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Kreis Viersen: Transport in den Tod

Kreis Viersen : Transport in den Tod

Die noch verbliebenen Juden aus dem Kreis Kempen-Krefeld, meist alte Menschen, wurden im Juli 1942 nach Theresienstadt "evakuiert". Die Transporte waren von den Nationalsozialisten perfekt organisiert. Die meisten von den Deportierten gingen elend zugrunde.

Kempen An einen unglücklicheren Jahrestag wird im Rahmen dieser Serie nie zu erinnern sein. Alle denkbaren Superlative aus dem Bereich der Unmenschlichkeit finden auf ihn ihre Anwendung. Am 25. Juli 1942 kam auch im damaligen Kreis Kempen-Krefeld die "Judenfrage", wie es die Nazis pseudo-sachlich nannten, zu ihrem weitgehenden Abschluss.

 Prof. Dr. Leo Peters.
Prof. Dr. Leo Peters. Foto: FINGER

Schon vor der Wannsee-Konferenz von Januar 1942, die die systematische Vernichtung der europäischen Juden beschloss, war im November 1941 etwa die Hälfte der noch im Kreisgebiet lebenden Juden nach Riga deportiert worden. Von diesen 124 Menschen kamen über 100 um. Über die elenden Umstände ihres Transportes liegt der bekannte ausführliche und kaltblütige Bericht des begleitenden Polizeibeamten Salitter vor. Acht Juden aus dem Kreisgebiet wurden am 22. April und 15. Juni 1942 nach Izbica verbracht und wohl in Auschwitz vergast.

Der Kempener Historiker Dr. Hans Kaiser hat im 1991 erschienenen Sammelwerk über die "Geschichte der Juden im Kreis Viersen" ihren Leidensweg geschildert. Demnächst liefert er eine weitere wesentliche Vertiefung des bisherigen Kenntnisstandes. Schon 1991 beschreibt Kaiser die Tragödie vom Juli 1942 bezogen auf die Kempener Juden und widmet sich vielen Einzelschicksalen.

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Zielort des Transportes, mit dem überwiegend ältere Juden vom 25. Juli 1942 weggeschafft wurden, war Theresienstadt in Nordböhmen. Er umfasste insgesamt 91 Menschen aus dem Kreis. Die Gesamtzahl der mit diesem Zug DA 71, der um 9.25 Uhr in Aachen abgefahren war und 11.34 Uhr in Düsseldorf-Derendorf eintraf, belief sich auf 1013 Menschen. 24 Stunden später war der Zug in Theresienstadt. Mit perfekter fahrplanmäßiger Präzision wurde der Transport in den Tod durchgeführt. Überlebt haben von den 1013 Juden 61. Soweit sie nicht in Theresienstadt umgekommen waren, sind sie in die bekannten Vernichtungslager gebracht und dort vergast oder erschossen worden oder an Hunger und Entbehrung gestorben.

"Die brauchen keine Stühle"

Hans Kaiser wird in der zu erwartenden Gesamtdarstellung von Naziherrschaft und Kriegszeit in Kempen über den dortigen Abtransport der Juden unter anderem berichten: Am Nachmittag des 24. Juli 1942 werden die Juden aus ihren Häusern abgeholt und nach Krefeld gebracht. Als Transportmittel dienen Lastwagen, die die Kempener Polizei von einem Spediteur gemietet hat.

"An der Josefstraße sieht der Bäckermeister Heinrich Hermans mit an, wie die dort wohnhaften Juden unter Bewachung den offenen Plateau-Lastwagen besteigen. "Was hätte ich tun können?" wird er später fragen. "Hätte ich gesagt: Bis hierhin und nicht weiter!, hätte man mich sicher auch weggebracht". Auch die Lehrerin Auguste Terhuven, damals 40 Jahre alt, sieht aus einiger Entfernung, wie auf der Josefstraße vor dem Haus Nr. 5 die Juden vor dem Lastwagen stehen. Sie geht schnell vorbei.

An der Engerstraße werden die Bewohnerinnen des Judenhauses Nr. 38 auf den Lkw kommandiert. Die Begleitmannschaft befiehlt den betagten Schwestern Berta (79) und Karoline (77) Berghoff, sich auf die Ladefläche zu setzen. Daraufhin bringt die Bauernfamilie Nopper, die von ihrem Hof gegenüber den Vorgang beobachtet, den gebrechlichen Frauen zwei Stühle. Aber die Bewacher wehren ab: "Runter damit! Die brauchen keine Stühle!"

Das Elend, das die Juden in Theresienstadt erwartete, ist bei Dieter Hangebruch nach einer Schilderung von Sabine Gutmann aus Osterath nachzulesen: "Als wir in Theresienstadt ankamen, wurde ich aus dem Waggon geprügelt. Mit 35 Frauen hatten wir einen Raum von 16 Quadratmetern. Viele von unserem Transport starben in der ersten Nacht. 15 nahmen sich das Leben. Acht Monate habe ich krank auf einem Bett in der Ecke gelegen. Einer meiner Brüder und seine Frau waren auch da. Sie wurden bald nach Auschwitz geschafft. (...) Ich hatte mir Gift besorgt. Man hat es mir abgenommen, und ich musste meinem Mann versprechen, dass ich mich nicht umbringe. (...) Dem Kampf um die Stelle zum Schlafen, um Nahrung, gegen Krankheiten und Seuchen waren die alten Juden aus dem Rheinland besonders wenig gewachsen."

Als erste der Kempener Deportierten ist am 17. August 1942 Bertha Berghoff tot, zwei Tage nach ihrem 81. Geburtstag. Am 6. September 1942 erliegt die 80-jährigen Magdalene Ajakobi den Strapazen, ihre Schwester Karoline am 7. Oktober. Die Eheleute Nanny und Sally Servos aus Kempen sterben im November 1942 im Abstand von sechs Tagen.

(RP)