Viersen: Unser Leben nach dem Abi

Viersen: Unser Leben nach dem Abi

Seit 25 Jahren gibt es in Viersen das Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasium. Zum Jubiläum berichten drei ehemalige Schüler, wie ihr Leben seit dem Schulabschluss verlaufen ist.

Dieter Könnes hat sich nach seinem Abitur 1991 umgedreht und nie wieder an die Schule gedacht. Zu viel Neues stand an, wie sehr ihn die Schulzeit geprägt hatte, war dem heute 45-Jährigen damals noch gar nicht klar. Dabei hatte er als junger Mann zunächst keine großen Karrierepläne. "Bei mir haben immer Engagement, Glück und der Zufall zusammengespielt", sagt Könnes, der heute als Moderator für den Westdeutschen Rundfunk und den Privatsender Sky arbeitet.

So hatte er eigentlich zur Bundeswehr gehen wollen. Aber ein Freund erzählte ihm von einer Stelle im Naturpark Schwalm-Nette, die klang interessant. "Da habe ich verweigert und dort angefangen", sagt Könnes. Danach bekam er einen Ausbildungsplatz, wurde Ver- und Entsorger, die Aussichten waren gut. Die berufliche Wende kam bei einer Sprachreise in Kanada.

Svenja Caspers hatte schon in der Schule Spaß am Lernen — und ist heute Neurowissenschaftlerin. Foto: privat /senf

"Ich wollte immer Sportjournalist werden", erinnert sich der Süchtelner. "Die Kanadier haben nicht verstanden, warum ich das dann nicht auch einfach gemacht habe." Er wagte den Schritt, wechselte an der Universität von Betriebswirtschaftslehre zu Sportwissenschaft, ging zum Radio. Mit 35 gelangte er über eine Casting-Agentur zum WDR. "Bis heute habe ich nichts bereut", sagt Könnes.

Rückblickend hätte er in der Schulzeit vielleicht einige Dinge anders gemacht, gibt er zu. "Mein Klassenlehrer in der zehnten hat mal gesagt, ich sei ein Saisonarbeiter: ,Der tut nur dann was, wenn er muss.'", sagt er. "Damals war ich noch nicht so weit, dass ich das erkannt habe, heute weiß ich sein Bemühen um mich zu schätzen." Mit wenig Aufwand habe er einen Schnitt von 2,7 erreicht. "Das fand ich damals cool", sagt er.

Die mögliche Rückentwicklung von G 8 zu G 9 begrüßt der Moderator. "Ich bin das lebende Beispiel dafür, dass gute Noten in der Schule nicht die Garantie dafür sind, dass man beruflich erfolgreich wird", sagt er.

Svenja Caspers verließ das Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasium 2001 mit einem Durchschnitt von 0,9 und einer gehörigen Portion Wissensdurst. "Vielleicht klingt es komisch, aber ich hatte immer Spaß am Lernen", sagt die 34-Jährige.

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Ihr Plan war es, Medizin zu studieren, um als Ärztin in einem Krankenhaus zu arbeiten. Also schrieb sie sich an der Universität in Düsseldorf ein - und nahm neben Medizin noch Betriebswirtschafts- und Volkswirtschaftslehre mit dazu. Heute trägt sie zwei Doktor- und einen Professorentitel, arbeitet in der Hirnforschung, lehrt an der Universität Düsseldorf und ist am Forschungszentrum Jülich beschäftigt. "Gerade in der Neurowissenschaft gibt es noch so viel zu entdecken", sagt Caspers, die in der Landeshauptstadt wohnt. Ihr Ziel, Ärztin zu werden, hat sie nicht erreicht - traurig aber ist sie darüber nicht. "Ich bin sehr glücklich mit dem, was ich mache", sagt sie.

An ihre Schulzeit denkt die 34-Jährige gerne zurück. "Die breit gefächerte Ausbildung, die wir am Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasium bekommen haben, war eine gute Basis für später", sagt sie. Als sie die Schule verließ, habe sie Trauer gespürt. "Aber nicht lange, denn es ging ja schnell weiter." Regelmäßig trifft sie Freundinnen aus der Schulzeit und besucht Klassentreffen. "Es ist interessant zu sehen, wohin es alle verschlagen hat", sagt Caspers. "Jeder hat seinen eigenen Weg gewählt."

Ralf Roggen hat sein Abitur 1992 gemacht - als es das Erasmus-von-Rotterdam-Gymnasium offiziell noch nicht wirklich gab. "Darum haben wir als einziger Jahrgang ein Zeugnis von Städtischen Gymnasium Alt-Viersen", sagt der 44-Jährige. Damals waren das Humanistische Gymnasium und das Gymnasium an der Löh gerade zusammengelegt worden, über einen Namen war noch nicht entschieden worden. Roggen hatte sich auf der Schulbank nie wohlgefühlt, er nahm sein Zeugnis mit einem Schnitt von 2,3 und ging. Die Freundschaften mit Klassenkameraden verliefen sich schnell. Inzwischen sagt er: "Rückblickend war die Schule super."

Erst für die Anmeldung seiner Tochter (10) betrat er vor kurzem wieder die Räume. "Es riecht noch genauso wie damals" sagt er. "Irgendwie hat man sich zu Hause gefühlt, man kannte jeden Raum." Damit kamen auch Erinnerungen zurück. "Wir haben damals viel Mist gebaut", sagt Roggen: etwa Lehrer bei Filmvorführungen im Dunkeln mit Zucker beworfen. Einmal blieb ein Schüler hinter der Tafel stecken. Der Hausmeister musste ihn aus seiner misslichen Lage befreien.

Wie es nach dem Schulabschluss weitergehen sollte, wusste Roggen damals nicht. "Ich hatte keine Träume und keine Ziele", sagt er heute. Nur zwei Dinge waren ihm wichtig: "Ich wollte nicht mit Computern arbeiten und nicht viel telefonieren müssen, das habe ich gehasst", sagt er. Wie so oft kam es anders - er begann eine Ausbildung bei einem Elektro-Unternehmen und musste schnell recht häufig den Hörer in die Hand nehmen. Roggen sieht es mit Humor. "Es war genau die richtige Wahl, aber manchmal merkt man so was erst später", sagt er. Noch heute ist er in der Nettetaler Firma beschäftigt.

Auch hätte der 44-Jährige zu Schulzeiten nie gedacht, dass sich der freiwillige Spanischkursus einmal bezahlt machen würde: "Meine Frau ist Spanierin, und mit unseren Kindern verbringen wir viele Urlaube in ihrer Heimat."

(RP)
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