Fußball: Mehr Brisanz geht nicht für ein Derby

Fußball : Mehr Brisanz geht nicht für ein Derby

1. FC Viersen gegen die VSF Amern, das ist ein Klassiker unter den Lokalduellen im Grenzland. Morgen ist aus mehreren Gründen noch mehr Feuer in der Partie. Beide Teams brauchen Punkte im Abstiegskampf der Fußball-Landesliga.

Im Normalfall wären morgen viele Augen auf Willi Kehrberg gerichtet. Denn seit ihm im März des vergangenen Jahres das Vertrauen als Trainer des 1. FC Viersen entzogen wurde, kehrt er als Coach des Fußball-Landesligisten VSF Amern erstmals wieder ins Stadion am Hohen Busch zurück - also dorthin, wo er nach fast 30 Jahren in unterschiedlichen Funktionen im Verein ohne Übertreibung als lebende Legende durchgeht. Doch für Sentimentalitäten und andere Nebenkriegschauplätze hat der 55-Jährige angesichts des knallharten Abstiegskampfs derzeit keinen Sinn. Er geht davon aus, dass seine Geschichte in der morgigen Neuauflage der inzwischen zum Derbyklassiker aufgestiegenen Partie Viersen gegen Amern nur eine Nebenrolle spielt. "Natürlich ist das kein normales Spiel, aber aus ganz verschiedenen Blickwinkeln", sagt Kehrberg. Welches das sind, wollen wir im Vorfeld beleuchten.

Kehrberg Es entspricht Kehrbergs Naturell, dass er seinem fußballerischen Schicksal vor dem Match keine zu große Bedeutung beimessen möchte. "Ich muss mein Team vorbereiten, denn uns erwarten viele Zuschauer, eine entsprechende Stimmung und eine hohe Intensität. Es wird hoch hergehen. Da kann ich mich nicht damit beschäftigen, auf welcher Bank ich sitze oder wen ich treffe", sagt Kehrberg. Wie tief der Schmerz gesessen haben muss, als er in Viersen seinen Hut nehmen musste, zeigt aber der Umstand, dass er seitdem nie wieder einen Fuß ins Stadion am Hohen Busch gesetzt hat, obwohl er dort nach Jahrzehnten als Spieler, Sportlicher Leiter und Trainer eigentlich zum Inventar gehörte. "Das kann ich trennen, das habe ich drauf", betont Kehrberg mit Blick auf die enorme Bedeutung der Partie für die Ambitionen seines Teams, in der Klasse zu bleiben. Auch Daniel Saleh, der inzwischen auf dem Viersener Trainerstuhl platzgenommen hat, glaubt nicht, dass die Rückkehr seines Vor-Vorgängers die morgige Partie noch emotionaler macht: "Das Derby wird nicht anders, als wenn Willi nicht dabei wäre."

Derby-Klassiker Viele Jahre war der 1. FC Viersen den Amernern vom Leistungsniveau um Lichtjahre voraus. Doch seit die Schwalmtaler 2011 in die Landesliga aufstiegen und die Viersener in der Saison darauf freiwillig aus der Niederrheinliga herunterkamen, liefern sich beide Vereine Jahr für Jahr spannende Duelle. Ohne Übertreibung lässt sich davon Sprechen, dass sich die Partie zu einem Derby-Klassiker gemausert hat. Und die Bilanz in Punktspielen spricht bislang klar für die VSF: Sechs Siegen und vier Unentschieden steht bislang nur eine Niederlage gegen Viersen gegenüber. Die jüngsten vier Partien gingen alle an die Amerner, das Hinspiel in der laufenden Spielzeit gewannen sie auf eigenem Platz eindeutig mit 4:0.

Spieler Eine besondere Rivalität zwischen beiden Mannschaften ist im Laufe der Jahre auch dadurch entstanden, dass die Amerner viele Spieler in ihren Reihen hatten und haben, die eine Viersener Vorgeschichte vorweisen. Aus dem aktuellen Kader haben Nico Oelsner, Tobias Bruse, Daniel Friesen, George Tawiah und Dominik Kleinen schon mal das Trikot des 1. FC getragen. Tawiah und Friesen noch in der vergangenen Saison. Seit voriger Woche steht auch fest, dass in Torwart Lars Bergner im Sommer ein weiterer Spieler vom Hohen Busch ins Rösler-Stadion wechselt. Lange Zeit Stammtorhüter unter Daniel Saleh, ist er aktuell nicht mal mehr im Kader. Eine besondere Rolle nimmt Dominik Kleinen ein, der 2014 mal den umgekehrten Weg ging und von Amern nach Viersen wechselte. Vorige Saison kehrte er zurück, nach einer Knie-OP ist er aber noch nicht wieder fit.

Lage Nach zwei Niederlagen in Folge gegen Konkurrenten im Abstiegskampf stehen die Viersener enorm unter Zugzwang. Insbesondere gegen den TSV Meerbusch II war Trainer Daniel Saleh überhaupt nicht zufrieden mit seinem Team: "Da haben die Grundtugenden wie Laufbereitschaft und Zweikampfverhalten gefehlt. Das wird Amern zu spüren bekommen, da wird eine ganz andere Viersener Mannschaft auf dem Platz stehen", betont Saleh. Das ist auch nötig, denn wohl nur ein Sieg eröffnet den Viersener noch Chancen auf den direkten Klassenverbleib. Weil parallel auch die beiden anderen Kellerduelle Mettmann gegen FC Remscheid und Nievenheim gegen Meerbusch II steigen, wird sich am Sonntagnachmittag schon klar zeigen, wo die Reise hingeht. "Ein Sieg in Viersen wäre ein großer Schritt für uns, mit einem Remis halten wir Viersen auf Distanz und haben das klare bessere Torverhältnis. Wir müssen also kühlen Kopf bewahren und das Spiel kontrollieren", sagt Willi Kehrberg.

(RP)