Interview: Viersen sucht neue Schöffen

Interview: Viersen sucht neue Schöffen

Die Gemeinde Schwalmtal will neue Schöffen gewinnen. Wer sich für das Ehrenamt interessiert, kann sich bis zum 15. März bewerben. Rolf Zellner ist seit 1985 als Schöffe tätig. Regelmäßig muss er über andere urteilen

Schwalmtal Die Gemeinde Schwalmtal sucht neue Schöffen. Das sind ehrenamtliche Richter, die am Amtsgericht und am Landgericht Mönchengladbach als Volksvertreter an der Rechtsprechung in Prozessen teilnehmen. Sie müssen Menschenkenntnis haben, Lebenserfahrung und einen Sinn für Gerechtigkeit - und gemeinsam mit den hauptamtlichen Richtern über Recht und Unrecht urteilen. Rolf Zellner (67) aus Schwalmtal ist seit 1985 ehrenamtlich als Schöffe tätig. In der Zeit hat er viel gesehen, viel gehört - auch von Räubern, Drogenschmugglern und Mördern.

Wie sind Sie Schöffe geworden?

Rolf Zellner 1984 wurde ich für die CDU in den Schwalmtaler Rat gewählt. Damals suchte die Gemeinde Bewerber fürs Schöffenamt, genau wie jetzt auch. Ich habe mich beworben und wurde ausgelost.

Warum haben Sie sich beworben?

Zellner Ich wollte sehen, wie Verfahren ablaufen und welche Möglichkeiten man als Schöffe hat. Als ehrenamtlicher Richter hat man ja eine verantwortungsvolle Aufgabe. Man urteilt über Menschen, die man nicht kennt, die man morgens im Gericht zum ersten Mal sieht.

Muss man dafür etwas lernen? Das Strafgesetzbuch lesen?

Zellner Nein. Man geht da als Laie hin, hört sich an, was der Angeklagte und die Zeugen sagen, wie die Plädoyers von Staatsanwalt und Verteidigern lauten und bildet sich dann ein Urteil. Bevor ich angefangen habe, gab es auch eine Einführung am Landgericht. Da wurde erklärt, welche Rechte und Pflichten Schöffen haben. Und im Dezember kam eine Liste mit Terminen fürs neue Jahr, die man sich freihalten sollte.

Und mehr steht da nicht?

Zellner Nein, das ist alles. Man kennt nur den Termin und weiß, wann die Verhandlung in welchem Raum beginnt. Ich weiß noch, dass ich einmal zum Gericht kam und dort eine Menschentraube stand. Im Gericht liefen Polizisten mit Schäferhunden herum, und da habe ich schon Muffen bekommen.

Wissen Sie noch, worum es da ging?

Zellner Ja, das war 2007, ein Familiendrama in Rheydt. Ein Mann hatte seine Frau und seine Tochter erschossen. An den Fall erinnere ich mich noch gut - auch deshalb, weil es so viele Verhandlungstage gab.

Am Landgericht werden häufig allgemeine Strafsachen verhandelt. Welche Fälle hatten Sie schon?

Zellner Überwiegend Rauschgiftschmuggel, das kommt ja hier im Grenzland häufig vor. Aber auch ein Überfall auf eine Spielhalle, Raub, Vergewaltigung, Mord.

Nehmen Sie solche Fälle mit?

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Zellner Anfangs hat man schon mal eine Nacht, in der man unruhig schläft. Manchmal werden bei einer Verhandlung ja auch Bilder der Opfer gezeigt, wenn dies für das Beweisverfahren notwendig ist. Oder es werden aus der Asservatenkammer Revolver oder Messer geholt, die bei einem Raub oder Mord verwendet wurden. Ich komme inzwischen ganz gut damit zurecht, ich kann gut abschalten. Wenn ich spät nach Hause komme, höre ich Musik oder mache autogenes Training, um den Kopf frei zu kriegen. Man kann dann nicht sofort einschlafen.

Lesen Sie gern Krimis?

Zellner Ich lese viel. Nicht vorrangig Krimis, sondern alles Mögliche.

Zwei oder drei hauptamtliche Richter und zwei Schöffen sollen ein Urteil finden. Wird da oft diskutiert?

Zellner Wir diskutieren immer über die Schuldfrage und über die Rechtsfolgen der Tat, also das Strafmaß. Die Schöffen sind mit den hauptamtlichen Richtern gleichberechtigt. Bei den Verhandlungen, an denen ich bislang teilgenommen habe, hat der Vorsitzende Richter zuerst die Schöffen nach ihrer Meinung gefragt. Zum Schluss entscheidet die Zwei-Drittel-Mehrheit.

Als Schöffe vertreten Sie das Volk. Haben Sie auch das Gefühl, im Gericht ein Vertreter des Volkes zu sein?

Zellner Ich handele schon als Vertreter des Volkes, aber letztlich entscheidet eine Gruppe von vier oder fünf Leuten, was mit diesem Menschen passiert.

Tut Ihnen ein Angeklagter manchmal leid?

Zellner Meistens nicht. Natürlich ist das anfangs komisch, mit anderen ein Urteil zu fällen. Aber irgendwann denkt man: Der hat das verdient. Der hat eine Straftat begangen und muss dafür geradestehen. Mir tun oft die Angehörigen leid. Da hat jemand nicht nur sein Leben kaputt gemacht, sondern auch das seiner Familie.

Wären Sie gern Richter geworden?

Zellner Nein. Als ich in den 1980er-Jahren dorthin kam, habe ich gedacht: Mein Gott, was ist das für eine Bürokratie! Das war früher wirklich schlimmer als heute, und es hat Jahre gedauert, bis die Umstellung auf Computer vollzogen war. Ich war damals Bezirksgeschäftsführer der Deutschen Angestellten Krankenkasse, und ich fand es immer schön, mit Menschen umzugehen. Ich hätte mich nicht nur mit solchen Gerichtsdingen beschäftigen wollen, ich glaube, dafür muss man geboren sein. Außerdem sind die Mitarbeiter an den Gerichten heute so überlastet, das ist schon der Wahnsinn.

Sie dürfen jetzt Werbung fürs Schöffenamt machen. Warum sollte sich jemand da engagieren?

Zellner Es ist die Pflicht eines Staatsbürgers, sich einzubringen. Und das Schöffenamt ist eine sehr interessante Tätigkeit, durch die man die Möglichkeit hat, sich einzubringen. Außerdem werden immer Leute gesucht, deshalb war es für mich bei der letzten Schöffenwahl gar keine Frage, dass ich mich wieder bewerbe. Viele Arbeitgeber sind ja nicht begeistert, wenn ein Mitarbeiter ehrenamtlich Schöffe wird, weil sie ihn dann für die Verhandlungstage freistellen müssen. Deshalb machen das überwiegend Selbstständige, Angestellte im öffentlichen Dienst, Rentner, Hausfrauen. Das ist zu einseitig. Die Schöffen sollen doch ein Abbild der Gesellschaft sein.

BIRGITTA RONGE FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(RP)