Schiedsrichter-Chef des Fußballkreises Kempen/Krefeld zum Videobeweis

Fußball : „Der Videoassistent greift zu häufig ein“

Der Schiedsrichter-Chef des Fußballkreises Kempen/Krefeld wünscht sich Anpassungen beim Videobeweis.

Der erste Spieltag in der Fußball-Bundesliga ging für die Schiedsrichter alles andere als gut los, der Videobeweis sorgte auf einigen Plätzen für viel Chaos. Über mögliche Auswirkungen auf die heimischen Amateurschiedsrichter sprach unsere Redaktion mit dem Nettetaler Werner Gatz, Chef der Schiedsrichter im Fußballkreis Kempen/Krefeld.

Herr Gatz, wie finden Sie es, dass die Schiedsrichter gleich am ersten Spieltag so unter Beschuss standen?

Gatz Die Schiedsrichter stehen ja nur unter Beschuss, seit der Videobeweis eingeführt wurde. Man muss aber auch zugeben, dass es nicht so gelaufen ist, wie es hätte sein sollen. Da hätten viel mehr die Erfahrungen der WM in Russland einfließen sollen. Die Videoassistenten haben sich viel zu sehr eingemischt.

Befürchten Sie, dass die aktuelle Schiedsrichterschelte Einfluss auf die Amateurschiedsrichter auf den heimischen Plätzen hat?

Gatz Ich merke seit geraumer Zeit, dass die Akzeptanz für die Entscheidungen der Schiedsrichter immer weiter abnimmt. In der Bundesliga gibt es bei jeder Kleinigkeit einen riesigen Aufstand von Spielern und Verantwortlichen, das wirkt sich immer weiter nach unten aus. Hinzu kommt, dass sich Spieler immer theatralischer verhalten, die Show ist einfach unerträglich. Selbst Jugendliche und ihre Eltern fangen immer häufiger an zu diskutieren. Die sehen etwas im Fernsehen und glauben dann, sie müssten das bei uns auf den Plätzen auch so machen. Das ist aber eine Entwicklung, die es schon vor dem Videobeweis gab. Die Probleme mit dem Videobeweis kommen jetzt noch hinzu.

Es gibt regelmäßig Treffen der Schiedsrichter im Kreis. Wie ist dort die Meinung zum Videobeweis?

Gatz Durchweg negativ, weil alle der Meinung sind, dass zu viel eingegriffen wird. Es gibt schon Mitleid mit den Profi-Kollegen.

Welche Auswirkungen hat das auf die Nachwuchsfindung?

Gatz Nachwuchs zu finden, war schwer und bleibt schwer, unabhängig vom Videobeweis. Es kommen noch viele neue Schiedsrichter, doch die sind heutzutage meist im Alter zwischen 14 und 17 Jahren. Und wenn die dann merken, dass für den Job eine hohe Verlässlichkeit nötig ist, hören sie oft schnell wieder auf. Die Guten brechen uns dann oft weg, wenn Studium oder Berufsausbildung anstehen.

Wo sehen Sie die größten Versäumnisse beim Videobeweis?

Gatz Wie schon gesagt, es wird zu häufig eingegriffen. Bei der WM war das viel angenehmer und die Entscheidungen waren zu 95 Prozent richtig. Alle persönlichen Strafen, abgesehen von übersehenen Tätlichkeiten, sollten vom Schiedsrichter auf dem Platz entschieden werden. Bei wirklich spielentscheidende Szenen wie bei Strafstößen, Abseits und Tor oder nicht Tor kann sich der Videoassistent bei Bedarf einschalten. Der Knackpunkt war am Wochenende im Bayernspiel der Elfmeter gegen Hoffenheim. Obwohl das eine ganz klare Fehlentscheidung war, wurde nicht eingegriffen. Das hat dafür gesorgt, dass in der Folge die ganzen unseligen Diskussionen losgingen.

Was muss passieren, damit der Videobeweis funktioniert?

Gatz Das Motto muss sein: Weniger ist mehr. So wie bei der WM. Zudem darf es aus meiner Sicht nur einen kleinen Kreis an Schiedsrichtern geben, die als Videoassistent eingesetzt werden und dementsprechend gezielt ausgebildet werden. Dann wären die Videoassistenten ruhiger, das wäre entspannter für alle. Der ständige Wechsel kann nicht gut gehen.

Gibt es eigentlich Kontakt der Profischiedsrichter zu der Basis, werden dort auch Meinungen abgeholt?

Gatz Die Amateure haben da nichts zu sagen, was an den Strukturen im DFB liegt. Das ist ein elitärer Bereich, der ständig geschult wird, etwa in Psychologie und Deeskalation. Der Profifußball hat auch nicht viel mit der Basis zu tun. Da war es klar, dass sich das bei den Schiedsrichtern auch so entwickelt.

Hat der Videobeweis aus Ihrer Sicht eine Zukunft?

Gatz So wie er jetzt ausgeführt wird, geht es nicht. Da müssen Anpassungen her, damit nicht ständig diskutiert wird. Gesprochen wird immer, aber die Fußballfans dürfen nicht generell unzufrieden sein.

Apropos Zukunft, Sie befinden sich in Ihrer letzten Saison als Schiedsrichter-Obmann. Was haben Sie sich noch vorgenommen?

Gatz Nach 25 Jahren in dieser Position muss es auch mal gut sein. Ende des Jahres werde ich 70, das ist ein guter Zeitpunkt, um aufzuhören. Ich möchte die Saison gut zu Ende bringen, wie in den 24 Jahren zuvor. Ich möchte eine gute Mannschaft hinterlassen. Wir sind einer der weniger Kreise, der noch die meisten Spiele mit Schiedsrichtern besetzen kann. Ich hoffe, dass das so bleibt.

Gibt es schon einen Kandidaten für Ihre Nachfolge?

Gatz Ja, der bisherige Lehrwart Andreas Kotira will sich am 10. April beim Schiedsrichtertag zur Wahl stellen.

Mehr von RP ONLINE