Tiergestützte Pädagogik mit Schnecken und Schweinen in Niederkrüchten

Tiere in Niederkrüchten : Schnecken und Schweine sind beste Gesprächspartner

Tiere helfen Patricia Häußinger bei ihrer Arbeit. Afrikanische Riesenschnecken und Zwergschweine dienen dazu, dass Menschen sich in Gesprächen öffnen können. Die tier-gestützte Pädagogik zeige immer wieder gute Erfolge.

Viele Menschen haben traumatische Erlebnisse. Mancher Therapeut beißt sich die Zähne daran aus, die Menschen auf einer Ebene zu erreichen, dass sie sich öffnen und von ihrem Erlebten erzählen. Die tiergestützte Pädagogik kann helfen. Delfintherapie kennt jeder. Soziotherapeutin Patricia Häußinger aus Niederkrüchten setzt hingegen afrikanische Riesenschnecken und Zwergschweine ein.

Häußinger kam durch ihr Psychologiestudium an die Soziotherapie. Bei dieser Therapieform soll der Mensch durch ambulante Sitzungen Selbsthilfe lernen und sich von Hilfe von außen unabhängiger machen. „Ich habe damals gemerkt, dass ich gerne mit alleinerziehenden Müttern, mit Frauen und Kindern arbeiten möchte, die Erfahrungen mit häuslicher Gewalt gemacht haben“, so die 39-Jährige. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Notfallseelsorgerin, seit 2011 ist sie dabei ehrenamtlich tätig. Außerdem studierte sie Berufs- und Arbeitspädagogik und verknüpft nun die bisherigen Erfahrungen aus den unterschiedlichen Bereichen.

2004 startete sie mit der tiergestützten Pädagogik, zunächst mit Hunden. In einem Projekt arbeitete sie mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. „Sie haben aber große Angst vor Hunden. Also habe ich nach Alternativen gesucht und bin durch Zufall auf die afrikanische Riesenschnecke gestoßen“, erklärt Patricia Häußinger. Ein Wohnheim für Menschen mit Behinderungen hatte sehr viel Nachwuchs an Achatschnecken und wusste nicht, wohin damit. „Ich hatte zunächst auch gedacht, dass es mich total viel Überwindung kosten würde, diese Riesenschnecken auf die Hand zu nehmen. Aber sie sind nicht schleimig“, sagt sie und schwärmt von den Tieren. „Sie haben sogar eine Gesichtsmimik, und das macht sie als Therapietiere interessant“, beschreibt die Therapeutin.

Die afrikanische Riesenschnecke ist gar nicht schleimig. Foto: Knappe, Joerg (jkn)

Sie nimmt die Tiere mit in Altenheime, Kindergärten und Schulen. Senioren und Kinder beobachten gerne, wie die Tiere mit ihrem Raspelmund etwas fressen. Die Schnecke sei oft ein Türöffner, wenn ein schwieriges Thema besprochen werden soll. „Man wird ruhig, wenn man die Schnecke beobachtet. Ich habe auch mit Frauen gearbeitet, die Probleme mit ihrem Körper haben und sich als hässlich und unattraktiv empfinden. Es relativiert die Selbstwahrnehmung, wenn ein Tier wie eine Schnecke doch auch als schön, interessant und attraktiv empfunden wird“, betont Patricia Häußinger. Ähnlich ist es bei den Schweinen. Die borstigen Tiere erreichen ihre Beobachter auf eine subtile Art und Weise. „Lilli ist stubenrein und trainiert, auf verschiedenen Böden klar zu kommen“, sagt ihre Besitzerin. So kann sie sie in einer Hundetransportbox auch mit in Altenheime oder Kindergärten nehmen.

Acht Sauen und ein kastrierter Eber leben in ihrem Garten. Lotti ist ein Fundschwein, das in Niederkrüchten ausgebüxt war. Der Besitzer hat sich nie gemeldet. Sie wird nun vergesellschaftet und lernt, sich in die Gruppe einzufügen. „Wenn ein Schwein mit dem Schwänzchen wedelt, ist es ein Zeichen, dass es sich wohl fühlt. Ringeln sie ihren Schwanz, dann sind sie aggressiv. Sie haben eine sehr schöne Körpersprache, die Kinder auch sehr schnell verstehen“, erklärt Häußinger.

Legt ein Schwein die Ohren an und stellt den Nackenkamm auf, dann merkt man, das Schwein findet gerade etwas gar nicht gut. All dies erklärt sie den Kindern, wenn es Schweinebesuch gibt. Lilli hat von Geburt an immer schon viel Kontakt zu Menschen gehabt und ist daran gewöhnt, gestreichelt zu werden. „Aber in der Pubertät muss man klare Regeln aufstellen und autoritär sein, auch wenn man gerne mit dem Schwein schmust“, sagt sie schmunzelnd.

„Schweine sind Charaktertiere und machen nur das, was sie auch wollen. Meinungsverschiedenheiten diskutieren sie körperlich aus“, sagt die Niederkrüchtenerin. Sie findet es wichtig, den Kindern zu vermitteln, dass alle Tiere Gefühle haben. In ihrer Praxis hat sie mit den Schweinen sehr positive Erlebnisse bei Kindern mit Erfahrungen durch sexuellen Missbrauch. „Die Unterstützung der Tiere macht es für mich einfach in der Arbeit, aber auch spannend. Man weiß nie, was man von den Leuten für eine Resonanz bekommt.“

Jedes Tier hat seine Eigenheiten und auch einen Namen, sie gehören zur Familie. „Ich bin dankbar dafür, was die Schweine hier machen“, sagt Patricia Häußinger. „Das Wertschätzen muss ich nicht nur beim Menschen anbringen, auch beim Tier ist es genauso wichtig.“

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