Kreis Viersen : Vom Suchen und Finden

Die schönsten Geschichten schreiben unsere Leser — zum Beispiel Christina und Stefan Weber aus Niederkrüchten, die eigentlich nur „beste Freunde“ waren. Oder Bettina Roch, die nach mehr als 50 Jahren ihren Bruder fand.

Es ist vielleicht das Schönste im Leben: plötzlich etwas zu finden. Oder nach langer Suche. Einen Partner, einen Job. Oder auch skurrile Dinge. Hier erzählen wir die Geschichten von Menschen aus unserem Verbreitungsgebiet, die etwas Besonderes gefunden haben.

Erstes Kennenlernen nach mehr als 50 Jahren: Bettina Roch aus Viersen und ihr Halbbruder Alan aus Tunbridge Wells in England. Foto: Roch

„Ich (54 Jahre) habe nach über 50 Jahren meinen Bruder (65 Jahre) in England ausfindig gemacht“, schrieb uns unsere Leserin Bettina Roch. Das ist ihre Geschichte: „Meine Mutter war eine junge Witwe, als sie in den 1960er-Jahren meinen Vater kennenlernte. Er war bei der Royal Air Force und in der Nähe stationiert. Als ich auf die Welt kam, war er sehr stolz, dass ein Mädchen geboren wurde. Zu meinem ersten Geburtstag kam er mit zwölf Kleidchen an. Allerdings war er verheiratet, hatte schon einen Sohn. Kurz darauf ist er mit seiner Familie nach England zurückgegangen. Ich wusste immer: Da gibt es jemanden. Ich hatte aber nie die Traute, nach meinem Vater zu suchen. Als ich meinen 50. Geburtstag feierte, habe ich mir gesagt: Du musst jetzt auf die Suche gehen. Ich hatte einen Namen, und nach zwei Nächten bei Google hatte ich ihn gefunden. Allerdings war mein Vater bereits 2008 verstorben. Also suchte ich weiter nach meinem Halbbruder, schrieb eine ortsansässige Zeitung an, die mir einen Tipp auf eine Adressdatenbank gab. Für elf britische Pfund bekam ich seine Anschrift und schrieb ihm mit der Hand einen Brief. Im Mai 2015 habe ich den mit ganz viel Hoffnung abgeschickt. Jeden Tag bin ich an meinen Briefkasten gegangen. Aber es kam keine Antwort. Am 19. Oktober 2016 bekam ich dann eine E-Mail von Alan. Ich saß draußen auf der Terrasse, als mein Handy vibrierte. Und als ich den Absender sah, habe ich angefangen zu weinen. Mein Bruder erklärte mir, warum die Antwort so lange dauerte, er berichtete von unserem Vater, und Ende des Jahres trafen wir uns im Süchtelner Höhen-Hotel. Ich war sehr aufgeregt, aber als ich ihm gegenüberstand, haben wir uns in den Arm genommen und ich hatte ein unheimlich vertrautes Gefühl. Wir haben erzählt, gelacht – wir haben denselben Humor –, und ich erfuhr, dass er auch nach mir gesucht hatte. Als er nach dem Tod seines Vaters die Wohnung ausräumte, hatte er einen Brief meiner Mutter gefunden, mit einem Foto. Er hatte aber nur einen Vornamen, damit kam er bei den deutschen Behörden nicht weit. Dann erfolgte der Gegenbesuch in Tunbridge Wells östlich von London, dort habe ich den Rest seiner Familie kennengelernt. Wir sind häufig in Kontakt, per Whats-App. Als ich vor zwei Jahren meinen Job verlor, kam er zum Überraschungsbesuch vorbei; mein Mann und meine Tochter waren eingeweiht. ,Du warst am Telefon so traurig’, sagte er. Ich habe meinen Bruder gesucht – und einen Schatz gefunden.“

Etwas Skurriles hat unser Leser Josef Heinemann aus Viersen gefunden: „Im Nachlass meines kürzlich verstorbenen Bruders fanden wir ein ,Knöllchen’, das unser Vater an Heiligabend 1927 erhalten hat. ,Sie haben ... gegen 17½ Uhr   die hiesige Walporzheimer Straße auf dem Fahrrad sitzend befahren, ohne dasselbe überhaupt beleuchtet zu haben.’ Mein Vater wurde aufgefordert, eine Geldstrafe von drei Reichsmark zu zahlen oder einen Tag in Haft zu gehen. Leider lässt sich nicht klären ob mein Vater gezahlt hat oder im Gefängnis war.“

Bei der Bundeswehr nimmt die Geschichte von Peter Kerpers ihren Ausgang: „Während meiner Bundeswehrzeit in Hamburg, Anfang der 1970er-Jahre, stellten wir uns unseren künftigen Stubenkameraden vor. Außer zwei Kameraden vom Niederhein hatte noch niemand – bis auf Einen – etwas von der Stadt Viersen gehört. Ausgerechnet dieser Eine, ein echter Hamburger, meinte wie aus der Pistole geschossen, klar kenne er Viersen, schließlich wohne dort an der Süchtelner Straße sein Vetter. Ich war baff, weil ich an der Süchtelner Straße aufgewachsen war. Wir waren in diesen knapp zwei Jahren befreundet. Nach der Bundeswehr-Zeit haben wir uns allerdings aus den Augen verloren. Jahre später haben meine Frau und ich ein Büro-und Schreibwaren Fachgeschäft in Viersen aufgebaut. Im Sommer 2011 hat dann ein Kunde, nach dem Kopieren seines Ausweises, diesen im Kopierer vergessen. Beim Lesen des Namens fiel mir schlagartig der Spruch meines damaligen Bundeswehr-Kameraden ein, dass er Viersen wegen seines Vetters kenne. Ich fragte daraufhin den Kunden, als er seinen Ausweis abholte, ob er einen Vetter in Hamburg hat. Der Name des Kunden und der Name des Bundeswehr-Kameraden stimmten überein. Am selben Tag bekam ich die komplette Adresse und ebenfalls am selben Tag wurde per E-Mail, die ja inzwischen erfunden war, nach mehr als 40 Jahren die alte Freundschaft wieder angekurbelt. Seitdem fahren wir einmal im Jahr nach Hamburg und klönen gemeinsam mit unseren Frauen, die sich ebenfall gut verstehen, über alte Zeiten und neue Zeiten.

Strafzettel aus dem Jahr 1927: Drei Reichsmark oder einen Tag Gefängnis. Foto: Heinemann. Foto: Josef Heinemann

Und dann ist da noch die Geschichte von Christina und Stefan Weber aus Niederkrüchten. Wer den Film „Harry und Sally“ gesehen hat, dem dürfte sie nicht ganz unbekannt vorkommen. Sie schreibt: „Mein Mann und ich haben uns im Februar 2006 durch Freunde kennengelernt. Da war er 14 und ich 15. Durch viele Gemeinsamkeiten wie die Liebe zu Borussia Mönchengladbach und Partys wurden wir beste Freunde. Ende 2009 merkten wir beide, dass aus langjähriger Freundschaft mehr geworden ist. Jedoch wollte es keiner von uns zugeben, da wir Angst hatten, den anderen zu verlieren, wenn die Beziehung nicht klappen würde. Ich beendete die Freundschaft am 24. Januar 2010 im Streit, weil mich die Gefühle für ihn aus der Bahn geworfen hatten. Am 25. Januar 2010 wartete er mit einem Strauß Blumen an meiner damaligen Berufsschule auf mich und machte mir auf dem Parkplatz in Dülken eine Liebeserklärung. Seit diesem Tag sind wir ein Paar – und er ist mein bester Freund, mein Hase und meine große Liebe in einem, auf die ich mich immer verlassen kann. Ende August 2017 haben wir standesamtlich und Anfang September 2017 kirchlich geheiratet. Das diesjährige Osterfest werden wir nicht allein feiern. Mittlerweile sind wir zu dritt, unser Baby ist vier Monate alt.“

Aufgezeichnet von Martin Röse

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