Viersen: Alexej Gerassimez trommelt auf „Riesenspielplatz“

Jazzfestival Viersen : Alexej Gerassimez trommelt auf „Riesenspielplatz“

Wollte man den Abend mit den drei Konzerten von Alexej Gerassimez mit einem Wort charakterisieren, könnte ein „großartig“ genügen. Aber der 32-jährige Percussionist hat mehr Zuwendung als nur ein Wort verdient.

Als Artist in Residence hat er die Chance, den ganzen Abend mit drei Konzerten in unterschiedlicher Besetzung zu gestalten. Zwei Vibraphone, eine Marimba, zwei Schlagzeuge, eine Trommel und Percussion: Einen Riesenspielplatz nannte das Konstantin Reinfeld in seiner Anmoderation. Der Reigen begann um 20 Uhr mit einem Trio, das in dieser Besetzung zum ersten Mal zusammen auftrat. Alexej Gerassimez hatte seinen Freund seit Schulzeiten Julius Heise und dessen Lehrer David Friedman eingeladen. Zu dritt entwickelten sie ein Feuerwerk der Percussion, virtuos, schnell und mit Humor. Gerassimez brach ein Stück sogar lieber ab, weil er das Tempo falsch angezählt hatte, als es durchzuziehen. Er ist ein Perfektionist.

Julius kam aus der Jazz-Ecke, Alexej aus der klassischen Klassik­erziehung. Beide haben voneinander gelernt. Ein Höhepunkt des Abends war ihr „Trommel-Duell“. Das Stück eines dänischen Komponisten schreibt für beide Achtel-Ketten vor, aber um das noch schwieriger zu machen, zählt der eine 50 Achtel-Schläge, der andere 49 Achtel-Schläge. Trotzdem kamen beide zu einem gemeinsamen Ende und der Applaus war riesig.

Die zweite Runde mit dem israelischen Pianisten Omer Klein war nicht weniger großartig. Klavier und Marimba, das ließ die Songs aus Kleins Album „Radio Mediteran“ völlig neu klingen. Ein Stück widmete Alexej seiner anderthalbjährigen Tochter Elina, die sich selber Enny nennt. So auch der Songtitel, komponiert in der Zeit, wo er zu Hause ihr Aufwachsen begleitete.

Wie könnten diese beiden Konzerte getoppt werden oder das Konzert zumindest auf diesem Niveau gehalten werden? Gerassimez lud in die dritte Runde den Jazz-Cellisten Stephan Braun ein. Im Internet wird er als einer der interessantesten Cellisten in der europäischen Jazzszene gehandelt. In Viersen konnte man erleben, was damit gemeint ist. Dass er sein Instrument an eine Loop-Station angeschlossen hat, ermöglichte ihm, ein Klangmuster unter sein Spiel zu legen oder einen Rhythmus zu generieren. Er konnte das Cello wie eine Gitarre spielen, den Cello-Körper als Percussion-Instrument nutzen. Aber nicht das technische Schnickschnack ist das Besondere, sondern sein neuartiges und virtuoses Spiel auf einem Instrument, das im Jazz sowieso eher selten anzutreffen ist. Mit Gerassimez und Braun haben sich zwei Klangfinder ganz besonderer Art gefunden.

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