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Kreis Viersen: Von Roten und Schwarzen verseucht

Kreis Viersen : Von Roten und Schwarzen verseucht

Erste Gründungen von NSDAP-Ortsgruppen im Kreis seit Sommer 1930. Die Hitlerbewegung will den "schwarzen" Niederrhein verändern. Leicht hatten es die Braunhemden in dieser Region indes nicht. Besonders von katholischer Seite schlug ihnen empfindlicher Widerstand entgegen.

Während 2010 vor allem des Endes des Nationalsozialismus vor 65 gedacht wurde, ist es nicht falsch, einen Blick auf die Anfänge der Nazis im Kreis Kempen-Krefeld zu werfen. Trotz zum Teil absichtlicher Vernichtung von Unterlagen am Kriegsende sind wir relativ gut über den Beginn der Nazibewegung hierzulande unterrichtet.

Das ist nicht zuletzt Joachim Lilla zu danken, der 1999 in einer Studie im Heimatbuch des Kreises den "Versuch einer Bestandsaufnahme" der Organisation der NSDAP im Kreisgebiet unternahm. Dr. Arie Nabrings hat 1992 eine eigene Untersuchung über die Anfänge der Nazis in Viersen, Dülken, Süchteln und Boisheim vorgelegt ("Der kurze Weg zu Macht").

In der zweiten Jahreshälfte 1930 wurden die ersten Ortsgruppen in Anrath ("Stützpunkt"), Breyell, Dülken, Kaldenkirchen, Kempen, Lobberich, Osterath und St. Tönis gegründet.

Leicht hatten es die Braunhemden am Niederrhein nicht. Besonders von katholischer Seite schlug ihnen empfindlicher Widerstand in vielfältiger Form entgegen. In einem von der Partei 1938 veröffentlichten "Rückblick" stellte NSDAP-Kreisleiter Heinrich Niem trotzig fest: "Früher sprachen wir so häufig von einem ,schwarzen' Niederrhein. Das Wort ,schwarz' hat heute die Bedeutung der entehrenden Charakterisierung eines Menschen, der dem Führer und seiner Weltanschauung die Gefolgschaft versagt". Diese Schrift ist deshalb so wertvoll, weil sie Gemeinde für Gemeinde des Kreises die Anfänge der "Bewegung" nachzeichnet.

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Und die waren vielerorts vor allem von Auseinandersetzungen mit Vertretern der katholischen Kirche geprägt, so in Breyell, Grefrath, Hinsbeck, Hüls, Kempen, Tönisberg, Waldniel und Bracht. Zu Hinsbeck wissen die Nazis in ihrem Rückblick: "Seitens der damaligen Parteien, besonders der Zentrumspartei, ist immer versucht worden, Knüppel in den Weg zu legen. Besonders hat sich hierin Kaplan Terhorst hervorgetan" (S. 29).

Deutlich spürt man noch die nachträgliche Entrüstung, wenn über St. Hubert berichtet wird: "Bis zum Jahre1932 dominierte allein die Zentrumspartei. Die Geschicke der Gemeinde wurden nicht zuletzt durch den katholischen Pfarrer geleitet. Vereinzelt versuchte die KPD, oder die SPD, in St. Hubert festeren Fuß zu fassen, jedoch gelang es ihr niemals, gegen den schwarzen Block anzurennen" (Seite 59).

Ein ähnliches Bild zeichnen die Nazis von Tönisberg: "Das Zentrum, an deren Spitze der Pastor stand, war allein herrschend" — und in Waldniel: "Waldniel gehörte vorher ... fast ausschließlich dem Zentrum. Es gab auch in der Gemeindevertretung bis 1930 fast nur Zentrumsleute" (S. 72).

In Bracht "begann ein schwerer Kampf gegen das Zentrum" (S. 20). Und Jubel über Erfolge in Viersen im Frühjahr 1933: "Noch einige taktische Winkelzüge und schon war das Zentrum auch im Stadtparlament ausgeschaltet" (S. 68). Auch in Schiefbahns Kirche war die Kanzel Ort antinationalsozialistischer Predigten: "es hagelte nur von Beschimpfungen und Anschluldigungen gegen den Führer Adolf Hitler und gegen die Bewegung" (S. 71). Zu Willich schließlich heißt es: "Wie wohl in allen kleineren Ortschaften, so war es auch in Willich schwer, vor der Machtübernahme festen Fuß zu fassen, Die Ortschaften waren von Roten und Schwarzen vollständig verseucht" (S. 73).

Von den "Wühlereien des Zentrums" ist bezogen auf die Gemeinde Grefrath die Rede, und attackiert werden noch einmal "unsere Gegner, vor allen Dingen die von der Kanzel" (Seite 28)". In Breyell geißeln die Nazis im Nachhinein die "Machenschaften des Zentrums, das auch Breyell beherrschte" (Seite 22).

Natürlich fanden die frühen Nazis, besonders dort, wo industrielle Arbeiterschaft vorhanden war, auch in KPD und SPD erbitterte Gegner, aber das Gesamtbild — und dies vor allem aus der Sicht der Hitleranhänger selbst — war doch eindeutig so, dass ihnen in der katholischen Kirche und im politischen Katholizismus, dem Zentrum, der wichtigste und kraftvollste Gegner erwuchs.

(RP)