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Serie zur Geschichte des Kreises Viersen: Leben an der Grenze - Familiennamen und ihre Bedeutung

Kreis Viersen : Leben an der Grenze

Im Gebiet des heutigen Kreises Viersen lagen einst drei Territorien dicht beieinander: das Kurfürstentum Köln und die Herzogtümer Jülich und Geldern. Wo sie aufeinander stießen, wurden Landwehren errichtet.

In vielen Orten des Kreises Viersen findet man Straßen- oder Wegebezeichnungen wie „An der Landwehr“, „Landwehrstraße“ oder ähnlich. Beispielsweise in St. Hubert, in Viersen, in Grefrath und in Kaldenkirchen. Auch der Familienname „Landwehrs“ oder „Landwehrmann“ ist wiederholt anzutreffen. Das hat seinen historischen Grund. Hier lagen drei mittelalterliche Territorien dicht beieinander: das Kurfürstentum Köln und die Herzogtümer Jülich und Geldern. Wo sie aufeinander stießen, wurden Landwehren errichtet.

Neben der mit dem Fortschreiten der Waffentechnik freilich immer geringeren Schutzfunktion schufen die Landwehren in der freien Landschaft auch jene Klarheit über die territorialen Herrschaftsansprüche und -rechte, die in Zeiten nur ungenauer kartographischer Fixierung dringend nötig war. Der Ausbau der Landwehren war unterschiedlich. Zum Teil bestanden sie aus vier Wällen und fünf Gräben. Neben den Landwehren an den Grenzen der Herrschaftsgebiete gab es Binnenlandwehren und Gemeindelandwehren als Umfassungen der Gemarkung eines Dorfes.

Gudrun Loewe, die 1971 das Standardwerk über die archäologischen Funde und Denkmäler des damaligen Kreises Kempen-Krefeld veröffentlichte, hat sich intensiv mit den Landwehren befasst. Sie hat den Verlauf der einzelnen Landwehren genau nachgezeichnet, soweit ihre Spuren in der Natur noch erkennbar waren und archivalische Quellen dies zuließen.

Sie hat beispielsweise auch daran erinnert, dass die Landwehr bei Hückelsmay noch bis ins 18. Jahrhundert eine militärische Bedeutung hatte, so bei den beiden Gefechten an der Hückelsmay: „Am 17. Januar 1642 eröffneten die im Süden aufmarschierten verbündeten Weimarer, Franzosen und Hessen die Schlacht durch die Landwehr hindurch bei Stock, in einer Bresche und an der Hückelsmay gegen die nördlich stehenden Kaiserlichen, die ihre Artillerie zu nahe der Landwehr aufgebaut hatten. Am 23. Juni 1758 wurden in umgekehrter Richtung die Franzosen in ihrem Lager südlich der Landwehr von der Reiterei am rechten Flügel der Alliierten überrumpelt, die die Landwehr bei den drei westlich folgenden Schlagbäumen durchschritten und umgangen hatten, während das Zentrum durch die Hückelsmay vorstieß.“

Zurück zu Albert Steegers Forschungen: Trotz des schon strukturiert und erfolgreich gesammelten Namenmaterials sah er seine Arbeit erst als Anfang. Bescheiden konstatierte er, dass vieles der Forschung noch vorbehalten blieb. Heute, 80 Jahre später, ist das ungleich schwerer, weil die Spuren der einstigen Grenzbefestigungen in der Landschaft weitgehend verschwunden sind und auch die Erklärung der Namen vielen Menschen nicht mehr geläufig ist. Mit dem Verschwinden mancher bäuerlichen Familientradition verschwinden auch Hofnamen aus dem Bewusstsein.

Das Wort „Grenze“ selbst ist übrigens altslawischen Ursprungs (russisch und polnisch „granica“). Im alten niederrheinischen Namenmaterial taucht es nicht auf. Die Bezeichnung „Grenzwald“ im äußersten Westen des Kreises ist ein Reflex auf die historisch unsensible Grenzziehung des Wiener Kongresses 1815.

Literatur Albert Steeger: Studien zur niederrheinischen Landeskunde. Schriftenreihe des Kreises Viersen, 1981.