Schwalmtal: Geschwister halten seit 90 Jahren zusammen

Schwalmtal : Geschwister halten seit 90 Jahren zusammen

Josef Jacobs und seine Schwestern Magdalene und Maria haben viel erlebt — den Zweiten Weltkrieg, Schicksalsschläge in der Familie. Heute freuen sie sich über eine große Enkelschar

Wenn Schwalmtals Alt-Bürgermeister Josef Jacobs (93) und seine Schwestern Magdalene (92) und Maria (87) ins Erzählen kommen, dann kommen sie vom Höcksken aufs Stöcksken. Seit Jahrzehnten teilen die Geschwister Freud und Leid miteinander. Nur der Zweite Weltkrieg brachte sie eine Zeitlang auseinander, als Josef Jacobs als Soldat eingezogen wurde. Doch seither waren die Geschwister, die auf einem Bauernhof in der Schwalmtaler Sektion End aufwuchsen, nie länger voneinander getrennt.

Dass sie mit über 90 Jahren noch miteinander am Kaffeetisch sitzen würden, hätten sie in jungen Jahren selbst nicht gedacht. Josef Jacobs wurde 1924 geboren. 1926 kam Magdalene zur Welt, 1930 Maria. Die Geschwister hatten drei Brüder: zwei Halbbrüder, die 1915 und 1916 geboren wurden und im Krieg fielen, und einen Bruder, der 1928 zur Welt kam und schon 1934 starb. Der Zweite Weltkrieg prägte Kindheit und Jugend. Nachdem die Verfügung, dass der letzte Sohn nicht zur Front musste, aufgehoben wurde, wurde Josef Jacobs nach seinen Halbbrüdern ebenfalls eingezogen. Statt auf dem elterlichen Hof zu arbeiten, wurde er nach Russland geschickt, wo er schwere Erfrierungen an den Füßen erlitt. Monatelang lag er im Lazarett. „Ich war bei einer berittenen Einheit gewesen, doch reiten konnte ich danach nicht mehr“, erzählt Josef Jacobs.

Während die Brüder im Krieg waren, mussten die Mädchen daheim auf dem Hof die Arbeit erledigen. Wenn Fliegeralarm war, „saßen wir im Keller und haben gebetet“, erinnert sich Jacobs‘ Schwester Magdalene. „Mama hatte immer Angst.“ Ihre Schwester Maria erinnert sich an die ersten Brandbomben, die zwischen End und Dilkrath niedergingen, und daran, dass die Einwohner des Ortes herbeiliefen, um die Krater zu sehen: „Ganz End stand um diese kleinen Bombenlöcher herum.“ Die Mädchen versorgten Kühe, Schweine, Hühner und Pferde und taten die Arbeit auf dem Feld. „Ich wäre gern Kinderkrankenschwester geworden“, berichtet Magdalene. „Aber meine Brüder waren im Krieg, ich musste zu Hause bleiben.“ Das galt auch für ihre Schwester Maria: „Der Vater sagte: Du bleibst hier, bis die Jungen zu Hause sind.“ Gern hätte sie wie ihre Schwester Magdalene zuvor ein halbes Jahr auf einem anderen Hof verbracht, „aber dann fiel Mutter in der Küche um und war tot“. Nach dem Krieg kehrte Josef Jacobs zurück nach End und verliebte sich in Maria Steffens aus Breyell. 1951 heirateten die beiden. Maria Jacobs, heute verheiratete Bohnen, trat 1954 vor den Traualtar. Magdalene Jacobs gab Josef Gorissen 1956 das Ja-Wort. Gemeinsam freuen sie sich heute über eine riesige Schar von Kindern, Enkeln und Urenkeln: Josef Jacobs‘ Familie wuchs um acht Kinder, 24 Enkel und neun Urenkel, seine Schwester Maria bekam acht Kinder, neun Enkel und drei Urenkel, seine Schwester Magdalene fünf Kinder, 16 Enkel und 13 Urenkel. Der Nachwuchs ist es auch, der die Geschwister heute besonders glücklich macht. Sie habe in den vergangenen Jahrzehnten oft geweint, berichtet Magdalene Gorissen, „aber heute ist es sehr schön, wenn die Enkel und Urenkel kommen“. Ihre Schwester Maria bestätigt das: „Wir sind eine große Familie und haben immer gut zusammengehalten. Wir haben schwere Schicksalsschläge erlitten – das prägt die ganze Familie, aber es hilft auch, dass ich das ertrage, wie Mutter es ertragen hat.“ Gleichzeitig gab es auch viele schöne Erlebnisse. So erinnern sich die Geschwister gern an die Erstkommunionfeiern der Kinder, Enkel, Urenkel, an Hochzeiten, Goldhochzeiten, Diamanthochzeiten.

Josef Jacobs erinnert sich an viele Aufgaben, die er in der Kommunalpolitik, als Schöffe und in den Bereichen Jagd und Landwirtschaft übernahm: „Für die Familie war das manchmal wohl zu viel“, sagt er heute, „aber ja, für mich war das schön“. Maria Bohnen engagierte sich bei den Landfrauen und in der Frauengemeinschaft. „Das habe ich mir immer genommen, das waren Lichtblicke für mich“, sagt sie und schmunzelt: „Wir haben nicht immer nur gearbeitet, wir haben auch gelebt.“ Und was würden sie den Enkeln und Urenkeln raten, wenn die sie nach ihrem Rezept für ein langes Leben fragen würden? „Wir haben viel gearbeitet“, sagt Maria Bohnen, „aber wir haben zu Hause auch gelernt, zufrieden zu sein“.

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