Viersen: Ölrettich gegen Nitrat im Grundwasser

Viersen : Ölrettich gegen Nitrat im Grundwasser

Wenn er die Frühkartoffeln geerntet hat, sät der Viersener Landwirt Stefan Michels auf dem gleichen Feld Ölrettich. Die Wurzeln nehmen Düngerreste auf. So soll der Stickstoffgehalt im Boden sinken.

Der Ölrettich ist bei Landwirten beliebt. Nicht etwa, weil er gut schmeckt oder sich gut verkaufen lässt, sondern wegen seiner Wurzeln. "Sie werden etwa 90 Zentimeter lang, können also bis in etwa 90 Zentimeter Bodentiefe Stickstoff konservieren", erläutert der Viersener Landwirt Stefan Michels. Das bedeutet, einfach gesagt: Der Ölrettich nimmt Düngerreste aus der Erde auf, sodass letztendlich weniger Nitrat-Stickstoff ins Grundwasser gelangt. Im August sät Michels deshalb Ölrettichsamen. 25 Kilogramm pro Hektar - dort, wo er vor ein paar Wochen Frühkartoffeln geerntet hat. Das nennt sich Zwischenfruchtanbau.

Im Winter friert die Zwischenfrucht ab. Dann wird sie wie hier mit dem Mulcher zerkleinert, bleibt auf dem Acker liegen und versorgt den Boden mit Humus. Foto: Landwirtschaftskammer NRW

Die Europäische Union gibt einen Höchstwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter Grundwasser vor. Gemeinsam mit dem Recherchezentrum Correctiv hatte ein Team der Rheinischen Post im Juni die Grundwasserwerte der Jahre 2000 bis 2015 in Nordrhein-Westfalen analysiert, demnach ist der Kreis Viersen weiter stark belastet. Als Hauptverursacher gelten Gülle und Mineraldünger. Pflanzen dient das darin enthaltene Nitrat als Sauerstofflieferant. Wenn es sich im menschlichen Körper in großen Mengen in Nitrit umgewandelt hat, kann es hingegen den Sauerstofftransport im Blut blockieren und krank machen.

Experten des Bundesumweltamtes und Wasserversorger gehen davon aus, dass es immer aufwendiger wird, Grundwasser als Trinkwasser aufzubereiten, sollten sich die Nitratwerte nicht bessern. Der Wasserversorger NEW versucht längst gemeinsam mit Landwirten in der Region gegenzusteuern. Seit 1992 kooperiert er mit rund 350 Agrarbetrieben aus Viersen und Mönchengladbach. Stefan Michels ist einer der Landwirte, die dem Verbund angehören. Als Bindeglied zwischen ihm und der NEW steht Christian Tschöke, einer von drei Wasserschutzberatern der Landwirtschaftskammer NRW für die Region. "Wichtig sind uns Bodengesundheit und Wasserschutz", sagt Tschöke. Der Zwischenfruchtanbau fördere beides.

Die Blätter des Ölrettichs und ein Ölrettichsamen-Tütchen. Foto: Busch Franz-Heinrich sen.

Landwirt Michels sät auf 60 Prozent seiner Felder Zwischenfrüchte - wie viel Land er insgesamt bewirtschaftet, möchte er nicht sagen. Als 16-Jähriger stieg er in den Familienbetrieb ein, der seit mehreren Generationen besteht. Mit seiner Frau, seiner Tochter und seinem Sohn lebt er auf dem Hof, vielleicht führt der Sohn den Betrieb irgendwann mal weiter: "Das hoffe ich natürlich", sagt Michels. Er baue als Hauptkulturen unter anderem Zuckerrüben, Weizen und Kartoffeln an, erzählt der 50-Jährige. Als Zwischenfrucht setzt er nicht nur Ölrettich ein, sondern auch andere Sorten, bei Bedarf außerdem Mischungen mit zwei bis drei Sorten.

Für die Landwirte gibt es sogar Apps, die ihnen helfen, bedarfsgerecht die genau passende Mixtur zu finden. So wird die Zwischenfrucht zum Beispiel darauf abgestimmt, welche Hauptkultur in der nächsten Saison auf dem Feld gepflanzt werden soll. Denn die Zwischenfrucht sei ja auch ein Nährstofflieferant für die nächste Hauptkultur, erläutert Michels. Der Ölrettich auf seinem Feld etwa wächst jetzt ein paar Wochen lang vor sich hin. Die Wurzeln lockern den Boden, nehmen Düngerreste auf. Zumindest "größtenteils", sagt Tschöke. "Irgendwann im Winter friert die Zwischenfrucht ab", erklärt Michels. Dann wird sie mit dem Mulcher zerkleinert, "bleibt auf dem Acker liegen, rottet da und versorgt den Boden mit Humus". Im nächsten Jahr pflanzt der Landwirt auf dem Feld Mais oder Rüben, die davon profitieren. Das sorge dann auch dafür, dass er weniger düngen müsse. Geld spare er dabei aber nicht. "Das Saatgut für den Zwischenfruchtanbau ist teuer", sagt er.

Jeweils im Spätherbst nimmt Tschöke bei Michels und den anderen Bauern, die er betreut, Bodenproben aus bis zu 90 Zentimeter Tiefe. Denn etwa Ende Oktober beginnt die Sickerperiode. Je weniger Nitrat der Boden zu diesem Zeitpunkt enthält, desto weniger wird ausgewaschen und ins Grundwasser gespült. "Wir Landwirte bekommen dann die Fakten", ergänzt Michels. Anhand der Daten kann er zum Beispiel kalkulieren, wie viel er in der nächsten Saison düngen darf, ohne Grenzwerte zu überschreiten. Die Zusammenarbeit mit der NEW habe eine Besserung gebracht, sagt Tschöke und verweist auf eine Broschüre der Kooperationspartner: "Die Ergebnisse zeigen, dass die mittleren Gehalte an mineralischem Bodenstickstoff im Herbst seit Gründung der Kooperation deutlich rückläufig sind", heißt es dort.

Natürlich wissen auch Tschöke und Michels, dass die Nitratwerte in Viersen vergleichsweise hoch sind. "Aber dass wir nur noch im Fokus stehen und einzelne Bauern an den Pranger gestellt werden, finde ich extrem unfair", sagt Michels. Vor allem, wenn die Kritiker dann auch noch ohne einen Gedanken an den Umweltschutz zu verschwenden selbst täglich mit dem Auto zur Arbeit nach Düsseldorf fahren oder abends im Garten grillten.

(RP)
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