Stadtrundgang durch Viersen auf den Spuren der örtlichen NSDAP-Gruppen

Stadtrundgang : Auf den Spuren der Nationalsozialisten

Bei einer Stadtführung zeigte der Historiker Arie Nabrings, wo in Alt-Viersen ab Mitte der 1920er-Jahren die „Machtergreifung“ der NSDAP begann. Demnächst soll es virtuelle Rundgänge für Schüler geben.

Transparente weiße Vorhänge an den Fenstern im Erdgeschoss, neben der Eingangstür parkt ein Fahrrad auf dem Gehweg: Das ockergelb gestrichene Wohnhaus an der Wilhelmstraße/Ecke Remigiusstraße ist völlig unauffällig. Nichts erinnert daran, dass an dieser Adresse in der damaligen Gaststätte Kreuels die Kreisleitung der NSDAP 1933 ihren ersten Sitz hatte. „Auf der Straße gab es damals schwere Auseinandersetzungen und Schießereien zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten“, sagt Arie Nabrings. Der Historiker ist an diesem Nachmittag mit etwa 25 Teilnehmern einer Stadtführung unterwegs, zeigt ihnen, wo sich in Alt-Viersen die Parteigeschichte der NSDAP abgespielt hat. Zeitgleich begleiten Marcus Ewers vom Kreisarchiv und der Leiter des Archivs, Michael Habersack, jeweils ähnlich große Gruppen durch die Stadt. Das Thema interessiert – und soll zukünftig stärker ins Bewusstsein der Viersener rücken.

So sah die Hauptstraße in den 1930er-Jahren aus. Erster Beleg, dass die NSDAP in Viersen aktiv wurde, ist nach Recherchen des Historikers Nabrings ein Vortrag der Gladbacher Ortsgruppe am 24. September 1927 im Hotel Gansen an der Hauptstraße. Foto: Kreisarchiv/ Repro: Nadine Fischer. Foto: Kreisarchiv/Repro: Nadine Fischer

Die SPD-AG 60plus hatte angeregt, die Stadtführung anzubieten. Sie ist Testlauf, Denkanstoß. Die Idee sei, ein Konzept zu entwickeln, das auch für Schülergruppen interessant ist, erläutert Jochen Häntsch. Der Vorsitzende der SPD-AG nimmt natürlich am Rundgang teil. Ebenso wie Mirko Danek, Vorsitzender des Vereins Förderung der Erinnerungskultur Viersen 1933–45. „Wir arbeiten daran, einen virtuellen Stadtrundgang durch Viersen anzubieten“, sagt er. An diesem Nachmittag holt er sich Anregungen.

Die Führung beginnt in Sichtweite der Freiheitsstraße, im alten Stadtgarten. Von dort steuern die drei Gruppen in verschiedener Reihenfolge 13 Stationen an: Orte, an denen Parteileute ihre Macht aus­spielten, Widersacher gefoltert oder Hausbewohner deportiert wurden. Grundlage sei sein Buch „Der kurze Weg zur Macht“, das 1992 erschienen ist, erläutert Nabrings.

Als Startpunkt hat der Historiker die Wiese vor der „Pietá“ des Künstlers Fritz Behn gewählt, die 1926 als Mahnmal für die Opfer des Ersten Weltkriegs enthüllt wurde. Rund 1000 Schaulustige seien damals dabei gewesen, erzählt Nabrings. Später hätten die Nationalsozialisten angestrebt, es „wegen seiner entsagenden Ausdrucksform durch ein heldisches Denkmal“ zu ersetzen. Erster Beleg dafür, dass die NSDAP in Viersen aktiv wurde, ist nach Nabrings Recherchen ein Vortrag der Gladbacher Ortsgruppe am 24. September 1927 im Hotel Gansen an der Hauptstraße. Im April 1931 gründete sich eine Viersener Ortsgruppe in einem Lokal an der Krefelder Straße – außerhalb des Stadtzentrums. Nach und nach hätten sich die Nationalsozialisten ins Stadtinnere geschlichen, berichtet Nabrings. Von der Krefelder Straße zogen sie wie die Kreisleitung 1933 an die Wilhelmstraße, kurze Zeit später ins damalige „Horst-Wessel-Haus“ an der Gladbacher Straße 1. Beim Stadtrundgang zeigt der Historiker das Gebäude – heute befindet sich darin eine Eckkneipe.

Im Oktober wurde die Kreisleitung von Viersen nach Kempen verlegt. Die Viersener Ortsgruppe wechselte in einen Raum im Rathaus, hatte zuletzt ihren Sitz in einem Haus am Neumarkt, heute Gereonsplatz. Bevor Nabrings mit seiner ­Gruppe zum Gereonsplatz geht, hält er mit ihr vor dem früheren Wohnhaus des Lehrers Israel Nußbaum an der Geschwister-Scholl-Straße. Drei ­Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig auf dem Gehweg verweisen darauf, dass drei Hausbewohner von dort aus 1942 deportiert wurden. Israel Nußbaum sei im ­Dezember 1942 in Theresienstadt gestorben, „an Unterernährung und ­Erschöpfung“, berichtet Nabrings.

Auch auf dem Hermann-Hülser-Platz stoppt der Historiker, blickt zur Festhalle. 1932 habe die Stadtverwaltung erfolglos versucht, die Halle für Veranstaltungen der NSDAP zu verweigern, erzählt er. 1933 hielt der Stadtrat nach der Machtergreifung in der Halle seine erste Sitzung, mal gab es Konzerte unter Hakenkreuz-Beflaggung, mal sang ein Chor des „Bund Deutscher Mädel“. Im Keller wurde Hubert Vootz misshandelt.

Nabrings führt die Gruppe auch zur katholischen Kirche St. Remigius am Remigiusplatz und zur evangelischen Kreuzkirche an der Hauptstraße. Er berichtet von Hausdurchsuchungen bei katholischen Vereinen und Jugendverbänden, spricht über die Rolle des evangelischen Pfarrers Emil Trotzeck, der „vom Anhänger der NSDAP zum Kritiker ihrer Judenpolitik“ wurde.

Letzte Station ist das Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus im Casinogarten. Eine schlanke Skulptur, ein anonymes Mädchen – als Künstler Zoltan Szekessy sein Werk schuf, „hatte er das Schicksal Anne Franks vor Augen“, sagt Nabrings. Am 24. November 1957 wurde die Skulptur enthüllt. Ein Blasorchester spielte, Oberbürgermeister Hermann Hülser hielt eine Rede. Wenige Gäste seien dabei gewesen, erzählt Nabrings. Ganz anders als beim Festakt vor der „Pietá“ 1926.

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