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Suchtberatung im Kreis Viersen: Mehr Anfragen in der Corona-Krise

Hilfsangebot in Viersen : Suchtberatung in der Corona-Krise stärker gefragt

Der Verein Kontakt – Rat – Hilfe Viersen muss coronabedingt deutlich mehr Anfragen bearbeiten. Vor allem Eltern suchen Unterstützung bei den Experten. Polizei und Ordnungsamt stellen bei dem Verein zudem häufiger Anfragen zu Menschen, die sich und andere gefährden.

In der Suchtberatungsstelle Kontakt – Rat – Hilfe Viersen hat das Telefon in den vergangenen Monaten weit häufiger geklingelt als üblich. „Wir stellen einen erhöhten Beratungsbedarf insbesondere bei Eltern fest, deren Aufmerksamkeit coronabedingt stärker bei den Kindern ist“, sagt Reiner Lennertz, Leiter der Einrichtung.

„Wir beobachten auch eine Steigerung der Anfragen im Rahmen des Psychiatrie-Kranken-Gesetzes“, ergänzt er – das bedeutet, zum Beispiel Polizei, Ordnungsamt, Kreis Viersen oder andere Partner melden der Beratungsstelle einen Menschen, der durch sein Verhalten sich oder andere in Gefahr bringt. Lennertz und sein Team haben auch noch etwas anderes beobachtet, mit dem sie so Mitte März am Anfang der Corona-Krise gar nicht gerechnet hatten: „Die Rückfallquote bei den Klienten, die wir schon länger begleiten, ist gefühlt deutlich geringer als erwartet.“

Der gemeinnützige Verein Kontakt – Rat – Hilfe mit Sitz in Viersen ist seit 1973 im Kreis Viersen zuständig für ambulante Suchtkrankenhilfe. Zum Angebot gehören unter anderem Beratung, Hilfe bei der Suchtvorbeugung und bei der Rehabilitation. Kontakt – Rat – Hilfe ist Anlaufstelle für Menschen, die in ihrem Alltag wegen des Konsums von Drogen, Alkohol oder Medikamenten oder wegen exzessiver Verhaltensweisen beeinträchtigt sind.

Auch für Angehörige oder andere Bezugspersonen ist die Beratungsstelle Ansprechpartner. Im vergangenen Jahr habe der Verein 900 Menschen, die von Sucht betroffen sind, längerfristig begleitet, erzählt Lennertz. Außerdem habe es rund 2000 sogenannte Einmalkontakte gegeben: Also Telefonate oder Informationsgespräche mit Hilfesuchenden, die dann gegebenenfalls an andere Einrichtungen oder Ansprechpartner weiter vermittelt wurden.

Wie viele dieser Einmalkontakte es in diesem Jahr bisher gab, wie viele es wegen der Corona-Pandemie mehr sind als 2019 – „das lässt sich derzeit noch nicht anhand von Zahlen erhärten“, sagt Lennertz. Es sei aber festzustellen, dass eben Eltern, die nun mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und deshalb mehr Zeit haben, deren Verhalten zu beobachten, verstärkt Hilfe suchen: Verbringt mein Kind nicht vielleicht doch zu viel Zeit am Computer oder an der Spielekonsole? Konsumieren Sohn oder Tochter heimlich Cannabis oder andere Substanzen? Was soll ich tun?

Warnsignal für ein Suchtproblem kann sein, dass Jugendliche oder Erwachsene ihre sozialen oder beruflichen Verpflichtungen vernachlässigen. Doch gerade dieser Gradmesser, dass soziale Verpflichtungen gemieden werden, falle jetzt weg, erläutert Lennertz. In der Corona-Krise gilt es ja, möglichst auf Abstand zu gehen. Worauf besorgte Eltern oder Bezugspersonen ebenfalls achten können: Zieht sich der Betroffene sehr zurück, beteiligt sich nicht mehr an familiären Aktivitäten? Hat sich sein Verhalten geändert, ist er viel ruhiger oder aggressiver als gewöhnlich, hat er  Stimmungsschwankungen?

Anne Geerlings ist Koordinatorin für den Bereich Prävention bei Kontakt – Rat – Hilfe, dabei zuständig für die Arbeit mit Jugendlichen. Die Corona-Krise sorgt dafür, dass Jugendliche mehr Zeit für sich haben: „Das kann Ängste und Sorgen, die vielleicht schon vorher da waren, hoch bringen“, sagt sie – und das könne dann zum erhöhten Suchtmittelkonsum führen. Wende sich eine Familie an die Beratungsstelle, werde je nach Situation mit dem Betroffenen ein Einzelgespräch geführt, Angehörigen werden Hintergrundgespräche angeboten.

Wie Lennertz hat auch Geerlings beobachtet: Einige Suchtkranke, mit denen die Beratungsstelle schon länger zusammenarbeitet, haben die Krise für sich genutzt. Weil im Lockdown viele Hilfsangebote erstmal wegfielen, mussten sie schauen, „was sie selber auf die Kette kriegen“, sagt Geerlings. Sie gehen alleine einkaufen, vernetzen sich mit anderen Suchtkranken aus Selbsthilfegruppen: „Viele setzen sich jetzt stärker mit ihren Kompetenzen auseinander“, ergänzt Lennertz.