Stadt Viersen will veraltetes Sirenennetz modernisieren

Katastrophenschutz in Viersen : Veraltetes Sirenennetz wird modernisiert

In Viersen gibt’s noch 18 alte Tellersirenen aus der Ära des Kalten Krieges. Jetzt sollen die Sirenen ausgetauscht werden, will die Stadt ein funktionierendes Warnnetz installieren. Das hat auch etwas mit dem Klimawandel zu tun.

Sie wurden angeschafft, als der Kalte Krieg eisig tobte, um im Fall der Fälle die Bevölkerung zu warnen. Konrad Adenauer hieß der Bundeskanzler damals, und ein gewisser Neil Armstrong hatte noch keinen Fußabdruck auf der staubigen Oberfläche des Mondes hinterlassen. Auch wenn der Kalte Krieg vorbei ist, der Bund sein Sirenen-Warnsystem längst eingestellt hat – 18 mechanische Sirenen aus den Jahren 1960 bis 1965 vom Typ E57 („Tellersirenen“) stehen nach wie vor auf städtischen Gebäuden.

Anfang der 1960er-Jahre wurde diese Tellersirene auf dem Gebäude der heutigen Gemeinschaftshauptschule Süchteln installiert. 18 solcher mechanischen Sirenen hat die Stadt Viersen noch – sie sollen demnächst ersetzt werden. Foto: Martin Röse

Jetzt will die Stadt die Sirenen auf den aktuellen Stand bringen, ein flächendeckendes Warnsystem installieren. Das hat auch mit dem Klimawandel zu tun. „Die Warnung der Bevölkerung bei zunehmender Entwicklung von flächendeckenden Szenarien wird immer wahrscheinlicher“, erklärt Ordnungsdezernent Christian Canzler und nennt Extremwetterlagen als Beispiel. Aber auch bei Bombenfunden oder der Freisetzung von Gefahrstoffen sollen die Sirenen künftig Viersens Bevölkerung warnen. Bis es so weit ist, muss aber noch eine Menge geschehen. So decken die insgesamt 20 Sirenenstandorte – in den vergangenen Jahren wurden für 18.000 Euro auch zwei neue elektronische Sirenen angeschafft – nicht das komplette Stadtgebiet ab; beispielsweise werden zahlreiche Neubaugebiete nicht erreicht. Ein anderes Problem: „Die Sirenen können bei Stromausfall nicht betrieben werden“, erklärt Canzler. Zudem befinden sich einige Gebäude mit Sirenen gar nicht mehr in städtischer Nutzung. Und: „Die Sirenen sind technisch überaltert, teilweise gibt es keine Ersatzteile mehr“, berichtet der Ordnungsdezernent.

In den vergangenen Monaten hat die Verwaltung deshalb ein Konzept entwickelt, bei dem Sirenenstandorte und die eigentlichen Sirenen geändert und ausgetauscht werden sollen. Canzler: „Ziel ist es, ein Warnsystem für die Bürger des Stadtgebietes aufzubauen, das technisch auf einem aktuellen Stand ist, annähernd flächendeckend wirkt, unwetterresistent ist, bei Stromausfällen noch funktionsfähig wirkt und möglichst auf öffentlichen und ständig zugänglichen Gebäuden errichtet ist.“ So sollen die alten mechanischen Sirenen durch elektronische ersetzt werden – die sind dank Akku unabhängig vom Stromnetz, die Schalltrichter können gezielt in bestimmte Richtungen gedreht werden, auch Sprachdurchsagen sind möglich. Und: Weil elektronische Sirenen keine beweglichen Teile haben, verringern sich Gewicht, Wartungsaufwand und Stromverbrauch. Über die Planungen unterrichtete Canzler jetzt die Mitglieder des Ordnungsausschusses, eine Beschlussfassung soll später erfolgen.

Denn noch wird ein sogenannter Beschallungsplan fürs gesamte Stadtgebiet erstellt. In den fließt nicht nur die aktuelle Bebauung ein, auch die topographischen Gegebenheiten werden berücksichtigt. Liegen die Ergebnisse vor – das soll noch in diesem Jahr sein – kann die Verwaltung sagen, wo Sirenen neu installiert werden müssen. Klar ist schon jetzt: Bis Jahresende sollen drei alte Sirenen in Süchteln und Hagenbroich ersetzt werden. Dort drängt die Zeit, weil die Stadt vom Land vor zwei Jahren 34.000 Euro Fördergeld für den Aufbau eines städtischen Warnsystems erhalten hat – bis Ende dieses Jahres muss die Stadt die Gelder zweckentsprechend verwendet haben.

Ganz billig wird die Reaktivierung des Sirenennetzes nicht. Die Verwaltung rechnet mit Kosten von insgesamt rund 170.000 Euro – aufgeteilt auf die Jahre 2020 bis 2023.

Ist im Zeitalter von Smartphones und Warn-Apps wie „Nina“ oder „Katwarn“ ein Warnsystem per Sirene wirklich zeitgemäß? Canzler verweist auf ein Papier des Arbeitskreises Zivil- und Katastrophenschutz der Berufsfeuerwehren NRW. „Wenn kurzfristig ein bestimmtes Verhalten der Bevölkerung von Nöten ist, muss zur Warnung die erste Phase der Aufmerksamkeit durchgeführt werden“, erklärt der Ordnungsdezernent. „Hierzu ist ein funktionsfähiges und ausgebautes Sirenennetz die erste Wahl.“ So gehe es auch aus dem Papier des Arbeitskreises hervor. Warn-Apps wie „Nina“ würden erst im zweiten Schritt – dem Informieren – ihre Stärken voll ausspielen.