Schüler erinnern in Hostert an Nazi-Opfer

Gedenken in Schwalmtal : Schüler erinnern an Nazi-Opfer

Rund 300 Menschen, darunter viele Schüler aus Schwalmtal, Viersen und Mönchengladbach, haben in der Kirche St. Mariae Himmelfahrt und an der Gedenkstätte Hostert der dort Ermordeten gedacht.

Den Bogen von der Vergangenheit des Dritten Reiches bis zur Gegenwart zu schlagen, das ist bei der Gedenkveranstaltung in Hostert auf beeindruckende Weise gelungen. Oft hört man zu den Verbrechen der Nationalsozialisten: „Das ist doch schon so lange her“. Doch Lehrer und Jugendliche der Europaschule machten in der Kirche Mariae Himmelfahrt deutlich, welche Parallelen zwischen den Nationalsozialisten und dem heutigen Rechtsextremismus bestehen.

Diakon Karl Aymanns, der die Kirchengemeinde St. Matthias vertrat,  hielt die erste Ansprache vor vollbesetzten Kirchenbänken mit rund 300 Zuhörern aus Schulen und Politik. Sichtlich bewegt schilderte er, warum der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus für ihn „kein guter Morgen“ sein könne. „Das Grauen hat auch in Hostert um sich gegriffen und Opfer gefordert“, erinnerte Aymanns. Nichts davon könne wieder gutgemacht werden. Der 77-Jährige mahnte die Jugendlichen, die in seinen Augen die Zukunft gestalten: „Seid wachsam“.

Im Altarraum stapelten sich Kartons: Worte wie „Angst“, „Isolation“, „Politische Hetze“ und „Ausgrenzung“ standen darauf. In verschiedenen Beispielen zeigten Jugendliche sowie die Lehrerinnen Astrid Symanski-Pape und Christina Fellner auf, dass sich die Nationalsozialisten als „Herrenrasse“ genau dieser Mittel bedienten, um ihre Ideologie durchzusetzen.

Sie zeigten aber auch, wo diese Mittel heute zu finden sind. Etwa bei Rechtsextremen, die bewusst Geschichte leugnen, ein Klima der Angst schüren, Menschen verachten oder ausgrenzen. Statt Ausgrenzung sollte es „normal sein, Menschen teilhaben zu lassen. Das Gespräch mit denen zu suchen, die anders sind“, sagte Symanski-Pape. Man solle sich öffnen und offen bleiben statt andere auszugrenzen. So könne Ausgrenzung in „Teilhabe ermöglichen“ verwandelt werden. Sichtbar wurde dies, indem die beschrifteten Kartons nach jedem Beitrag und jedem Appell umgedreht wurden: „Isolation“ verwandelte sich so in „Gemeinschaft“, „politische Hetze“ in „eigene Meinung bilden“ oder „Angst“ in „Vertrauen“.

Jugendliche der Europaschule gestalten in jedem Jahr eine Gedenkfeier für die NS-Opfer aus Hostert. In diesem Jahr waren laut Lehrerin Astrid Symanski-Pape 15 Jugendliche aus den zehnten Klassen dabei. Das Thema Nationalsozialismus werde etwa im Geschichtsunterricht aufgegriffen. Dabei sei der Bezug zur Gegenwart und zum Alltag der Schüler wichtig.

Während der NS-Zeit wurden mehr als 30 sogenannte Kinderfachabteilungen eingerichtet, die Mitarbeiter vernichteten systematisch „lebensunwertes Kinderleben“. Nach den Gesetzen der Eugenik sollten negativ bewertete Erbanlagen ausgemerzt werden. In der Zweiganstalt Waldniel starben in der Zeit von 1939 bis 1945 insgesamt 554 geistig Behinderte und geistig Kranke, darunter waren 99 Mädchen und Jungen in der Kinderfachabteilung. 75 dieser Kinder und 363 Erwachsene sind im Gräberverzeichnis des Anstaltsfriedhofs genannt. Viele fanden etwa durch die Verabreichung von Luminal-Tabletten den Tod.

Der Schwalmtaler Peter Zöhren hat sich intensiv mit der Geschichte von Hostert auseinandergesetzt. Auf einer eigenen Website hat er dazu zahlreiche Informationen zusammengetragen und aktualisiert diese laufend.

Nach dem Gedenken in der Kirche zogen die Teilnehmer über die kurzzeitig abgesperrte Landstraße zur Gedenkstätte in Hostert. Diese war im Mai 2018 neu angelegt worden. Dort sind unter anderem auf einer schräg verlaufenden Betonmauer Plaketten mit Namen der Opfer von Hostert zu lesen.

Im Altarraum stapeln sich zunächst Kartons mit negativen Begriffen. Foto: Daniela Buschkamp
Nach den Appellen werden diese in positive Begriffe verwandelt. Foto: Daniela Buschkamp
Plaketten an der Wand erinnern an die Kranken und geistig Behinderten, die während der NS-Zeit in Hostert den Tod fanden. Foto: Daniela Buschkamp

 An einige der Ermordeten erinnerten jetzt auch die Schüler: Sie lasen deren Namen, Alter und Todesdatum vor. Eine der eindringlichen Fürbitten, die Christen, Moslems und Menschen jüdischen Glaubens einschloss, lautete: „Gib uns die Kraft, die Zeit und die Gelegenheit, uns zu erinnern.“