Madeline Folgmann von der TG Jeong Eui Nettetal vor dem WM in Manchester

Taekwondo : Die Nervosität kommt erst bei der WM

Weltklasse-Taekwondoka Madeline Folgmann greift am Samstag bei der Weltmeisterschaft in Manchester ins Geschehen ein. Bei einer der letzten Trainingseinheiten vor dem Saisonhöhepunkt durfte die RP dabei sein.

Kurze Ansagen ruft Björn Pistel, einzelne Worte auf Koreanisch. Der Blick der Kinder ist konzentriert, mal auf den Trainer gerichtet, mal auf ihr Bild im Spiegel. „Poomsae“ heißt dieser Formenlauf im Taekwondo, eine Folge von Übungen, die Bewegung, Atemrhythmus und Gleichgewicht schulen soll. Je nach Gürtelfarbe, Gelb, Grün, Blau oder Rot, gibt es eine andere Kombination. Mit einem lauten „gihap!“ verabschieden sich die Kinder nach der letzten Übung. Der Kampfschrei kommt auch aus dem Koreanischen: „gi“ heißt Kraft, „hap“ Konzentration. Für die Kinder ist das Training ist vorbei, für Madeline Folgmann von der TG Jeong Eui Nettetal beginnt es nun. Das zweite Training an diesem Tag, und eines der letzten, bevor sie nach Manchester zur Weltmeisterschaft fliegt, die dort von 15. bis 19. Mai stattfindet. Folgmann wird ihren ersten Kampf in der Gewichtsklasse bis 53 Kilogramm am Samstag bestreiten.

Begonnen hat ihre Karriere einst genauso: bei einer Trainingsgruppe für Kinder. Mit fünf Jahren kam die 22-Jährige zum Taekwondo. Heute ist sie sechsfache Deutsche Meisterin, drittbeste Taekwandoka in Europa – und hat sich Olympia 2020 in Tokio zum Ziel gesetzt. Der Weg dahin sind weitere Monate voller Arbeit, Wettkämpfe und Punkte sammeln bei Open- und Grand-Prix-Turnieren - doch die erste Etappe könnte bald mit der Weltmeisterschaft in England geschafft sein. Eine Top-Platzierung bei der WM könnte ein entscheidender Schritt Richtung Olympia sein.

Folgmann wirkt gelassen, Nervosität ist ihr noch nicht anzumerken. „Die kommt erst, wenn ich da bin“, sagt sie. Da – bei der Weltmeisterschaft. Ein Stück näher an ihrem Traum von Olympia. Doch der Druck, der sei immer spürbar. „Ich musste lernen, mich mehr auf mich zu fokussieren“, sagt Folgmann. Nicht vom Gegner ablenken zu lassen, auch nicht davon, welche Turniere er bereits gewonnen hat. Oder worin er besser sein könnte als sie. Der Kampf entscheide sich manchmal genau dadurch, wer mental stärker ist und sich durchsetzen kann, sagt Folgmann. Daran arbeite sie auch mit ihrer Sport-Psychologin.

Auf den Boden legen die Sportler Leitern aus Stoff und Plastik aus, Ringe aus Holz, stellen kleine Hürden auf. Eins bleibt immer gleich: Vor dem Kampftraining kommt das Aufwärmen. Aus einer Box schallen Hits aus den 1980er Jahren, die Atmosphäre ist entspannt. In kurzen Intervallen zeigt Pistel Schrittfolgen und Übungen, die Gelenke, Bänder und Muskeln für Kicks, Tritte und Drehungen vorbereiten. Trainiert wird nahezu barfuß: Fußschützer verhindern Prellungen am eigenen Körper, aber auch beim Trainingspartner.

Bis zu 30 Stunden trainiert Folgmann wöchentlich. In den vergangenen Wochen stand vor allem Arbeit an der Deckung auf dem Programm. „In letzter Zeit kamen wir nicht so oft zum Konditionstraining”, sagt Björn Pistel. Fast jedes Wochenende galt es in den vergangenen Monaten, ein Turnier zu absolvieren, und es galt Kräfte aufzubauen und zu schonen mit Blick auf die WM. Dabei das Maß an Druck und Anspruch zu finden, sei eine Aufgabe für sich: „Mittlerweile ist sie keine Newcomerin mehr”, sagt Pistel. „Und damit kommt der Druck und die Erwartung, Leistung abzuliefern und der Konkurrenz standzuhalten.”

Nach den letzten Schritten und Sprüngen verschwindet der kleine Parcour am Rand des Raums und in der Umkleide. Es geht ans Üben von Kicks, paarweise, im Wechsel. Der eine tritt, der Trainingspartner weicht aus. Pistel ruft Anfangs kurz den Namen der Technik in den Raum, dann übertönt das Aufprallen von Treffern auf den Brustschutz die Musik. Routiniert arbeitet Folgmann sich durch die Übungen. „Sollen wir vielleicht filmen?”, fragt sie Pistel zwischendurch. Der Trainer winkt ab, diesmal läuft die Kamera beim Training nicht mit.

In den vergangenen Wochen haben aber Folgmann und Pistel immer wieder Material gesichtet, von Trainings und Wettkämpfen. Denn die Videoanalyse ist ein enorm wichtiges Instrument bei der Vorbereitung auf die WM. „Dadurch kann man genau sehen, woran wir noch arbeiten müssen”, sagt Pistel. Zwischen den Übungsläufen wirkt Folgmann locker. Scherzt mit der Trainingspartnerin, unterhält sich, doch sobald die nächste Übung angesagt ist, ist die Aufmerksamkeit nur bei ihrem Körper, der nächsten Drehung, dem nächsten Ausweichmanöver. Die Schritte greifen ineinander, alles wirkt wie eine blitzschnelle, fließende Bewegung. Folgmanns Gegnerin weicht aus, rückwärts, Schritt für Schritt, duckt sich immer wieder weg. „Geht nicht zu schnell und zu leicht zurück vom Gegner”, ruft Pistel. Stehenbleiben, es dem Übungspartner schwerer machen: Auch das übt Folgmann an diesem Abend. Drei der Stichworte bei den Übungen: „hadan”, „jungdan”, „sadan”: So wird die jeweilige Richtung der Angriff- oder Abwehrmanöver auf Höhe von Bein-, Brust- oder Kopf-Region bezeichnet.

Björn Pistel kommentiert nur kurz und beobachtet viel: Immer wieder wechselt der Trainer seine Position, beobachtet die Übungen, verbessert kurz und gibt neue Anweisungen. „Makgi”, so heißen im Koreanischen die Blocktechniken, an denen Folgmann an den vergangenen Wochen verstärkt arbeitet. Beim Sichten der Videos sei ihnen aufgefallen, dass sie ihre Deckung noch verbessern könnte, sagen Folgmann und Pistel. Feilen an Details, Analysen nach Niederlagen, die Form weiter verbessern, ohne sich zu überlasten: Es sind nicht nur die vergangenen Wochen oder Monate, sondern Jahre akribischer Arbeit, gesammelter Erfahrung und Willenskraft, die Folgmann bei der Weltmeisterschaft in Manchester präsentieren wird. „Im Kampf steht man eins zu eins dem Gegner gegenüber, man kann sich nicht hinter jemandem verstecken”, sagt Pistel. Anders als bei Teamsport sei man im entscheidenden Moment auf sich alleine gestellt. In dieser Situation alles, woran man gearbeitet hat, zu zeigen – darauf komme es an. Das nächste Mal bei der WM in Manchster.

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