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So waren die Rathausstürme im Grenzland

Braut : So feierten die Möhnen im Grenzland

Mit geballter Kraft marschierten die Möhnen in Bracht auf das ehemalige Bürgermeisteramt zu, nachdem sie sich vorher gleich nebenan im Brachter Bürgersaal gestärkt hatten. Der Brachter Bäcker Erich Lehnen verteilte Berliner Ballen: „Die bekommen heute nur die Möhnen.“ Die Obermöhnen Brigitte Hamacher und Mike Terporten, die wegen einer Knieoperation am Rollator ging, hatten jede Menge Frauen im Dohlendorf mobilisieren können, um die Macht zu ergreifen.

Es kamen 144 Möhnen mit dem Wasserratten-Kinderprinzenpaar Dustin I. und Lina I. als Verstärkung. „Mit so vielen Möhnen waren wir noch nie hier“, sagte Obermöhn Hamacher stolz. Der Mut zur Hässlichkeit kannte keine Grenzen: Die grau gestylten Damen wollten wohl Bürgermeister Frank Gellen bezirzen. Bevor sie ihn entmachteten, wies er auf die momentan laufenden Tarifverhandlungen der Beamten hin. „Neben Besoldungserhöhungen von mindestens 50 Prozent ist ein Hauptaspekt der Verhandlungen, das Recht der Verwaltungsangehörigen auf geordnete Büroruhe“, rief er in die Schar. „Sie befinden sich also in der Ruhephase ohne Bürgerkontakt am Bürgermeisteramt.“ Er appellierte noch an die Weiber, sich geordnet zurückzuziehen. Darauf ließen sie sich nicht ein und stürmten das Gebäude.

In einem kleinen Veedelszoch wurden etwa 40 Möhnen nach dem Frühstück in der Brüggener Klimp abgeholt. Dazu gehörten die kostümierten Brüggener Grundschulkinder, Karnevalisten aus der Brüggener Karnevalsgesellschaft mit Prinz Wladi I., die Brüggener Burggarde mit eigener Musik, die Oebeler Karnevalsgesellschaft und Brachter und Schaager Musik voran. Sie zogen mit ihnen zum Rathaussturm. Die Möhnen wollten voller Tatendrang ins Rathaus, die Macht bis Aschermittwoch übernehmen. Die 48-jährige Obermöhn Carina Goldenpfennig hämmerte aufgeregt und unaufhörlich gegen die Tür. Hinterher riefen ihre mitstreitenden Möhnen im Chor: „Aufmachen, aufmachen…“ Bürgermeister Frank Gellen rief entrüstet: „Was ist das für ein Lärm draußen?“ Er meinte auch noch: „Ganz ehrlich, wir sind müde und brauchen unsere Ruhe.“ Sollte das etwa ein Trick sein? Plötzlich öffnete sich weit die Türe des Rathauses, aber der Bürgermeister war nicht zu sehen. Die Möhnen stürmten ins Rathaus. Die Obermöhn fand ihn schnell und schon war seine Krawatte ab. Gellen sah braungebrannt und gut erholt aus. Für den Rathaussturm war er vorzeitig aus der Skiferienfreizeit mit der Gesamtschule Brüggen aus dem österreichischen Flattach am Mölltaler Gletscher zurückgekommen. 950 Kilometer mit dem Auto lagen hinter dem Bürgermeister.

Während Bürgermeister Kalle Wassong noch neckisch mit dem goldenen Rathausschlüssel aus einem Seitenfenster winkte, schunkelten sich die mehr als 70 Möhnen vor dem Rathaus in Elmpt noch warm. Doch so provoziert, griff Obermöhne Marion Weyrich gemeinsam mit dem Kinderprinzenpaar des Overhetfelder Karnevalvereins Mara I. und Jonas II. zum Rammbock. Mit einem lautstarken Countdown von zehn auf null putschten sich die Möhnen zum Endspurt auf. Sie drohten, mit dem Rammbock die Eingangstüre des Rathauses zu durchbrechen. In letzter Sekunde öffnete Bürgermeister Wassong die Türe und gab auf. Mit „lott jonn“, „maak möt“ und „Helau“ übernahmen die Möhnen die Macht in Niederkrüchten. Der überwältigte Kalle Wassong rief bis 16.11 Uhr eine Happy Hour aus und wurde dennoch seiner Krawatte beraubt. Gemeinsam feierten anschließend dicht gedrängt die Karnevalisten von Maak Möt, die Möhnen und die Verwaltungsmitglieder gemeinsam die Machtübernahme der alten Weiber.

Eine gute Viertelstunde früher als erwartet – nämlich schon um 15 Uhr –, marschierten die Möhnen unter lautem Tamtam auf dem Waldnieler Marktplatz vor dem Rathaus ein. „Die sind doch viel zu früh“, sagte auch Bürgermeister Michael Pesch, der schon die ersten Kamelle aus dem Fenster zu den wartenden Kindern warf. Der Schwalmtaler Bürgermeister hatte sich für den Tag in eine dunkelblau glänzende Weste geworfen, dazu prangte ein kleines Herz an der Brust. „Aufmachen, aufmachen“, skandierten auch in Waldniel die Möhnen. Doch der Bürgermeister ließ sie erst einmal zappeln. Erst gegen 15.14 Uhr dann hatte er doch Gnade und schloss die Eingangstür zum Rathaus auf. Es dauerte keine zehn Sekunden, da war seine dunkelblaue Krawatte kürzer. Um 15.20 Uhr hatten die Möhnen das Rathaus komplett gestürmt, grüßten die Besucher freudig aus den Fenstern zum Waldnieler Marktplatz hin.

Im Lobbericher Rathaus trafen die Möhnen auf wenig Gegenwehr. Mit ein paar Minuten Verspätung marschierte die Gruppe gegen 16.15 Uhr heran, winkte in die Menge und ließ sich bejubeln. Mit der Drehleiter wurden drei der dunkel verkleideten Damen stellvertretend für ihren Rest von Mitarbeitern der freiwilligen Feuerwehr in den ersten Stock gefahren. Dort, in der Cafeteria, kletterten sie durchs Fenster – und schon gehörte das Rathaus ihnen. Bürgermeister Christian Wagner ließ die Frauen gewähren. Um seine Krawatte brauchte er sich in diesem Jahr auch gar keine Sorgen zu machen – er trug Fliege. Zuvor schon hatte das Stadtprinzenpaar Hubert I. und Rita I. ihm den symbolischen goldenen Schlüssel abgenommen. Kamelle werfend fuhren auch sie mit der Drehleiter einmal über die Besuchermenge. Dem Prinzen stand dabei der Schweiß auf der Stirn: Er hat Höhenangst. „Aber heute ging es“, sagte er danach sichtlich erleichtert. Etliche der Möhnen genehmigten sich nach ihrem Sturm ein kühles Getränk an der Bar.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Rathaussturm in Nettetal-Lobberich