Urteil im Prozess wegen versuchten Mordes in Viersen

Nach Attacke in Viersen : Mordprozess: Urteil nach Messerattacke

Nach einer Messerattacke in der Flüchtlingsunterkunft am Lichtenberg in Viersen stand ein 23-Jähriger vor Gericht. Nun wurde er wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt, angeklagt war er auch wegen versuchten Mordes.

Für zwei Jahre und zehn Monate muss ein 23-jähriger Algerier in Haft, der sich seit Ende Januar vor dem Landgericht Mönchengladbach wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung verantworten musste. Ihm wurde vorgeworfen, im Juli 2018 einen Mitbewohner in einer Asylunterkunft am Lichtenberg in Viersen mit einem Messer angegriffen zu haben. Der Geschädigte hatte dabei mehrere Stich- und Schnittverletzungen erlitten, der Tod des Mannes konnte nur durch seine Gegenwehr und das Eingreifen anderer Bewohner verhindert werden. Vor Gericht sagten diese Zeugen nicht aus: Sowohl das Opfer als auch zwei weitere Männer – alle vollziehbar ausreisepflichtig – waren nicht auffindbar.

Lange waren die Identität und das wahre Alter des Angeklagten für die Kammer ein Rätsel. Der Angeklagte hatte zu Beginn des Prozesses erklärt, nach einem ersten abgelehnten Asylantrag einen zweiten gestellt und dabei den Namen eines Onkels benutzt zu haben. Zudem habe er sich in Deutschland zwei Jahre älter gemacht, um mehr Geld zu erhalten. In Untersuchungshaft sitzend, schrieb er der Staatsanwaltschaft kurz vor Prozessbeginn Anfang Januar einen Brief mit den neuen Angaben.

Wären diese neuen Angaben korrekt gewesen, wäre der Algerier zum Tatzeitpunkt 20 Jahre und zehn Monate alt gewesen und wäre daher nicht als Erwachsener, sondern als Heranwachsender behandelt worden. Doch ein Polizeibeamter erklärte, dass die „neuen Parameter“ des Beschuldigten weder beim Einwohnermeldeamt, der Ausländerzentral- sowie dem bundesweiten Polizeiregister oder beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erfasst worden seien.

Um Licht ins Dunkel zu bringen, sollte zunächst eine Dolmetscherin die Eltern des Angeklagten kontaktieren und um einen Scan des sich bei ihnen befindlichen Personalausweises bitten. Doch die Mutter vertraute ihr nicht, wollte zunächst mit dem Sohn telefonieren. Dies ließ die Kammer nicht zu, bat erneut darum, ein offizielles Ausweisdokument zu erhalten. Am vierten Verhandlungstag lag ein Dokument vor, das von der Familie übermittelt worden war: Darauf Name sowie das später abgeänderte Geburtsdatum sowie ein Foto, das laut Kammer eine „große Ähnlichkeit“ mit dem Angeklagten aufwies. Doch es blieb unklar, ob es sich tatsächlich um einen algerischen Lichtbildausweis handelte, da sowohl Unterschrift als auch ein Behördenstempel fehlten.

Sein Pass, den er bei der Reise nach Deutschland bei sich geführt habe, sei ihm auf der Schiffsfahrt zwischen Marokko und Spanien ins Wasser gefallen, gab der Angeklagte an. An diesem fünften Prozesstag nun eine überraschende Wende: Der Angeklagte machte eine erneute Aussage und gab nicht nur die Tat zu, sondern erklärte auch, dass sein Name und das Alter wie von der Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage angenommen korrekt sei. Im Unterschied zum Tatvorwurf sei er jedoch von der Tat zurückgetreten. Da das Opfer nicht auffindbar ist, blieb diese Aussage unwiderlegt. In ihrem Plädoyer forderte die Oberstaatsanwältin Carola Guddat daher eine Haftstrafe von drei Jahren wegen gefährlicher Körperverletzung.

Der Verteidiger forderte eine Freiheitsstrafe von maximal zwei Jahren und sechs Monaten. Dies überschritt die Kammer mit zwei Jahren und zehn Monaten Haft. Da sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidiger auf Rechtsmittel verzichteten, ist das Urteil rechtskräftig.

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