dem LVR-Gelände in Süchteln. Vielerorts gibt es diese Gedenktafeln, die mit Namen an die Opfer der NS-Zeit erinnern. Auf dem Klinikgelände erinnern die vier Steine an sehr viele Menschen - und machen klar, dass diese Männer und Frauen dort, in diesem Haus, lebten, bevor sie in die Gaskammer gebracht wurden: Am 9. Mai 1941 wurden 90 Frauen aus Süchteln nach Hadamar transportiert, am 11. Juni folgten 45 weitere. 137 Männer wurden am 19. Mai 1941 in die Tötungsanstalt verlegt, am 8. August 1941 erneut 84.

Die sterblichen Überreste von Johann August Bohnen wurden eingeäschert. Seine Mutter in Mönchengladbach-Venn erhielt die Nachricht vom Tod des Sohnes, "und meine Tante informierte dann meine Mutter", erinnert sich Margot Liskes. In Venn wurde die Urne mit der Asche des Vaters beigesetzt.

Nach dem Tod des Mannes musste die Mutter mit den Kindern allein zurecht kommen. Nie habe sie vor den Kindern über das gesprochen, was passiert war, nie habe sie den Töchtern vom Vater erzählt, sagt Margot Liskes. "Aber sie hatte große Angst, auch einen von uns zu verlieren, das haben wir gemerkt", sagt die 81-Jährige. "Wenn wir draußen gespielt haben, mussten wir immer früh nach Hause." Dann wurden Mutter und Töchter auch noch ausgebombt, "wir hatten nichts mehr".

Für die Vorbereitung der Gedenkfeier erzählte die Viersenerin der Klinikseelsorgerin Beate Dahlmann und den Krankenpflegeschülern ihre Geschichte. Sie will erzählen, was lange Zeit nicht erzählt werden durfte, und helfen, dass die Toten nicht vergessen werden. Heike Guckelsberger, stellvertretende Ärztliche Direktorin der LVR-Klinik, betonte gestern, das Schicksal der Pflegebedürftigen mahne "zur Überprüfung unseres täglichen Handelns, wenn wir uns vor Augen führen, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind".

(RP)
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