Serie Vor 75 Jahren: Politische Witze gegen das NS-Regime

Serie Vor 75 Jahren: Politische Witze gegen das NS-Regime

In Schiefbahn haben sich Berichte des NSDAP-Ortsgruppen-Propagandaleiters für 1943/44 erhalten. Sie zeigen nicht nur, wie sich die politische Stimmung entwickelte, sondern auch, wie die Bevölkerung über das aktuelle Geschehen spottete

Kreis Viersen Gefährlich waren sie allemal: politische Witze über das NS-Regime. Denn es galt: "Wer nicht hinter dem Führer steht, der sitzt." Selten trifft man in kommunalen Akten auf diese Art des Widerspruchs. Die systemkritische Ironie vermied die Schriftlichkeit. Deshalb ist es ein Glücksfall, dass sich im Gemeindearchiv von Schiefbahn Erkundungen der Partei über "abträgliche Gerüchte" aus den Kriegjahren 1943 und 1944 erhalten haben - auf unbeabsichtigte Weise, denn es handelt sich um Reste der Akten der NSDAP-Ortsgruppe, die als Durchschriften in die Bürgermeister-Registratur gelangten und damit der gegen Kriegsende allerorten üblichen Vernichtung der Parteiakten entgingen.

Die Schiefbahner Erkundungen der politischen Stimmungen, die auf parteiamtliche Anordnung von 1941 an monatlich und später sogar wöchentlich an das "Gaupropagandaamt" in Düsseldorf zu senden waren, folgten einem vorgeschriebenen Fragenkatalog, unter anderem "Allgemeine politische Lage", "Verbreitung von Gerüchten und Meinungen", "Politische Gegner und deren Umtriebe".

Nachfolgend eine Auswahl aus den Niederschriften des Schiefbahner NSDAP-Ortsgruppen-Propagandaleiters aus dem Jahre 1943:

Britische Bombenangriffe und der Ruf nach Vergeltung waren im Juni 1943 Gegenstand des Berichtes des Schiefbahner Ortsgruppenpropagandaleiters: "Stimmungsmäßig wartet die gesamte Bevölkerung auf eine Gegenaktion gegen England. All die Tausenden total geschädigten Volksgenossen sehen in der Rache eine Befriedigung des ihnen zugefügten Leides". Im selben Bericht ist andererseits zu lesen: "Bemerkenswert sind hier die Hirtenbriefe der katholischen Bischöfe, die in letzter Zeit wieder sehr häufig sein sollen. U.a. soll der Bischof von Münster in einem Hirtenwort den Katholiken nahegelegt haben, keine Vergeltung zu fordern. Auch wenn Frauen und Kinder bei den Terrorangriffen getötet wurden, so sei es doch unkatholisch, Rache zu fordern."

Im Herbst 1943 wurde die spöttisch so genannte Aktion Heldenklau auch in Schiefbahn karikiert: Ein Junge hatte auf der Straße gesungen: "Lieb' Vaterland magst ruhig sein, Hitler zieht die Opas ein." Hintergründige kölnische Witze wurden im Ort erzählt und der Partei zugetragen: "Schäl kam in Urlaub von der Front. Tünnes zeigte ihm das ausgebombte Köln. Schäl stellt nach einem Gang durch die Innenstadt fest, dass die Engländer doch sehr viel zerschlagen hätten. Darauf stellt Tünnes fest: Wie wäre das aber erst geworden, wenn wir die Lufthoheit nicht gehabt hätten".

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Im November 1943 notierte die Partei ein in Schiebahn kolportiertes Rätsel: "Welches ist der Unterschied zwischen Donner, Blitz und Vergeltung? Antwort: Den Donner hört man, den Blitz sieht man und von der Vergeltung hört und sieht man nichts."

Der Spott bezog sich überwiegend auf die jeweilige aktuelle politische und Kriegslage. Folgende Witze waren im September der Partei in Schiefbahn bekannt geworden: "Tünnes begegnet dem Schäl. Tünnes trägt an einem Koffer und tut so, als sei dieser sehr schwer. Schäl fragt erstaunt nach dem Inhalt. Tünnes antwortet, ich habe die Vergeltung für England da drin. Als Tünnes den Koffer aufmacht, ist er leer. - Eine neue Anordnung fordere die Abgabe aller Kaninchen bis auf zwei. Auf die Frage nach dem Grund heißt die Antwort, die anderen sollten nach Berlin geschickt werden, um den Kohl von Dr. Goebbels aufzufressen."

Bemerkenswert ist auch die festgestellte stärkere politische Unterstützung der Partei durch die Arbeiter in Schiefbahn als durch bürgerliche Kreise, oder dass die Angehörigen von Gefallenen an den Kranzniederlegungen durch die Partei nur vereinzelt teilnahmen. Auch dies eine Ausdrucksform verhaltenen Widerstandes. Im Mai 1943 beklagte der Berichterstatter, dass der Besuch zur Feierstunde des von der Partei sehr hoch gehaltenen Muttertages "zu wünschen übrig ließ".

Der Kempener Historiker Hans Kaiser ist in seiner zweibändigen Darstellung der Kreisstadt Kempen "unterm Hakenkreuz" (eine der gründlichsten Untersuchungen zur Geschichte einer Stadt im Dritten Reich weit und breit!) auch der Verbreitung politischer Witze nachgegangen. Besonders originell, aber alles andere als ungefährlich war dabei eine Parodie, die man in Kempen nach der Einführung der Lebensmittelkarten auf das "Horst-Wessel-Lied" sang. Statt: "Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen/ SA marschiert in ruhig festem Schritt" reimte man: "Die Fenster zu, die Türen fest verschlossen/ der Hunger kommt mit ruhig festem Schritt/ Doch hungern nur die armen Volksgenossen/ Die Reichen darben nur im Geiste mit".

Literatur: Heimatbuch des Kreises Viersen 1985, S. 126-139

(RP)