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S28.-Zwist zwischen Gladbach und dem Kreis Viersen - "Unsere Beziehungsebene ist gestört"

ÖPNV im Kreis Viersen : S28-Zwist - „Beziehungsebene ist gestört“

Viersens Landrat und Mönchengladbachs Oberbürgermeister sprechen auf Einladung unserer Redaktion über eine Verlängerung der Regiobahn S28 bis nach Viersen — und darüber, was sie verhindert.

Herr Reiners, wann haben Sie das letzte Mal auf der Autobahn im Stau gestanden?

Reiners Ich fahre selten um die Zeit, wenn der übliche Berufsverkehr ist, von daher hält sich das in Grenzen. Aber ich bekomme natürlich über die Nachrichten die Stau-Meldungen mit und ich höre von den Bürgern die Klagen, dass es so schwierig ist, in einer akzeptablen Zeit nach Düsseldorf zu kommen. Da gibt es sicherlich ein Problem aus dieser Region nach Düsseldorf rein.

„Es gibt auf Mönchengladbacher Seite die Sorge, dass die Westverlängerung eine einseitig für den Kreis Viersen zum Vorteil werdende Angelegenheit ist“, sagt OB Hans Wilhelm Reiners (CDU). Foto: Ja/Knappe, Joerg (jkn)

Ihnen gegenüber sitzt der Mann, der dieses Problem gerne lösen würde: Viersens Landrat Andreas Coenen setzt sich seit seinem Amtsantritt – wie auch seine Vorgänger – für eine Verlängerung der S28 von Düsseldorf über die derzeitige Endhaltestelle Kaarst hinaus bis Viersen ein. Die Trasse würde auch über Mönchengladbacher Gebiet führen. Hand aufs Herz: Warum tut sich die Stadt Mönchengladbach so schwer mit dem Projekt?

Reiners Es gibt ein Stück weit die Sorge, dass sich dann viele Menschen an Mönchengladbach vorbei bewegen. Wobei ich persönlich nicht glaube, dass es so dramatisch sein wird. Viele Menschen, die im Kreis Viersen wohnen und in Düsseldorf arbeiten, fahren heute mit der Bahn über Mönchengladbach. Die steigen da in der Regel nicht aus und gehen eine Stunde einkaufen in der Mönchengladbacher Innenstadt...

Coenen ...Vor allem nicht morgens früh um 7 Uhr!

Reiners Ich teile die Sorge, dass Kaufkraft verloren geht, nicht. Aber solche Überlegungen spielen bei einigen Akteuren schon eine Rolle. Und dann gibt’s die Verbindung zu anderen Themen, wo auch Befindlichkeiten aus der Vergangenheit da sind.

Zum Beispiel?

Reiners Ich nenne mal das Stichwort Flughafen, das sicherlich in dieser Gemengelage eine Rolle spielt. Die in der Vergangenheit zumindest teilweise ablehnende Sicht aus dem Kreis Viersen auf eine Entwicklung dieses Flughafens wird in Mönchengladbach nicht unbedingt positiv gesehen.

Herr Coenen, wie kriegen wir die Kuh denn jetzt vom Eis?

Coenen Durch gute Argumente. Die haben wir, das wissen die Gladbacher. Und sicherlich auch dadurch, dass wir als gute Nachbarn über die Themen sprechen, die den jeweils anderen bewegen und dann daraus ein Paket schnüren. Ich will nochmal deutlich machen: In weiten Teilen führt die Trasse der S28-Verlängerung parallel entlang der A52. Und wenn das kein Angebot ist an die vielen Menschen, die da morgens im Stau stehen, umzusteigen – dann weiß ich es nicht. Entweder man kommt unmittelbar von Viersen, Neersen oder Schiefbahn, oder man fährt einen der Bahnhöfe an und steigt um. Der Bahnhof Schiefbahn liegt in unmittelbarer Nähe zum Autobahnanschluss, da wird man ausreichend Parkmöglichkeiten schaffen, damit Pendler die Möglichkeit haben, umzusteigen. Das sind Angebote, die müssen wir machen. Wir sind gemeinsam als Kreis Viersen mit Mönchengladbach, Krefeld und Willich dabei, einen Radschnellweg zu planen und zu bauen - und der schneidet diese Westverlängerung. Der Bahnhof Schiefbahn wäre also nicht nur gut mit dem Auto zu erreichen, sondern auch mit dem Fahrrad. Ich möchte, dass wir nicht nur über neue, klimaschonende Mobilität reden, sondern dass wir endlich handeln.

Reiners Da bin ich nah dabei. Es ist doch deutlich ein Trend zu erkennen, dass man so weit wie möglich vom Pkw-Verkehr runter will. Und das halte ich auch für vernünftig. Es geht um Klimaschutz, es geht um Nachhaltigkeit. Von daher ist jeder Pendler, den man vom Auto auf die Bahn bringt, für die Gesamtgesellschaft vorteilhaft. Für uns ist sicherlich der Bahnhof Neersen der interessantere, weil er das nordöstliche Stadtgebiet von Mönchengladbach anbinden kann. Und weil er nah an unserem Flughafen liegt.

Allerdings liegt das Terminal nicht auf der Bahnhofsseite…

Reiners Da kann man intelligente Lösungen finden, Verbindungen herzustellen. Wir reden ja immerhin über derzeit mehr als 600 Arbeitsplätze allein an diesem Flughafen - und ich vermute mal, dass die nicht alle in einem Umkreis von einem Kilometer um den Flughafen herum wohnen.

Coenen Wir würden mit diesen drei Bahnhöfen auf der nach Westen verlängerten Strecke rund 129.000 Einwohner und gut 43.000 Beschäftigte erreichen. Das sind doch Größenordnungen, an denen kann man nicht vorbei. Die angesprochene Entwicklung des Flughafens nimmt der Kreis und vor allem die Stadt Willich, ich sage mal vorsichtig: „sensibel“ auf. Ich verstehe aber auch die Stadt Mönchengladbach, dass sie da Entwicklungen in Gang bringen und Arbeitsplätze schaffen will. Ich glaube, genau da haben wir dann doch die beiden Enden einer Verbindung in der Hand, die wir nur noch zusammenstecken müssen. Wir müssen uns bewegen. Wir reden schon viel zu lange darüber. Wir können es nicht alleine realisieren, Stichwort „Regionaler Konsens“. Die Stadt Mönchengladbach ist Eigentümerin von Flächen. Allein: Ich sehe das Problem nicht. Wir haben auf der einen Seite die vielen Vorteile, und wir haben auf der anderen Seite die vorgeschobenen Argumente, da würde an der Stadt Mönchengladbach etwas vorbeigehen. Das ist nicht der Fall. Es geht hier um das Umlenken von Pendlerströmen und nicht darum, dass wir in den drei Bahnhöfen von Viersen, Neersen und Schiefbahn große Shopping-Center einrichten und die Mönchengladbacher Kunden aus der Innenstadt abziehen wollen. Es geht um die Fahrt zur Arbeit, zur Uni. Das ist einfach eine Frage der Attraktivität nicht nur des Kreises Viersen, sondern der gesamten Region, also auch des Gladbacher Nordens. Auch für den Flughafen ist diese Verbindung ein Vorteil. Was dagegen steht: vermeintliche Interessen Weniger, die sich gestört fühlen, wenn ein elektrifizierter Zug in Sichtweite der eigenen Grundstücke fährt. Das kann kein Argument sein, dafür sind wir hier zu dicht besiedelt.

Reiners Es geht in der Tat um einige Anwohner im Bereich der Donk. Deren Sorgen muss man auch ernst nehmen. Es geht darum, dass man beispielsweise beim Thema Lärmschutz die entsprechenden Voraussetzungen schafft. Ich glaube aber, man muss den Bogen doch ein Stück weiter spannen. Ob Menschen jetzt in Düsseldorf ausgehen oder in Mönchengladbach, ob sie sich im Kreis Viersen ansiedeln – das hängt auch immer von der Attraktivität des Angebotes ab. Der Wettbewerb ist völlig in Ordnung, da habe ich gar kein Problem mit.

Warum stockt das Projekt dann während Ihrer Zeit als OB?

Reiners Es gibt auf Mönchengladbacher Seite die Sorge, dass die Westverlängerung der S28 eine einseitig für den Kreis Viersen zum Vorteil werdende Angelegenheit ist. Ich teile diese Sorge in dem Umfang nicht. Nichtsdestoweniger bleibt das Problem, dass bisher keine Ratsmehrheit in Mönchengladbach zu finden war, die das ja auch stützen muss.

In Gladbach arbeitet eine Mehrheit von CDU und SPD zusammen, beide lehnen die Westverlängerung ab. Lediglich die Gladbacher Grünen sprechen sich klar für die S28 bis Viersen aus...

Reiners Genau. Von daher glaube ich auch – ohne das auf die lange Bank schieben zu wollen –, dass man das nicht mehr in dieser Wahlperiode lösen wird. Aber es ist wichtig, dass man wirklich mit Beginn der neuen Wahlperiode und den Konstellationen, die es dann gibt, sehr sehr schnell ins Gespräch kommt. Am Ende reden wir über Paketlösungen und nicht ausschließlich über die S28. Ich habe das Stichwort Flughafen genannt. Wenn Mönchengladbach ein Interesse daran hat, die S8 über den Mönchengladbacher Hauptbahnhof hinaus zu verlängern, dann sind das auch Themen, wo man regionale Unterstützung braucht.

Es gibt ja eine Stellungnahme Ihres Verkehrsdezernenten, welche Maßnahmen Mönchengladbach über die S8 hinaus plant und wo die Stadt sich die Unterstützung des Kreises Viersen wünscht. Der hat sich sehr beeilt, zu erklären: Das unterstützen wir. Das ist doch schon eine Paketlösung. Oder fordert Mönchengladbach noch mehr?

Reiners Die wesentlichen Dinge stehen drin. Was wichtig wäre: Wenn der Kreis Viersen und die Stadt Mönchengladbach nun zu einer offiziellen Vereinbarung kommen würden...

...die Sie dann unterzeichnen würden?

Reiners Das müsste dann eher der neue OB tun. Wir sollten das jetzt mal wirklich zu Papier bringen, dass wir bestimmte Ziele verfolgen und uns gegenseitig unterstützen wollen, diese Ziele auch zu erreichen. Dann ist man einen Schritt weiter.

Coenen Wir könnten das auch jetzt noch schaffen, in dieser Wahlperiode! Mönchengladbach hat ja noch eine Ratssitzung im September, vor der Kommunalwahl...

Reiners Da sage ich ganz offen: Ich bin sehr skeptisch, ob das von den derzeitigen Mehrheiten her zu erreichen sein wird. Wir müssen aber bald zu dem Punkt kommen, wo wir in dem Verfahren einen konkreten Schritt tun.

Coenen Wozu wir bereit sind. Wir haben Vorschläge unterbreitet – bis hin zu einer gemeinsamen Vorlage, die im Grundsatz für den Gladbacher Rat, den Kreistag und die städtischen Gremien in Viersen und Willich einen Grundkonsens festschreiben würde. Darauf aufbauend würden wir dann die weiteren Schritte angehen, was Planungskosten und Finanzierung anbelangt.  Das ist alles vorbereitet. Da muss nur noch die Briefmarke draufgeklebt werden. Ich kann an die Gladbacher Ratsmehrheit nur appellieren, bei der Diskussion um die Sache nicht die Beziehungsebene zu vergessen. Wir sind Nachbarn, die Siedlungsbereiche gehen ineinander über. Wir müssen mehr in dieser Beziehung denken. Genau wie mit dem Flughafen ein konkreter Wunsch auf der Gladbacher Agenda steht, für den der Kreis Viersen gebraucht wird, so steht bei uns die S28 auf der Agenda. Ich rufe dem jetzigen Gladbacher Rat unzufrieden zu: Denkt in dieser Beziehungsebene! Dann schnüren wir Pakete, sind beim Finden von Kompromissen. Da fehlt mir bei der gegenwärtigen Ratsmehrheit in Mönchengladbach die Bereitschaft. Wenn ich die Niederschriften vom Fachausschuss lese – das ist fachlich nicht zufriedenstellend, das ist aber auch politisch nicht zufriedenstellend. Ich bin immer gesprächsbereit, aber ich wünsche mir eine Veränderung der Haltung im Rat der Stadt Mönchengladbach zu den Themen, die uns bewegen, sonst kommen wir bei dem Thema nicht weiter, aber auch bei anderen Themen  und das wäre schade.

Das ist jetzt der Moment, wo der Appell nahtlos in eine Drohung übergeht?!

Coenen Das ist keine Drohung! Das ist das Aufzeigen eines Weges, wie wir diesen Knoten durchschlagen. Wir können es uns alle politisch nicht leisten, immer nur über ein so naheliegendes Projekt der Verkehrswende zu sprechen, aber den Weg dazu nicht freizumachen.

Reiners Ich habe das nie verstanden, warum zwischen der Stadt Mönchengladbach und dem Kreis Viersen so wenig Gemeinsames passiert. Es gibt dieses Phänomen, dass viele in Gladbach glauben, der ganze Kreis Viersen sei nach Krefeld orientiert, das mag mit dem Thema Sparkasse zu tun haben. Das ist aber nicht so. Wenn man sich als Oberzentrum versteht, ist es gut, sich den kompletten Radius anzugucken und nicht nur Teilbereiche. Ich drücke es mal so aus: Da ist für Mönchengladbach eine Menge Potenzial im Kreis Viersen. Ich nenne Stichworte wie das Theater. Da bin ich sicher, dass viele Viersener auch nach Mönchengladbach ins Theater fahren. Natürlich ist das auch Potenzial für unsere Einkaufszentren. Da lassen sich viele Beispiele finden. Da wäre man gut beraten, an dieser Beziehung zu arbeiten, weil da außer der S28 noch viele andere Themen eine Rolle spielen, zum Beispiel die Entwicklung interkommunaler Gewerbegebiete.

Coenen Die Beziehungsebene ist im Moment gestört. Wenn wir diese Störung auflösen, sehe ich auch viel mehr Raum für weitere Überlegungen. Der ist im Moment nicht da. Mir wird das Projekt von der Mönchengladbacher Verwaltung zu wenig unterstützt, die beiden Mehrheitsfraktionen torpedieren die Westverlängerung. Davon müssen wir weg.