Ökumenischer Gottesdienst am 2. Dezember für verstorbene Kinder in Brüggen

Gedenken in Brüggen : Ein Licht für verstorbene Kinder

Weltweit zünden Eltern, die ein Kind verloren haben, am zweiten Sonntag im Dezember eine Kerze an. In der Kirche St. Peter Born gibt es einen Gedenkgottesdienst für die Kleinen. Organisiert wird er von betroffenen Müttern.

Patrizia Wagner verlor ihren Sohn, als er drei Jahre alt war. Später bekam sie vier weitere Kinder – das älteste ist heute 22, das jüngste 16 Jahre alt. Doch vergessen hat sie ihren kleinen Jungen nie. Den Geschwistern, die folgten, erzählte sie von ihm. „Ich habe ihn immer einbezogen“, sagt die 54-Jährige. „Die Kinder hatten ja einen großen Bruder.“ Wenn Leute fragen, wie viele Kinder sie hat, dann antwortet sie: „Fünf.“ Vier leben. Eines ist tot.

Seit fast 20 Jahren gehört die Brüggenerin zu den Frauen, die einmal im Jahr einen ökumenischen Gottesdienst für verstorbene Kinder organisieren. Damals zog Wagner nach Brüggen und stellte bei Gesprächen fest, dass es viele Eltern gab, die ein Kind verloren hatten – weil es tot geboren oder kurz nach der Geburt gestorben war, weil es krank war oder durch einen Unfall starb. Für diese Eltern, aber auch für Großeltern, die um ein Enkelkind trauern, und für Kinder und Jugendliche, die ein Geschwisterchen verloren haben, planen seither betroffene Mütter diesen besonderen Gottesdienst in der Kirche St. Peter in Born. Das Angebot richtet sich an Trauernde aus der ganzen Region, nicht nur aus Brüggen.

Seit Jahren findet der Gottesdienst immer am zweiten Sonntag im Dezember statt. An diesem Tag erinnern Menschen weltweit an verstorbene Kinder, Geschwister und Enkel, stellen in Erinnerung an sie um 19 Uhr eine brennende Kerze ins Fenster. Während in der einen Zeitzone die Kerzen erlöschen, werden sie in der nächsten Zeitzone entzündet – so bildet sich ein Lichterband, das die Welt umschließt.

Alljährlich stellen die Frauen den Gottesdienst unter ein anderes Motto. In diesem Jahr lautet das Thema „Spuren, die bleiben“. In Texten und Liedern wollen die Teilnehmer an die verstorbenen Kinder und ihre Spuren erinnern, beispielsweise so: „Manchmal werde ich eingeholt von deinen Spuren. Dann kommt die Trauer wieder hoch. Und manchmal bin ich einfach nur dankbar für deine Spuren.“

Die Grundlage bildet die berührende Geschichte „Spuren im Sand“ von Margaret Fishback Powers, die von der Gegenwart Gottes erzählt, der in den dunkelsten Zeiten den Menschen trägt. Auch können die Trauernden für das verstorbene Kind eine Kerze anzünden. Wer möchte, kann den Namen des Kindes am Eingang der Kirche in eine Liste eintragen – die Namen der Kinder werden dann verlesen, auch anonymisiert. Wer nicht möchte, dass der volle Name verlesen wird, kann auch nur den Vornamen angeben. Oder nur „Sternchen“ oder einen anderen Namen, den man dem Kind gegeben hat, als es noch ungeboren war. Nach dem Gottesdienst bleibt Zeit für ein Gespräch und eine Tasse Tee.

Der Besuch des Gottesdienstes hilft vielen Trauernden, haben die Organisatorinnen erfahren. „Es kommen auch Familien aus Neuss und Umgebung, nicht nur aus Brüggen, die uns ermuntern, weiterzumachen“, berichtet Patrizia Wagner. Manche Familien kommen einmal zum Gedenkgottesdienst, andere ab und zu, wieder andere Jahr für Jahr. Denn die Trauer um das Kind hört nicht auf. „Das ist ein lebenslanger Prozess“, sagt Brüggens Gemeindereferentin Katrin Hollmann, die mit den Müttern den Gottesdienst gestaltet. Und Barbara Heyer, die ebenfalls zum Organisationsteam der Frauen gehört, fügt hinzu: „Das kann man nicht ungeschehen machen, es nicht verdrängen. Im Unterbewusstsein ist das immer da. Es ist ein Stückchen vom Leben, das einen eine kurze Zeit begleitet hat.“

Dennoch geht jeder anders mit der Trauer um. Patrizia Wagner hat für sich die Erfahrung gemacht, dass es ihr half, über den Verlust des Kindes zu sprechen. „Ich habe es nicht totgeschwiegen, sondern zum Thema gemacht“, sagt die 54-Jährige. „Heute kann ich gut damit leben. Ich lache auch, und ich bin Gott dankbar, dass ich vier gesunde Kinder habe. Aber es ist bei jedem anders. Der eine kann darüber reden, der andere zerfällt daran.“

Barbara Heyer hat unter der Sprachlosigkeit gelitten. Ihr Kind kam vor 30 Jahren tot zur Welt, „und damals sprach niemand darüber“, erinnert sich die Brüggenerin. „Ich hätte mir gewünscht, dass es schon im Krankenhaus eine Begleitung gibt, dass ich erfahre, was mit dem Kind geschieht, ob es beerdigt werden kann. Ich hätte mir mehr Informationen gewünscht. Heute ist das wohl anders, aber vor 30 Jahren gab es das noch nicht.“ Der Schmerz über den Verlust des Kindes war „anfangs megaschlimm“, erzählt die 55-Jährige. „Wir hatten danach noch das Glück, drei gesunde Kinder zu bekommen.“ Patrizia Wagner hatte Zeit, sich von ihrem verstorbenen Kind zu verabschieden. „Ich war die ganze Nacht vor der Beerdigung bei ihm im Bestattungsinstitut“, erzählt sie. „Das hat mir unheimlich viel geholfen.“

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