Schwalmtal: Tanzen wie im Wilden Westen

Schwalmtal: Tanzen wie im Wilden Westen

Der Square-Dance-Club "Amernicanos" trainiert mittwochs im Dilkrather Pfarrheim. Ein Caller ruft den Tanzenden zu, was sie machen sollen. Das ist Jogging fürs Gehirn — und macht richtig Spaß, wie unsere Autorin festgestellt hat

So was soll ich machen? Ich mit meinen linken Füßen und absolut keinem Taktgefühl? Niemals! Da guck ich doch lieber aus sicherer Entfernung zu. Und bin schnell völlig fasziniert - und auch ein wenig überfordert. Vor mir bewegen sich 16 Frauen und Männer (wie so oft herrscht auch hier ein deutlicher Frauenüberschuss) zu flotter Musik, die Frauen zum Teil in schicken schwingenden Petticoat-Röcken, die Männer in dunkler Hose und weißem Hemd. Sie bewegen sich miteinander, nebeneinander, kreuz und quer, im Kreis, klatschen sich ab, verbeugen sich - aber immer nach festgelegten Regeln, die ihnen jemand zuruft. Dass diese für mich so kompliziert scheinenden Tanzschritte ohne Unfälle ablaufen, erscheint mir wie ein Wunder. Die Gesichter der Tanzenden schauen konzentriert - und glücklich und zufrieden.

"Das hier ist das Beste, was mir passieren konnte", sagt Christine strahlend. "Das hier" ist der Clubabend des Schwalmtaler Square-Dance-Clubs Amernicanos. Wir sind im Pfarrheim St. Gertrudis in Schwalmtal-Dilkrath. Jeden Mittwochabend treffen sich hier die Square-Dancers, im Laufe des Abends kommen mehr als 20 zusammen. Die jüngste im Club ist 40, die älteste 90 Jahre alt. Viele haben erst vor einigen Jahren mit dem aus den USA kommenden Volkstanz begonnen - und können nicht mehr aufhören.

Dietmar Nowack, Vorsitzender des Clubs, kam anlässlich einer Reise in die USA zum Square-Dance. Er erlebte ihn dort, wo er entstanden ist. Europäische Siedler entwickelten in ihrer neuen amerikanischen Heimat diesen Tanzstil. Daher ist es auch zu erklären, dass so viele Elemente aus deutschen und französischen Tänzen hervorgegangen sind. Und was von den Europäern nach Amerika gebracht wurde, kam durch die amerikanischen Besatzungstruppen nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zurück nach Europa. 500 Clubs, so erzählt Nowack, gebe es in Deutschland. Er schwärmt von den Conventions, auf denen Hunderte von Tänzern gemeinsam tanzen.

Vier Paare bilden einen "square", also ein imaginäres Quadrat, und tanzen bis zu 70 verschiedene Figuren, die ihnen der "Caller" zuruft oder zusingt. Heute Abend übernimmt Sabine Aschemeier den Part des Callers. Tagsüber arbeitet sie als Biologin, am Abend "lass ich euch tanzen". Und das klingt dann etwa so: "recycle", "swing thru", "grand square", "circulate", "dixie style to an ocean wave", "trade". Klingt wie eine Geheimsprache. Aber gelernt ist gelernt - und die Schwalmtaler Square-Dancers kennen ihre Calls in- und auswendig und bewegen sich entsprechend. Was sie nicht wissen: welcher der nächste ist. "Jetzt habt ihr Schweiß auf den Gehirnwindungen" ruft Aschemeier lachend ihren Tänzern zu. Stimmt: der Square-Dance trainiert nicht nur die Kondition - obwohl das Tempo gemächlich ist.

"Man muss nur gehen", beschreibt Heinz den Tanz und meint mit einem Augenzwinkern: "Deshalb ist Square-Dance auch für Männer gut geeignet." Und es scheint noch mehr Vorteile für die Männer zu geben: Sie müssen nicht führen, denn es wird ihnen ja gesagt, was zu tun ist.

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Was Square-Dance noch trainiert, ist die Aufmerksamkeit, das Gedächtnis, die Reaktion. Wer einmal in der Woche tanzt, so hat die Sporthochschule Köln herausgefunden, lebt zehn Jahre länger. Spätestens jetzt bin ich überzeugt: das muss ich - trotz linker Füße und absolut keinem Taktgefühl - unbedingt ausprobieren.

Es trifft Steffen, Heinz, Christine, Dietmar, Christa, Walburga und Klaus: Sie müssen mich durch die nächsten Calls durchschleppen. Meine größte Angst: mich maßlos zu blamieren. Aber zu meinem größten Erstaunen passiert das nicht. Die sieben erfahrenen Mittänzer geleiten mich geschmeidig durch die Schritte. Das klappt ja tatsächlich! Und macht Spaß! Aber sicher hat Aschemeiner als Caller es extra leicht für mich gemacht. Nein, widerspricht sie, das war ein ganz normaler Durchgang. Ich sei ein Naturtalent, meint Nowack sogar.

"Ich liebe die Geselligkeit", erklärt Brigitte später ihre Faszination für den Square-Dance und fügt hinzu: "Die Laune ändert sich in dem Moment, in dem ich hier bin." - "Die Square-Dancer sind höfliche Menschen", beschreibt Heinz die Tänzer. Es gebe auch bei Zusammentreffen mit fremden Clubs keine Unfreundlichkeiten. Das liegt vielleicht auch daran, dass es zu den Regeln des Tanzes gehört, sich zu seinen Tanzpartnern zu verbeugen und zu bedanken.

Fazit: Man kann sich unbedenklich den höflichen und gut gelaunten Square-Dancern aus Schwalmtal anvertrauen und sich in ihr faszinierendes Hobby einweihen lassen.

(b-r)