Spargel und Erdbeeren am Niederrhein: Erntehelfer sind rar

Spargelbauern am Niederrhein unter Druck : Erntehelfer verzweifelt gesucht

Bislang kamen viele Saisonarbeiter aus Polen oder Rumänien an den Niederrhein. Weil Löhne und Lebensstandards in diesen Ländern steigen, haben Bauern in NRW zunehmend Schwierigkeiten, Erntehelfer zu finden.

Landwirte schimpfen gerne über die Europäische Union und ihre Verordnungen. Und auch in diesem Fall ist die EU indirekt der Grund für die Bredouille. In den östlichen Mitgliedsländern steigt der Wohlstand kontinuierlich. Für die Menschen dort wird es zunehmend unattraktiv, als Spargelstecher an den Niederrhein zu kommen. „Wer auskömmliche Arbeit im eigenen Land findet, der fährt nicht 2500 Kilometer, um in Deutschland zwei oder drei Monate lang für den Mindestlohn Spargel zu stechen“, sagt Dirk Janßen. Er betreibt mit seiner Familie den Spargelhof Janßen in Walbeck. Der Landwirt hatte in diesem Jahr Schwierigkeiten, genügend Arbeiter aus Polen zu finden, die bei ihm in der Erntesaison Spargel stechen wollen.

Wie Janßen geht es auch anderen Obst- und Gemüsebauern am Niederrhein. Jahr für Jahr kommen tausende Saisonarbeiter aus Ost- und Südosteuropa nach Deutschland, um im Frühjahr und Sommer bei der Ernte zu helfen. Wie viele genau es sind, darüber gibt es keine Zahlen. Doch manche Spargelhöfe beschäftigen in der Erntezeit bis zu 150 Saisonarbeiter, ergab eine Anfrage bei der Kreisbauernschaft Krefeld-Viersen. Wenn sie wegbleiben, ist die Ernte in Gefahr und somit der gesamte Betrieb. „Ich habe einen 17-jährigen Sohn, der sich anschickt, in meine Fußstapfen zu treten“, erzählt Stephan Kisters. „Aber ob das eine gute Idee ist, weiß ich nicht.“ Kisters betreibt wie sein Nachbar Janßen einen Spargelhof in Walbeck.

Einbußen drohen

Weniger Erntehelfer bedeuten zwar nicht unbedingt weniger Ertrag, aber durchaus Einbußen bei der Qualität. Spargelpflanzen sind empfindlich, jede Pflanze hat mehrere Triebe. Man kann auf einem Feld also mehrfach ernten. Der weiße Spargel wird geerntet, kurz bevor er die Erdoberfläche durchstößt.

Da der Spargel bei guter Witterung sehr schnell wächst - manchmal mehrere Zentimeter am Tag - muss man regelmäßig ernten. Janßen erklärt das so: „Wenn ich normalerweise auf einem Feld einen Stechrhythmus von 24 Stunden habe und dann erst nach 36 Stunden steche, dann sind die Spargelstangen zu lang, die Spitzen werden krumm und fangen auf Grund der Wärme vielleicht sogar schon an zu blühen.“

Vermittlungsagenturen suchen Erntehelfer

In diesem Jahr haben Kisters und Janßen gerade noch genügend Leute gefunden. „Wir haben noch Helfer aus Rumänien dazu genommen“, sagt Janßen. Vermittlungsagenturen gehen in Ländern wie Polen oder Rumänien auf die Suche nach Erntehelfern. Die meisten Landwirte arbeiten mittlerweile mit diesen Agenturen zusammen. Viele haben aber auch noch einen festen Stamm von Saisonarbeitern, die seit Jahren kommen.

So wie der Spargelhof Kisters. „In Zukunft können sich die Arbeiter ihren Betrieb nach Unterkunft, Bezahlung und sozialem Umfeld aussuchen“, sagt er. Denn die Spargelbauern konkurrieren nach Kisters Aussage nicht nur untereinander um die guten Erntehelfer, sondern auch mit der deutschen Industrie, die ehemalige Erntehelfer zunehmend abwirbt.

Wenn man zu Beginn der Spargelzeit genügend Erntehelfer findet, heißt das noch lange nicht, dass sie die gesamte Ernte über bleiben - das zeige die Erfahrung, sagt Spargelbauer Janßen. „Die Erntehelfer können in kurzer Zeit hier für ihr Ermessen sehr viel Geld verdienen. Wenn sie meinen, sie haben genug, dann gehen sie auch oft vor dem Saisonende.“

Flüchtlinge und Langzeitarbeitslose können nicht aushelfen

Sein Kollege Kisters berichtet von Projekten, in denen vor ein paar Jahren Langzeitarbeitslose von der Arbeitsagentur an Spargelbetriebe vermittelt wurden. „Das wurde staatlich subventioniert, überall gab es Spargelstechschulen. Das hat aber nicht funktioniert“, sagt Kisters. „Spargelstechen ist ein Knochenjob, das können nicht alle. Manch einer kann nicht acht Stunden auf dem Feld schuften bei Hitze.“

Voriges Jahr hat Kisters es auch mit Flüchtlingen versucht. Er hat sich an die Flüchtlingsbeauftragte der Stadt Geldern gewandt, die ihm ein Dutzend Erntehelfer zusammensuchte. Am Ende blieb einer übrig, ein Syrer, gelernter Bäcker. Die anderen tauchten irgendwann einfach nicht mehr auf.

Erntehelfer aus Weißrussland

Mark Bonus baut Salat, Kohl und Kürbisse in Niederkrüchten an. Auch er hat früher überwiegend Polen für die Ernte beschäftigt, heute kommen die Erntehelfer auch vom Balkan.

Mittlerweile werben manche Betriebe Studenten aus Weißrussland an, sagt Bonus. Weißrussland ist nicht in der EU, Studenten können in den Semesterferien mit einem Visum einreisen. Für Bonus ist das nicht die Lösung. Er sucht Leute nicht nur für zwei oder drei Monate, sondern für ein halbes Jahr.

Erntemaschinen sind noch nicht gut genug

Die Lösung könnte auch in Form von Preiserhöhungen oder Erntemaschinen kommen, sagt Paul-Christian Küskens, Vorsitzender der Kreisbauernschaft Krefeld-Viersen.

Doch wer mehr Geld für Personal ausgibt, kann die Mehrkosten nicht einfach an die Kunden weitergeben, sagt Spargelbauer Kisters. „In diesem Jahr wird es so sein, dass manch ein Erntehelfer mehr Geld mit nach Hause nimmt als der Landwirt.“

Auch zu Erntemaschinen hat er eine eigene Meinung. Unter den meisten Gemüsebauern herrscht nach wie vor die Auffassung, dass die Hand bei der Ernte nicht zu ersetzen ist. In einigen Jahren werde es vielleicht Erntemaschinen geben, die eine ähnlich gute Feinmotorik und Sensorik besitzen. „Die Frage ist, ob man das will“, sagt Kisters. „Der Spargel würde damit auch sein Geheimnis, seinen edlen Charakter verlieren.“ Sein Kollege Janßen pflichtet ihm bei. „Spargel würde damit noch mehr zum Massenprodukt.“

(heif)
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