Vorsitzender Berghausen: 1. FC Viersen nach Abstieg sauber aufgestellt:

Fußball : „Wir sind trotz des Abstiegs sauber aufgestellt“

Der Vorsitzende des Traditionsvereins 1. FC Viersen hat die größte Enttäuschung überwunden und sieht nicht schwarz für die Zukunft.

Anderthalb Wochen ist es jetzt her, dass der 1. FC Viersen nach den Relegationsspielen gegen den FC BG Überruhr aus Essen erstmals seit der Fusion von VfL GW Viersen und FC Germania Viersen im Jahr 1969 in die Bezirksliga abgestiegen ist. Genug Zeit also, die Enttäuschung zu verarbeiten und die Gedanken in die Zukunft zu richten. Zumindest Vereinsvorsitzender Michael Berghausen zeigte im Gespräch mit unserer Redaktion, dass er das hinbekommen hat. Natürlich hat auch ihn der Gang in die Bezirksliga getroffen, aber er sieht auch eine Chance darin, etwas außerhalb des Fokus der Öffentlichkeit weiter an besseren Strukturen für die Zukunft zu arbeiten.

Herr Berghausen, wie fühlt sich der Abstieg für Sie mit über einer Woche Abstand an?

Berghausen Natürlich war ich zunächst enttäuscht, wie alle anderen im Verein auch. Aber ich hatte mich nach dem 3:4 im Hinspiel gegen Überruhr schon darauf vorbereitet. Aber schon beim Teamabend am vergangenen Freitag war die Stimmungslage allgemein wieder okay. Die Spieler, die bleiben, sehen die Zukunft positiv, schließlich haben wir eine gute Mannschaft zusammen. Dennoch haben wir noch einige Themen anzupacken, doch Grund für Untergangsszenarien gibt es nicht. Mein Plan A lautete Klassenerhalt, Plan B war, das erste Spiel nach dem Wiederaufstieg im neuen Stadion zu machen.

Wie waren die Reaktionen aus dem Umfeld, von Zuschauer, ehemaligen Spielern und Funktionären?

 Berghausen Die Enttäuschung war bei allen groß, die den 1. FC noch aus der Oberliga und Verbandsliga kennen. Da wurden uns aus dem Frust heraus, auch schon mal Fehler vorgeworfen. Die meisten Ex-Spieler und Trainer haben uns aber Mut zugesprochen und uns ermuntert, das Beste aus der Situation zu machen. Bemerkenswert fand ich, dass es bei anderen Vereinen keine Schadenfreude gab. Vielmehr habe ich bedauernde Reaktionen mitbekommen.

Wie trifft es Sie, dass ihr Name als Vorsitzender mit der größten Pleite des Vereins seit der Fusion im Jahr 1969 verbunden ist?

 Berghausen Natürlich bin ich als Vorsitzender davon betroffen und stehe in der Verantwortung, aber wir haben alle Entscheidungen als Vorstandsteam getroffen, Ronny Mustac, Claus Andres, Thomas Somke, Marco Fröhlich und ich. Und dabei haben wir als Ehrenamtler viel Zeit und Arbeit aufgewendet. Deswegen können wir uns keine Vorwürfe machen, auch wenn man im Nachhinein immer schlauer ist und die eine oder andere Entscheidung vielleicht anders getroffen hätte. Doch wir sind alle beruflich so stark eingespannt, dass wir uns um manche Themen einfach nicht so kümmern können, wie es vielleicht sein müsste. Bei einem Etat von knapp 100.000 Euro könnte man schon jemanden gebrauchen, der sich Vollzeit um die vielen Themen kümmert. Meine Aufgaben waren in den vergangenen Jahren ohnehin weniger der Fußball, sondern mehr die strukturellen Dinge wie der neue Kunstrasen, Finanzen, Organisation und Administration. Da sind wir trotz des Abstiegs sauber aufgestellt.

Müssen Sie sich noch daran gewöhnen, dass es nächste Saison gegen Gegner wie den Dülkener FC und den TDFV Viersen geht?

Berghausen So ist der Sport. Wenn man absteigt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man auf Gegner trifft, gegen die man 15 bis 20 Jahre nicht mehr gespielt hat. Ich sehe das aber positiv. Wir sind in einer Gruppe mit vielen interessanten Teams, es wird tolle Derbys geben. Und wenn wir dann noch gewinnen, ist das umso besser. Gegen Überruhr waren 600 Zuschauer im Stadion. Das Interesse ist also da, vielleicht können wir mit dem Mehr an Derbys auch etwas in den Ligabetrieb transportieren.

Was war der Hauptgrund dafür, dass es am Ende dann doch nicht zum Klassenverbleib gereicht hat?

Berghausen Wir sind uns im Klaren, dass wir nicht in der Relegation abgestiegen sind, sondern schon vorher. Wir haben es nicht geschafft, aus vielen guten Einzelspielern auf Dauer ein vernünftiges Team zu formen. In Spielen wie gegen Kapellen oder gegen Überruhr hat die Mannschaft gezeigt, wie es gehen kann. Doch der richtige Teamgeist kam erst kurz vor knapp, das war einfach zu spät.

Wie beurteilen Sie aus heutiger Sicht die frühe Entlassung von Trainer Steve Jäck?

Berghausen Da müssen wir uns als Vorstand fragen lassen, ob wir uns da zu sehr von Teilen der Mannschaft haben verleiten lassen, die den Trainer schlecht gemacht und gegen ihn gearbeitet haben. Vielleicht hätten wir auch sagen müssen, das ist unser Trainer, mit dem müsst ihr klarkommen. Am Trainerteam von Daniel Saleh haben wir nie gezweifelt, auch wenn die Leistungen nicht konstant waren.

Sie haben den neuen Kunstrasen schon angesprochen. Dadurch sollte auch eine Euphorie im Verein entstehen, stattdessen gab es den Abstieg.

Berghausen Euphorisch waren die Spieler schon, alle sagen, dass man da richtig gut drauf spielen kann. Aber als Individuum oder Mannschaft wird man dadurch ja nicht automatisch besser. Positiv ist aber, dass wir nächste Saison wieder eine dritte Mannschaft melden können und dass die Entwicklung in der Jugend bei den jüngeren Jahrgängen auch gut ist.

Haben der Kunstrasen und das Stadion-Projekt vielleicht zu viele Ressourcen geschluckt?

Berghausen Das ist nicht von der Hand zu weisen. Wir gehen alle einem Beruf nach und müssen daneben die Großprojekte stemmen, die extreme Zeitfresser sind. Diese Zeit fehlt dann an anderer Stelle. Ronny Mustac hat sich zum Beispiel, acht Kunstrasenplätze in ganz NRW angeschaut, wir alle im Vorstand sind zu Experten in Sachen Kunstrasenqualität geworden. Daneben mussten wir uns über Monate um die Finanzierung kümmern und Gespräche mit Verwaltung und Politik führen. Wir stellen uns gerne der Kritik rund um den Abstieg, aber es gibt eben auch Gründe.

Sie haben den Etat erwähnt. Inwiefern spielt der beim Abwärtstrend der vergangenen Jahre eine Rolle?

Berghausen Wenn weniger Geld da ist, wird es eben anders verteilt. Und einiges haben wir eben auch in den neuen Kunstrasen verschoben, das hat uns belastet. Daneben müssen wir den Spielbetrieb aufrecht erhalten, Trainingsmaterialien besorgen, Trainer bezahlen und haben administrative Ausgaben. Auch deswegen setzen wir auf junge, entwicklungsfähige Spieler. Das haben wir uns vielleicht einfacher vorgestellt, als es ist. Aber wir haben als 1. FC Viersen immer noch einen guten Namen und gute Voraussetzungen, uns Stück für Stück zu verbessern.

Wie sehen Sie den jetzt den Abstieg aus der Fußball-Landesliga. Nur als Katastrophe oder auch als Chance?

Berghausen Katastrophen sind weitaus schlimmer, aber nicht ein Abstieg. Für den Moment war das, wie gesagt, eine große Enttäuschung, aber es ergibt sich auch eine große Chance. Wir haben viele positive Rückmeldungen bekommen. So hat sich zum Beispiel eine Taskforce „Wiederaufstieg“ zusammengefunden. Darin sind ehemalige Spieler und Funktionäre wie etwa Klaus Flessers, die ihre Unterstützung angeboten haben. Dann sind auch ehemalige Spieler auf uns zugekommen, die eine Alte Herrenmannschaft gründen wollen. Das begrüßen wir, weil es das Vereinsleben aufwertet und vielfältiger macht. Kopf in den Sand stecken gilt nicht, entspricht auch nicht meinem Naturell. Wir sehen vielfältige Chancen und müssen jetzt konkret daran arbeiten.

Wo sehen Sie aktuell beim 1. FC Viersen den dringendsten Handlungsbedarf?

Berghausen Im sportlichen Bereich, weil wir inzwischen administrativ gut aufgestellt sind. Das Stadionprojekt frisst zwar noch Ressourcen, aber wir müssen uns auch auf den Sport fokussieren. Wir müssen den Unterbau verbessern, die zweite Mannschaft stabiler aufstellen und weiter in die Jugend investieren und am besten mittelfristig mit einem anderen Fußballverein in Viersen fusionieren, das würde richtig Sinn machen. Das braucht alles etwas Zeit und Geduld, aber wir haben da einen guten Plan.

Wann sehen wir den 1. FC Viersen wieder in der Landesliga?

Berghausen Wenn es nach mir geht, im Sommer 2019, es ist aber auf jeden Fall unser mittelfristiges Ziel, weil wir da hingehören. Aber sicher nicht auf Teufel komm raus. Wir werden auf keinen Fall einige Starspieler verpflichten, sondern wir wollen eher über das Kollektiv kommen. Wir wollen mit einem gesunden Unterbau und einer guten Jugendarbeit etwas Langfristiges aufbauen. Das kann eben auch dauern.

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