Viersen: Vision: Süchteln als Kurort

Viersen: Vision: Süchteln als Kurort

Die Linke will Süchteln zum Standort einer Reha-Klinik machen. Das bringe Arbeitsplätze, Gewerbesteuer und wirke der Verödung der Innenstadt entgegen. Nächste Woche wird beraten

"Waldeszauber und Tannengrün! Wer empfindet nicht schon beim Hören dieser Begriffe Sehnsucht nach grüner Einsamkeit, nach einer märchenduftenden Welt und stiller Waldromantik." Clemens Hosbach schwärmte, ach was: jubilierte vor 90 Jahren im "Heimatbuch" des Kreises Kempen über die Schönheit der Irmgardisstadt Süchteln. "Die westlich der Stadt gelegenen, Wald umrauschten Höhen locken jedes Jahr ungezählte Ausflügler und Naturfreunde zu Wanderungen durch den frischen Wald herbei", warb Hosbach und fuhr lyrikumflort fort: "Die würzige balsamische Luft des Waldgeländes dient den Nervenkranken im Johannistal zur Stärkung und Gesundung, und die Baumbestände des an den Ostrand Süchtelns sich anschließenden Bruches samt den blumenbestickten Wiesen und dem vielstimmigen Konzert der kleinen Bruchsänger laden ein zu frohen Wanderungen durch die frische und stille Natur." Seine Schilderungen schließt der Autor mit dem Satz: "Man muss die Fremden gesehen haben, welche jeden Sonntag vom Bahnhof aus in endloser Reihe zu dem Höhenwalde ziehen, und man muss den Strom der Fremden durch die Waldwege und das Bruchgelände beobachten, um zu wissen, welche Bedeutung dem waldreichen Süchteln als Ausflugs- und Kurort beigemessen wird."

Nächste Woche wird im Viersener Wirtschaftsförderungsausschuss (20. Februar, 18 Uhr, "Forum" am Rathausmarkt) über einen Antrag beraten, der Süchteln wieder zu genau dem machen soll, was es schon einmal war: ein Kurort. Die Sitzung ist öffentlich, Zuhörer sind willkommen.

"Wir haben in Viersen drei Problemfelder", sagt Britta Pietsch (Die Linke), deren Fraktion den Antrag gestellt hat. "Die Innenstädte veröden, Arbeitsplätze gehen verloren und die Einnahmesituation der Stadt könnte besser sein." Die Linke will die Verwaltung damit beauftragen, in Süchteln eine Reha-Klinik anzusiedeln. "Sie sollte die Fachbereiche Psychosomatik, Orthopädie und Schmerztherapie umfassen", so Pietsch - Felder, die auch in der Süchtelner LVR-Klinik behandelt werden. "Allerdings ist die Reha-Klinik kein Krankenhaus - da geht es um vier- bis sechswöchige Rehabilitationsmaßnahmen", betont die Ratsfrau.

Anders als Logistik-Unternehmen seien Kurkliniken arbeitsplatzintensive Betriebe, die auch in die Innenstädte ausstrahlten. "Ich habe es im strukturschwachen Osten Deutschlands gesehen. Bad Doberan war durch hohe Arbeitslosigkeit und Leerstand in der Innenstadt geprägt, bis dort zwei Reha-Kliniken eröffneten. Jetzt hat sich das Bild komplett gewandelt."

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Die Zeit sei günstig: "In der Vergangenheit hat die Rentenkasse Reha-Maßnahmen ziemlich heruntergefahren. Allerdings hat dort ein Umdenken stattgefunden. Vier bis sechs Wochen Reha sind preiswerter als eine Frühverrentung."

Bei ihrem Antrag weiß Die Linke auch diverse Wirtschaftsprüfungsgesellschaften auf ihrer Seite. "Der deutsche Investmentmarkt für Gesundheits- und Sozialimmobilien, zu denen auch ... Reha-Kliniken zählen, gilt angesichts der demographischen Entwicklung sowie eines zunehmenden Gesundheitsbewusstseins der Bevölkerung in Deutschland allgemein als Wachstumsmarkt", heißt es beispielsweise in einer Expertise der BDO AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.

Pietsch ist zuversichtlich, dass neben Jobs und Steuereinnahmen auch Süchtelns Innenstadt von der Ansiedlung der Klinik profitieren würde: "Nachmittags haben die Patienten frei, sie gehen einen Kaffee trinken, sie gehen essen, sie erleben die Gegend, genießen Kultur. Mehr als 30 Prozent der stationären Reha-Patienten werden an den Wochenenden von ihren Angehörigen besucht, was für eine Nachfrage an Übernachtungsmöglichkeiten sorgt." Das Einzugsgebiet von Süchteln sei günstig - "vom Rheinland bis zum Ruhrgebiet können die Patienten kommen."

Dass die Stadt selbst Täger der Reha-Klinik werde, kommt für Die Linke nicht infrage. "Dafür haben wir kein Geld." Stattdessen solle die Wirtschaftsförderung einen Investor suchen. Pietsch: "Mir ist klar, dass das nicht leicht wird. Beim Klinik-Markt wird mit harten Bandagen gekämpft. Wenn das von den Mitarbeitern nicht mit Herzblut vorangetrieben wird, wird das ein Rohrkrepierer." Sie vertraue aber auf die Wirtschaftsförderung. "Das ist nicht Bundesliga, das ist Champions League."

(mrö)