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RWi-Studie zur Landflucht: Junge Leute verlassen den Kreis Viersen

Neue bundesweite Studie : Junge Leute verlassen den Kreis Viersen

Eine neue wissenschaftliche Studie kommt zu dem Ereignis, dass junge Menschen immer mehr in die Städte ziehen. Der Kreis kann die Zahlen nicht bestätigen. Auch junge Leute im Kreis Viersen erleben das nicht so extrem.

Die Jungen ziehen in die Städte, Alte aufs Land. Auf diese einfache Formel könnte man die aktuelle Analyse des RWI Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung und der Ruhr Universität Bochum bringen. Vor allem junge Leute zwischen 18 und 29 Jahren verlagern ihren Wohnort überwiegend in die Städte. Ältere wechseln dagegen deutlich seltener die Region. „Das Land überaltert, die Städte bleiben jung“, schreibt der „Spiegel“ entsprechend über die Studie. Das Überraschende daran ist, dass die Forscher die Entwicklung nicht nur für Berlin und die neuen Bundesländer festmacht, sondern bundesweit untersucht hat. Untersucht wurde die Binnenmigration verschiedener Altersgruppen im Zeitraum 2008 bis 2014 in jedem der mehr als 400 deutschen Landkreise.  Die Tendenz der Studie ist eindeutig. In den untersuchten sieben Jahren zogen 250.000 Deutsche jeden Alters mehr in die Städte als von dort aufs Land kamen. Bei den 18- bis 29-Jährigen zogen sogar 460.000 Deutsche mehr in die Städte als von dort fort. Erst in der Altersgruppe ab 30 Jahren zieht man häufiger von der Stadt aufs Land als umgekehrt.

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Für den Kreis Viersen kommt die Studie auf einen Saldo der Wegzüge von 18- bis 29-Jährigen in den  Jahren 2008 bis 2014 von minus 18,3 Prozent. Von 37.605 Frauen und Männern im Alter von 18 bis 29 seien in diesem Zeitraum 6953 abgewandert. Die nebenstehende Karte zeigt, dass der Kreis Viersen nach der RWI-Studie den größten Exodus der Jungen in der Region aufzuweisen hat, gefolgt vom Kreis Kleve und dem Rheinisch-Bergischen Kreis. Dagegen weisen die Großstädte Köln und Düsseldorf satte Zuzüge von mehr als 30 Prozent auf. Sogar in die Ruhrstädte Essen, Bochum und Dortmund, allesamt Städte mit Universitäten, kommen junge Menschen. Für Krefeld gilt das nicht. Dort ging es einen geringen Negativsaldo.

Diese Altersgruppe ist sowieso allgemein mobil: Sie bringt es auf 43 Prozent der einheimischen Binnenmigranten, macht aber nur 14 Prozent der Gesamtbevölkerung aus: Insgesamt verschärft die Binnenmigration die bereits bestehenden demographischen Probleme in ländlichen Räumen. Interessant an der Studie sind weiterhin die Zusammenhänge mit dem Arbeits- und Wohnungsmarkt. Während die Wohnkosten eher eine untergeordnete Rolle spielen – Regionen mit hohen Mietpreisen verzeichnen eine etwas geringere Zuwanderung aller Altersgruppen – wird ein höheres Lohnniveau in einer Region mit einer geringeren Abwanderung und einer höheren Zuwanderung belohnt. „Insgesamt verschärft die Binnenmigration die demografischen Unterschiede zwischen Stadt und Land“, sagt RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer, einer der Autoren dieser Studie.

Beim Kreis kann man die Ergebnisse nicht nachvollziehen. Obwohl die Zahlen formal korrekt schienen, hält der Kreis diese Kalkulation „für sehr irreführend“. Diese Zahlen könnten, so Pressesprecher Markus Wöhrl, den Eindruck erwecken, dass im Kreis Viersen der tatsächliche Anteil der 18- bis 29-Jährigen um 18,5 Prozent gesunken wäre und der Kreis mit einem starken Verlust der jungen Erwachsenen zu kämpfen hätte. Der Kreis verweist auf die tatsächliche Bevölkerungsentwicklung, die in dieser Altersklasse zwischen 2008 und 2014 ein Minus von 1,4 Prozent (522 Personen) betrage. Der Anteil dieser Altersklasse an der Gesamtbevölkerung sei sogar minimal um 0,14 Prozent gestiegen. Auch bei der Stadt Nettetal  sind, so Stadtpressesprecher Jan van der Velden, junge Menschen eher nach Viersen oder Brüggen gezogen als in eine Großstadt.

Auf Nachfrage bei RWI und der Uni Bochum bestätigen die Forscher ihr Ergebnis. Sie haben sich sogar die Zahlen des Kreises Viersen nochmals angeschaut. Den Widerspruch zwischen ihren Zahlen und denen des Kreises erklären sie damit, dass sie ausschließlich die deutsche Bevölkerung untersucht haben. Die ausländische Bevölkerung habe sich zwischen 2006 und 2016 um fast 44 Prozent vergrößert. Und bei diesem Bevölkerungsteil  sei der Anteil der 18- bis 30-Jährigen deutlich höher als in der deutschen Bevölkerung.

 Das Thema ist auch schon in der Politik angekommen. Bei den Jusos im Kreis wird gerade ein  kreisweites Förderprogramm für die Städte und Gemeinden diskutiert, die besonders von der Landflucht betroffen sind. Der Kreis Viersen brauche dringend eine langfristige Strategie für die nächsten zehn, 20 Jahre, inklusive Großprojekte, wie zum Beispiel die unverzichtbare und längst überfällige Verlängerung der S 28. Die Jusos arbeiten zurzeit an einem solchen Konzept und werden es im nächsten Jahr als Antrag in die SPD-Kreistagsfraktion einbringen. Lukas Maassen, Kreisvorsitzender der Juso, verweist auf den  letzten Sozialbericht, nach dem der Kreis bis 2030 insgesamt fast 17.000 Einwohner verlieren werde. Eine der größten Abwanderungsgruppen werden mit 11.000 die 16- bis unter 40-jährigen sein. Um dieser Abwanderung entgegenzusteuern brauche es  ein konkretes Konzept. „Damit meine ich keinen Tropfen auf den heißen Stein, wie den Taxi-Zuschuss für Jugendliche. Diese Kleinigkeiten können nur flankierende Instrumente sein. CDU-Landrat Coenen hat nach über drei Jahren im Amt keinen Plan vorgelegt, wie den Herausforderungen der kommenden Jahre begegnet werden soll.“

Für Frederic Frucht, Vorsitzender der Jungen Union in Nettetal, bilden die Zahlen der Studie nicht seine Lebenswirklichkeit ab. Richtig sei, dass viele junge Erwachsene nach dem Abitur zum Studium in die Großstädte ziehen. „Aber sie kommen auch wieder“, bestätigt seine Vorstandskollegin Christiane König. Es gebe durchaus Mentalitätsunterschiede zwischen Stadt und Land. Die sozialen Netzwerke in den ländlichen Gebieten seien in Ordnung. Der Kreis Viersen ist auch nicht so ländlich wie vielleicht andere Kreise. Von Nettetal seien Großstädte wie Mönchengladbach, Krefeld und Düsseldorf in 30 Minuten zu erreichen. In Zeiten von Work-Life-Balance und zunehmender Digitalisierung werde das Home-Office immer wichtiger. Und das Wohnen etwa in Nettetal sei naturnäher, schöner und preiswerter als in Düsseldorf. Und wenn einem mal die Decke auf den Kopf falle, nehme man zum Feiern den letzten Zug nach Düsseldorf und den ersten am Morgen zurück.