1. NRW
  2. Städte
  3. Viersen

Polarforscher Thomas Ronge aus Brüggen erkundet die Tiefsee Westantarktikas

Klimaforscher aus Brüggen : Von Brüggen nach Westantarktika

Was macht eigentlich ein Polarforscher und wie sieht sein Büro aus? Der Brüggener Thomas Ronge forscht seit neun Jahren in der Antarktis. Jetzt war er zu Gast in der Burggemeinde und hat einen Vortrag über die Tiefsee gehalten.

„Es ist ein unglaubliches Privileg, in solche Gebiete wie das Südpolarmeer fahren und einfach nur schauen zu können: die Eisberge, die Pinguine, Sterne am Himmel, zehn Meter hohe Wellen. Es ist einfach spektakulär.“

Für zwei Monate im Jahr tauscht der in Brüggen geborene Thomas Ronge seinen Arbeitsplatz im Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven mit diesem spektakulären Arbeitsplatz an Deck eines Forschungsschiffes. Seit 2010 fährt er regelmäßig auf Expeditionen mit der „Polarstern“ oder der „Sonne“ in die Amundsensee oder in den Pazifik. Gerade ist Ronge von einer Expedition mit dem amerikanischen Forschungsschiff „Joides Resolution“ zurückgekommen. Nur 2015 war er nicht unterwegs, aber nur, „weil die Expedition abgesagt wurde“, so der Polarforscher Ronge.

Zwei Monate dauern die Expeditionen. Ronge und die übrigen Wissenschaftler – auf der „Polarstern“ waren es 50 – arbeiten in Zwölf-Stunden-Schichten. Untersuchungen, Bohrungen und die entsprechenden tonnenschweren Geräte werden vorbereitet, diese ins Wasser gebracht, Proben vom Meeresboden aus mehreren Hundert Metern Tiefe analysiert – solch ein Schiff ist ein schwimmendes Labor. Hier hält sich neben den Wissenschaftlern die Crew auf, zu der auch ein Arzt gehört. Schließlich sind die Schiffe mehr als eine Woche Fahrzeit weit vom Festland entfernt – wenn jemand krank wird, kann er sofort vor Ort versorgt werden. Im Notfall wird die Expedition abgebrochen. Einen solchen Fall hat Ronge selbst noch nicht erlebt. Allerdings einen extremen Sturm mit zwölf Metern Seegang – „aber davon geht keine große Gefahr aus“. Die eigentliche Arbeit findet dann in Bremerhaven im Institut statt, wo in einem Zeitraum von bis zu drei Jahren alle erforschten Daten ausgewertet werden.

Thomas Ronge hielt am Montagabend in der Burg Brüggen einen Vortrag unter dem Titel „Wie die Tiefsee das Klima beeinflusst“. Ein Heimspiel – ist er doch 1985 in Brüggen geboren, dort zur Grundschule und später in Waldniel auf das Gymnasium gegangen. Seinen Zivildienst leistete Ronge im Naturpark Schwalm-Nette ab und begann 2005 mit dem Studium der Geologie und Paläontologie in Bonn.

Dass er einmal Polarforscher werden würde, war damals noch nicht abzusehen. Während des Studiums kam er mit der Mikropaläontologie in Kontakt. Dabei werden die fossilen Überreste von Einzellern untersucht, die Aufschluss über Umweltfaktoren geben. Das war der Auslöser für Ronges späteren Forschungsschwerpunkt am Alfred-Wegener-Institut und für das, was er während der Expeditionen tut: „Wir schauen in eine Zeit von vor 100.000 Jahren, in denen das Klima ähnlich wie heute war und versuchen herauszufinden, wie sich die Gletscher verhielten.“

Aus dem damals natürlichen Klimawandel können die Wissenschaftler auf die Folgen des heutigen menschengemachten Klimawandels schließen.

Alle Forschungsergebnisse fließen in den „Intergovernmental Panel on Climate Change“ ein, den Weltklimarat. „Es ist schwer zu sehen, dass nicht gehandelt wird, dass wir auf taube Ohren und komplettes Unverständnis stoßen“, sagt Ronge. „Aber es ist gut zu sehen, dass die Gesellschaft aufwacht.“ Die Mitarbeiter des Alfred-Wegener-Instituts sind keine politischen Aktivisten, aber gefragte Redner. Ronge selbst hat kürzlich bei einer Fridays-For-Future-Veranstaltung in Bremerhaven einen Klima-Vortrag gehalten.

Auch auf anderen Ebenen sind Ronge und seine Kollegen unterwegs, um ihre Forschungen publik zu machen und „einen Rückhalt in der Gesellschaft“ zu entwickeln.

Ist Ronge nicht persönlich unterwegs, bleibt der Polarforscher auch virtuell seiner Mission treu. Ronge bloggt und twittert; er stellt Filme und Fotografien in das Internet und nimmt Teil an dem internationalen Programm „skype a scientist“. Bei dieser Veranstaltung können Schulen einen Wissenschaftler auswählen und zu einem bestimmten Thema befragen. „Wir treffen uns dann für eine Schulstunde im Videochat.“ Mit einer Klasse aus Sundern im Sauerland hat er schon geskyped, es gab auch gemeinsame Rundgänge auf dem Forschungsschiff. Alles über das Internet.