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Schwalmtals Bürgermeister: Amazon wird es hier nicht geben

Interview Andreas Gisbertz : „Amazon wird es hier nicht geben“

Bürgermeister Andreas Gisbertz spricht über die Herausforderungen 2022: Rösler-Areal, Kent-School, Kunstrasenplatz-Erneuerung und das neue Feuerwehrgerätehaus in Amern – und Wagemut.

Herr Gisbertz, 2022 wird ein spannendes Jahr für Schwalmtal: Einige Projekte werden entschieden. Dazu gehört das viel diskutierte Industrie- und Logistikzentrum auf dem früheren Rösler-Areal. Was ist dort möglich?

Andreas Gisbertz Die Pläne für einen Industrie- und Logistikpark haben die Menschen in Schwalmtal umgetrieben, auch mich – bis hin zum Vorschlag an den Rat, das bisherige Verfahren abzubrechen. Seitdem hat es zwei Arbeitskreis-Treffen, eine Online-Bürgerversammlung und zahlreiche weitere Gespräche gegeben. Wir müssen die Rahmenbedingungen berücksichtigen, zu denen Verträge, Regional- und Flächennutzungsplan gehören.

Die Bürgerinitiative wünscht sich auf dem Rösler-Areal Wohnungen und Häuser. Politiker und Verwaltung favorisieren eine weitere wirtschaftliche Nutzung. Warum?

Gisbertz Eine Wohnbebauung halte ich für nicht realisierbar. Für Schwalmtal ist die Fläche wichtig, weil sie eine der letzten zusammenhängenden Gewerbeflächen in dieser Größenordnung ist. Dort könnten mehr als zehn Gewerbeeinheiten Platz finden. Dabei geht es nicht, wie viele bisher befürchtet haben, um große Logistiker wie Amazon. Amazon wird es hier nicht geben. Unser Ziel muss es sein, alles verträglich zu gestalten. Man darf zudem nicht vergessen, dass die Einwohnerzahl in den vergangenen 30 Jahren deutlich gewachsen ist. Heute leben hier rund 19.500 Menschen. Rund 3000 Erwerbstätige pendeln aber aus. Unser Ziel muss es als Gemeinde auch sein, Arbeitsplätze für die Menschen, die in der Gemeinde leben, zu ermöglichen.

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Wie muss MLP seine Pläne ändern?

Gisbertz Zunächst einmal: Wir sind nicht nur mit MLP als möglichem Projektentwickler im Gespräch. Was die Pläne betrifft, so sind dies zum einen städtebauliche Aspekte an der Dülkener Straße in der Nähe zur vorhandenen Wohnbebauung und an der Heerstraße; dort könnten mehr Offenheit und Grün möglich sein. Zum anderen muss der Verkehr deutlich verringert werden. Dabei sollte man sich nicht wie bisher hauptsächlich auf die Nordtangente konzentrieren, sondern der Verkehr sollte verteilt werden, etwa auch über die Südumgehung, also über die L371 und L475. Ein weiterer Vorteil wäre: Der Investor übernimmt die Altlastensanierung. Zurzeit passt MLP seine Pläne an die genannten Ergebnisse aus den Arbeitskreissitzungen an. Aber: Das wird nicht in drei Wochen gehen.

Wie wird es mit den neuen Plänen weitergehen?

Gisbertz Wir wollen die Bürger mit einbeziehen. Auch in Form einer weiteren virtuellen Bürgerversammlung, oder, wenn es die Corona-Pandemie erlaubt, gern als Präsenzveranstaltung. Außerdem streben wir eine dritte Arbeitskreissitzung an. Letztendlich ist es eine politische Entscheidung, wie es weitergeht.

Der SC Waldniel braucht dringend einen neuen Kunstrasenplatz. Wie laufen die Planungen dafür?

Gisbertz Es hat ein weiteres Treffen mit dem SC Waldniel gegeben. Klar ist, dass die Sportler einen neuen Kunstrasenplatz brauchen. Zurzeit wird seitens des Vereins ein aktuelles Angebot eingeholt. Ein Arbeitskreistreffen mit Verwaltung, Politikern und Sportlern hat bereits stattgefunden. Jetzt werden Gespräche mit dem Landessportbund folgen, der bei den Finanzierungsmaßnahmen unterstützen kann. Danach können wir weiter in die Beratungen gehen. Klar ist, dass Investitionen anstehen. Noch ist nicht klar, ob und wo wir welche Fördermittel dafür nutzen können. Unser Ziel sollte Ende 2023 sein. Dass Handlungsbedarf besteht, sehen alle. Wir sollten dieses Vorhaben deshalb nicht auf die lange Bank schieben.

Warum können die Schwalmtalwerke AöR als Eigentümer nicht aktiv werden?

Gisbertz Dieses Konstrukt ist historisch gewachsen. Die Platzübertragung hat Ende der 1990er Jahre stattgefunden; auch wegen der benachbarten Kläranlage. Investitionen können die Schwalmtalwerke AöR dort aber nicht tätigen, weil der Produktbereich Sport nicht zu ihren Aufgaben gehört. Es ist eine Aufgabe der Gemeinde Schwalmtal.

Ist das für den Haushalt nicht eine zusätzliche ungeplante Belastung?

Gisbertz Ja, aber noch kennen wir keine Zahlen. Aber wir sind guter Dinge, dass dieses Vorhaben gelingt. Da gibt es unterschiedliche Möglichkeiten.

Dazu passt die Suche der Gemeindeverwaltung nach einem Fördermittelmanager oder einer -managerin. War diese Suche erfolgreich?

Gisbertz Ja, das war sie. Wir haben Ende des Jahres einen Vertrag unterschrieben. In Schwalmtal wird es bald eine Fördermittelmanagerin geben. Wegen der üblichen Kündigungsfrist von sechs Monaten müssen wir voraussichtlich bis zum 1. Juli warten, bis die Fördermittelmanagerin ihre neue Stelle bei uns antreten kann. Aus 20 Bewerbungen hatten wir zwei Kandidaten in die engere Wahl gezogen.

 Das Feuerwehrgerätehaus in Amern ist zu eng.
Das Feuerwehrgerätehaus in Amern ist zu eng. Foto: Ja/Knappe, Joerg (jkn)

Was versprechen Sie sich von dieser Tätigkeit?

Gisbertz Viel. Denn inzwischen gibt es sehr viele, komplett unterschiedliche Fördermitteltöpfe und Fördermittelgeber. Es ist ein sehr komplexes Gebiet, das die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der einzelnen Fachbereiche bisher noch mit erledigen. Doch dies ist personell nicht mehr zu leisten. Zwar haben wir, abgesehen von der Digitalisierung für die Schulen, schon unterschiedliche Fördermittel erhalten, etwa für die Sanierung der Wirtschaftswege, für die neue regelbare Straßenbeleuchtung, für Photovoltaikanlagen, für die Beleuchtung in Turnhallen oder für die Belüftung in der Achim-Besgen-Halle und der Großturnhalle an der Dülkener Straße. Doch in diesem Bereich können wir besser werden.

Was heißt das für Vorhaben, die neu geplant werden?

Gisbertz Die Fördermittelmanagerin begleitet diese und kann passende Fördermöglichkeiten dafür aufspüren. Zudem erhoffe ich mir, dass sie pro-aktiv arbeitet. Sie könnte etwa einen Fördertopf finden und vorschlagen, dass die Gemeinde in diesem Bereich aktiv wird und sich um eine Förderung bewirbt.

Für das frühere Areal der Kent-School gibt es interessante Pläne für ein Wellnes- und Tagungsresort. Warum stockt das Projekt?

Gisbertz In den vergangenen zwei Jahren ist das ehrgeizige Vorhaben wegen der Corona-Pandemie vor sich hin gedümpelt. Die Hotelbranche gehört ja zu denjenigen, die durch die Krise stark gelitten haben. Doch ich bin sicher, dass es dort bald weiter geht.

Das wäre für Schwalmtal als Tourismusziel ein Quantensprung.....

Gisbertz Ja, auf jeden Fall. Das wäre super. Und es würde die Gemeinde deutlich attraktiver machen.

Im Feuerwehrgerätehaus Amern ist es mittlerweile derart eng, dass für den neuen Anhänger alles umgeräumt werden musste, damit er  noch in der Halle Platz findet. Wie wird es dort weiter gehen?

Gisbertz Die Politik hat ein Gutachten beauftragt, dass Sanierung oder Neubau prüfen sollte. Das Ergebnis ist, dass ein Neubau notwendig ist. Doch wir stehen noch ganz am Anfang. Eine der ersten Aufgaben wird die Suche nach einer geeigneten Fläche sein.

Gibt es dafür schon Ideen?

Gisbertz Es gibt erste Überlegungen. Die Fläche muss bestimmte städtebauliche Voraussetzungen erfüllen. Es reicht nicht, dass sie groß ist. Wenn man auf die Einsatzzeiten und die Erreichbarkeit der neuen Feuerwache schaut, muss auch eine Anfahrt zügig möglich sein. Man muss also  betrachten, an wie vielen Ampeln die Feuerwehrleute bei einem Einsatz auf dem Weg zum Gerätehaus anhalten. Zudem müssen wir jetzt für die nächsten 30 bis 40 Jahre planen. Da der Trend zu immer größeren Feuerwehrfahrzeugen geht, brauchen wir ausreichend Höhe. Bei der Planung werden wir eng mit der Freiwilligen Feuerwehr zusammenarbeiten.

 So sehen die ersten Entwürfe für einen Hotel- und Wellnes-Komplex auf dem früheren Kent-School-Gelände aus.
So sehen die ersten Entwürfe für einen Hotel- und Wellnes-Komplex auf dem früheren Kent-School-Gelände aus. Foto: 2020emptyform/tjie

Und was könnte mit dem jetzigen Feuerwehrgerätehaus geschehen?

Gisbertz Für ein echtes Denkmal fehlt ihm wohl der Charme, dazu ist es zu funktional. Eine Möglichkeit könnten der Abriss sowie die Bebauung mit Wohnungen und Häusern sein. Doch diese Entscheidung muss die Politik treffen. 

In Schwalmtal sind einige Neubaugebiete in der Planung, etwa in Waldniel mit Burghof IV, in Amern an der Dorfstraße und in Dilkrath. Mit diesen insgesamt rund 100 Häusern wächst die Gemeinde kontinuierlich. Das funktioniert nur, wenn die Infrastruktur auch mitwächst. Ist das angedacht?

Gisbertz Im Burghof IV wird etwa ein neuer Spielplatz für das Wohngebiet angelegt. Auch im Kaiserpark wird der Spielplatz umgestaltet. Wir kümmern uns außerdem um ausreichend Betreuungsplätze in Kindertagesstätten, etwa in der DRK-Kita auf dem früheren Weuthen-Gelände, oder in Haus Gorissen, das voraussichtlich im Jahr 2023 fertig wird. In der Kita in Dilkrath werden wir ebenso eine weitere Gruppe einrichten wie in der Kita Anna Polmans in Amern. Doch nicht nur für Kita-Kinder, auch für Schülerinnen und Schüler werden wir zum Beispiel das OGS-Angebot weiter anpassen. So wird an der Gemeinschaftsgrundschule Waldniel etwa eine alte Hausmeisterwohnung umgewandelt werden, um sie künftig für die OGS zu nutzen. Der Handlungsbedarf auch in diesem Bereich ist auf jeden Fall gegeben. Im Bereich Straßen gibt es noch einiges zu tun. Schön wäre es, die Zahl der Auspendler zu senken und den Menschen Arbeit am Wohnort anbieten zu können.

Was wünschen Sie sich für Schwalmtal 2022?

Gisbertz Optimismus, Zuversicht und Wagemut. Denn die Veränderungen, die auf uns zukommen werden, bieten vor allem eines – neue Chancen.

Und was wünschen Sie sich persönlich?

Gisbertz Gesundheit. Und trotz Corona wieder etwas mehr Rückkehr zur Normalität. Mich würde es freuen, bald auch wieder mehr Menschen persönlich begegnen zu können.