Wie der 1. FC Viersen von Nettetal lernen kann

Fußball: Wie der 1. FC Viersen von Nettetal lernen kann

Analyse Was sich schon länger angedeutet hat, ist am Sonntag Realität geworden. Traditionsverein 1. FC Viersen muss den bitteren Weg in die Bezirksliga antreten. Das Schicksal teilen die Viersener aber mit etlichen Vereinen, auch aus der Region. Da könnten sie sich etwas abschauen.

Was lange Zeit für die meisten Viersener undenkbar schien, ist seit Sonntag Realität. Der Traditionsverein 1. FC Viersen ist erstmals seit der Fusion von VfL Grün-Weiß Viersen und FC Germania Viersen im Jahr 1969 in die Bezirksliga abgestiegen. Nach der Fusion ging es viele Jahre kontinuierlich aufwärts, entwickelte sich der 1. FC als Amateur-Oberligist für einige Zeit in der Region zu einem der führenden Vereine hinter der großen Borussia aus Mönchengladbach und wurde sogar attraktiv für Ex-Profis. So spielten etwa Horst Köppel und Erwin Spinnler nach ihrer Zeit in Gladbach am Hohen Busch, aber auch Kicker wie Hans-Günter Plücken (Hamburger SV) und Horst Riege (Bayer Uerdingen) gaben sich die Ehre. Zweimal erreichten die Viersener sogar den DFB-Pokal. 1978 kam das Aus in Runde eins gegen die Borussia (0:8), 1981 gegen den Karlsruher SC, aber erst im Wiederholungsspiel (1:2).

Klar, dass bei so einer Historie ein Absturz in die Bezirksliga nur schwer vorstellbar ist. Aber ist am Sonntag die Welt untergegangen? Nein! Schon viele noch größere und traditionsreichere Vereine mussten solche Rückschläge hinnehmen. Vielmehr sollten die Verantwortlichen des 1. FC Viersen in diesem mehr als deutlichen Warnschuss eine Chance erkennen, nämlich die Chance, vom Grunde her neu aufzubauen. Das bedeutet nicht nur, die erste Mannschaft durch einen Kraftakt so schnell wie möglich zurück in die Landesliga zu bringen, sondern auch die einst so hervorragende Jugendarbeit wiederzubeleben und Strukturen im Verein anzupassen. In dieser Hinsicht haben Vereine wie der ASV Süchteln und Concordia Viersen dem großen Nachbarn vom Hohen Busch den Rang abgelaufen. Lange haben die Verantwortlichen in Sachen Nachwuchsarbeit wegen des verfallenden Stadions, sicher auch nicht unberechtigt, über einen Standortnachteil geklagt, doch dieses Argument kann inzwischen nicht mehr als Ausrede gelten. Dem erstklassigen Kunstrasenplatz, der 2017 eröffnet wurde, folgt wohl 2019 ein modernisierter Stadion-Innenbereich mit Kunststofflaufbahn und neuem Rasenplatz. Daraus gilt es, mit frischen Ideen und motiviertem Personal Kapital zu schlagen.

Dass in Willi Kehrberg dafür ein Mann nicht mehr zur Verfügung steht, der fast 30 Jahre in verschiedenen Funktionen für den Verein tätig war und auch als Spieler sogar noch die erfolgreichen Zeiten in der Amateur-Oberliga in den 1980er und 1990er Jahren mitgemacht hat, ist einem von vielen Fehlern geschuldet, die den sportlichen Abstieg des Vereins begleitet haben. War der Rückzug aus der Niederrheinliga im Jahr 2013 aus finanziellen Erwägungen nachvollziehbar und sicher vernünftig, so gelang in der Folge aber nicht freiwerdende finanzielle Mittel und personelle Ressourcen in eine bessere Zukunft des Vereins zu stecken. Zwar spielte die Mannschaft zunächst noch in der Landesliga oben mit, doch schon im Jahr 2014 begann der Abwärtstrend, während parallel auch die Jugendarbeit nicht mehr auf die Füße kam. Im Sommer 2016 erfolgte der erste große Umbruch, bei dem viele erfahrene Spieler gingen und hauptsächlich durch Perspektivspieler ersetzt wurden. Was nach außen hin als Paradigmenwechsel hin zu einer verjüngten Mannschaft verkauft wurde, war wohl auch einem neuerlich verschlankten Etat geschuldet.

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Als Kehrberg auch nach der Winterpause keine Stabilität in die Auftritte der jungen Truppe bekam, entzogen ihm Fußball-Obmann Ronny Mustac und Vorsitzender Michael Berghausen das Vertrauen. Nachfolger Steve Jäck schaffte zwar in einem Kraftakt noch mal den Klassenverbleib, doch nach einer weiteren Verjüngungskur und einem gruseligen Saisonstart musste er auch zeitig gehen. Für ihn übernahm der eigentlich als Sportlicher Leiter gekommene Daniel Saleh. Aber trotz erfolgreicher Phasen und personeller Veränderungen in der Winterpause konnte auch er nicht so viel Konstanz in die Mannschaft bringen, dass es zum Klassenverbleib gereicht hätte. In der Schlussphase der Saison zeigte die Mannschaft immer wieder in schier aussichtslosen Situationen welches Potenzial in ihr steckt und dass sie als Einheit auftreten kann. Aber unter dem Strich hat sie das zu selten geschafft. Trainer Daniel Saleh hat jedenfalls schon vor der Partie am Sonntag erkannt, dass ein Bezirksliga-Abstieg auch etwas Gutes haben könnte. „Vielleicht gibt uns das die Möglichkeit, den Kader zu bereinigen und uns stabiler aufzustellen. Eine Klasse tiefer muss man nicht alle Spieler unbedingt mitnehmen, sondern kann sich auch erlauben, mehr auf Charakterstärke zu setzen.“ Mannschaften wie Süchteln, Nettetal und Odenkirchen hätten vorgemacht, wie es geht, aus Abstiegen in die Bezirksliga die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Das gilt seit Sonntag besonders für die Union aus Nettetal, die als einstiger Verbandsligist auch im Tal der Tränen versank, als es 2012 in die Bezirksliga ging. Nachdem sich in die Mannschaft nach dem sofortigen Wiederaufstieg zunächst in der Landesliga konsolidierte, wurde unter dem Brasilianer Chiquinho wieder die Spitzengruppe anvisiert. Allerdings gelang es dem Verein unter dem Ex-Profi nicht, die traditionell gute Jugendarbeit näher an die erste Mannschaft heranzuführen. Dazu musste erst eine sportliche Krise her, die Chiquinho das Amt kostete und in Andreas Schwan einen jungen Trainer in die Verantwortung brachte. Er förderte das Potenzial in der Mannschaft durch einen anderen Spielstil und eine andere Ansprache zutage. Nettetal kam sensationell noch in die Spitzengruppe der Liga und verschaffte Schwan so das Standing, im vergangenen Sommer eine deutliche Verjüngung und Vergrößerung des Kaders sowie andere Strukturen im Verein auf den Weg zu bringen. Was natürlich auch dadurch vereinfacht wurde, dass der Verein finanziell auf gesunden Füßen zu stehen scheint. Dass Schwan und sein Trainerteam in Zusammenarbeit mit der Sportlichen Leitung die Mannschaft so schnell in die Oberliga führte, ist gar nicht hoch genug zu bewerten.

Erstaunlich war gerade in der zweiten Saisonhälfte, dass die junge Mannschaft sich auch von sportlichen und personellen Rückschlägen nicht zurückwerfen ließ und immer wieder die richtige Antwort gab. Zuletzt am vergangenen Sonntag, als sie es mit dem ungünstigen 0:1 aus dem Hinspiel im Rücken schaffte, einer konterstarken Mannschaft wie Niederwenigern kein Tor zu gestatten, obwohl sie selbst zu einem Treffer verdammt war. Obwohl die Aufstiegsentscheidung bis zum letzten Moment offen war, haben die Nettetaler in der vergangenen Wochen und Monaten schon fleißig an ihrem zukünftigen Kader gefeilt. Doch es käme nicht überraschend, wenn die Union jetzt noch den einen oder anderen Hochkaräter aus dem Hut zaubern würde, der aber in die Philosophie des Trainer passt. Schließlich soll der Aufenthalt in der Oberliga und der Status als Nummer eins im Grenzland ganz sicher nicht nur für eine Saison halten. Ein Status, den über viele Jahre der 1. FC Viersen wie selbstverständlich innehatte.