Vom Audi-Manager bis zum Landrat - was aus Schülern des Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasiums Viersen wurde

Absolventen des EvR-Gymnasiums Viersen : Das Leben der Anderen

Bei der Abendveranstaltung „Lebenswege, die Zweite“ gaben frühere Schüler des Erasmus-von Rotterdam-Gymnasiums unterhaltsame wie informative Einblicke in ihre Lebensläufe und Karrieren.

Leo und Sebastian sind ziemlich gute Freunde. Gemeinsam mit ihren Mitschülern aus der Q1 – früher hätte man gesagt: der Jahrgangsstufe 11 – kümmern sie sich in der Pause um Essen und Getränke für die Gäste. „Es ist eine Motivation und interessant, zuzuhören“, fasst Leo den bisherigen Abend zusammen. Ihre Stufe hat das komplette Catering selbst organisiert. Der Gewinn fließt in die Kasse für die Abiturfeier.

Zuvor hatte im ersten Teil des Abends TV-Moderator Dieter Könnes, der selbst am Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasium (EvR) das Abitur machte, fünf Ehemalige über ihre Schulzeit und den späteren Werdegang befragt. Dem Publikum in der gut gefüllten Aula des präsentierten er und seine Gäste so manche kurzweilige Anekdote. Die Protagonisten des Abends wurden jeweils von zwei Schüler-„Paten“ in einem Einführungsvideo vorgestellt. Den Anfang machte Lars Rohwer. Nach seinem Abitur 1996 verschlugen ihn Studium und sein Beruf als Lobbyist für den Medizintechnik-Anbieter Siemens Healthineers AG bis nach Brüssel und Berlin. Der Kinder wegen lebt er heute mit seiner Familie wieder in Viersen. „Verglichen mit Berlin-Kreuzberg ist Viersen halt schon noch ein bisschen Bullerbü“, so seine Begründung.

Lars Rohwer arbeitete für Siemens in Berlin und Brüssel. Foto: Dieter Mai

Auch Bianca Fatouros machte ihr Abitur in Viersen. Heute lebt sie in Aachen und vermisst dort laut eigener Aussage die Kühe vom Niederrhein. Rückblickend auf ihre Schulzeit outet sie sich als Streberin: „Ich habe die Hausaufgaben teilweise mit Schreibmaschine geschrieben.“ Und weiter: „Ich wusste schon immer, dass ich Rechtsanwältin werden wollte.“ Folgerichtig absolvierte sie ihr erstes Schülerpraktikum im Viersener Amtsgericht und war von da an endgültig vom Jura-Virus infiziert: „Das war toll dort!“ Ihren Berufswunsch verfolgte sie so zielstrebig, dass sie schon bald nach dem Studium ihre eigene Kanzlei eröffnete. Um mehr Zeit für die Familie zu haben wechselte sie später als angestellte Fachanwältin in ein großes Immobilienunternehmen.

Wirtschaftsberater und Hochschul-Dozent Leif Erik Wollenweber. Foto: Dieter Mai

„Weil ich mich weiter mit meinen Kumpels auf dem Monte Quasselino treffen wollte“, nahm sich Bernd Martens eine Standpauke seines Vaters zu Herzen. Auf dem Gymnasium lief es damals nicht so gut, ein blauer Brief „wegen verbotenen Biertrinkens“ war beileibe nicht der einzige. Aber der Freundschaften zuliebe riss er sich zusammen und bekam doch noch ein passables Abitur hin. Nach einer steilen Manager-Karriere mit Stationen bei Mercedes, VW und Roland Berger sitzt Martens heute im Vorstand bei Audi und blickte durchaus wehmütig auf die Schulzeit zurück: „Solche Freiheiten wie wir sie damals hatten, haben meine Kinder heute nicht.“ Auch Landrat Andreas Coenen (CDU), 1,3er-Abiturient des Jahrgangs 1993, hält seine Zeit auf dem Gymnasium in Ehren: „Da werden schöne Erinnerungen wach.“

Andreas Coenen ist heute Landrat des Kreises Viersen. Foto: Dieter Mai

Lisa Fröhlich, Abiturjahrgang 2012 fand durch ein Schulprojekt den Weg zu ihrem heutigen Studium in Köln im Fach internationales Management. Durch ihr Engagement bei der Fußball-Mini-WM, einem dreitägigen Turnier mit 32 Schulen, hatte sie zuvor ihr organisatorisches Talent entdeckt. Ganz so zielstrebig wie die angehende Managerin war laut eigener Erinnerung Professor Leif Erik Wollenweber zu seiner Schulzeit noch nicht unterwegs. „Da ging ich oft den Weg des geringsten Widerstands“, bekennt er freimütig. Dennoch ist er heute gleich in mehreren Berufen erfolgreich, unter anderem als Hochschul-Dozent und Wirtschaftsberater. Nicole Mocigemba, Abi-Jahrgang 1992, ist sportbegeistert, absolvierte mehrfach den Iron Man. Sie arbeitet in Hamburg als Chemikerin beim Kosmetik-Konzern Beiersdorf und konstatiert: „Die Menschen am Niederrhein sind viel freundlicher und offener als in Hamburg.“

Lisa Fröhlich studiert internationales Management. Foto: Dieter Mai
Nicole Mocigemba nahm mehrfach am „Iron Man“ teil. Foto: Dieter Mai
Wurde Fachanwältin in einem Immobilienunternehmen: Bianca Fatouros. Foto: Dieter Mai

Als nach der Pause ein Teil des Abiturjahrgangs von 1974 auf der Couch Platz nimmt, weht ein anderes Zeitgefühl durch die Aula. In einer kleinen Diaschau werden die Teenager von einst mit ihren Original-Frisuren, -Schlaghosen und -Spitznamen vorgestellt. „Eichel“, „Schoeni“, „Zumpens“, „Lori“, „Stompers“, „Joa“ und „Egi“ lassen in ihren Erzählungen die Ära von Willy Brandt und Minirock, von Abba und Kraftwerk wieder aufleben. Mit veritablen Karrieren können auch diese gut gelaunten Ü60er aufwarten: Musikproduzent, TV-Simultandolmetscher, Apotheker, Fotograf oder Lehrer etwa. Auch Mitinitiator und EvR-Sportlehrer Norbert Kox gehört der Runde an. Zeittypisch die Schilderung von Fotograf „Egi“: „Mein größtes Erfolgserlebnis nach dem Abi? Der Sieg gegen die Bundesrepublik Deutschland bei meiner Verhandlung zur Kriegsdienstverweigerung.“