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Notaufnahmen im Kreis Viersen in Not

Kreis Viersen : Notaufnahmen in Not

Die Wartezeiten für die Patienten sind lang. „Es häufen sich verbale Entgleisungen, Beschimpfungen und Drohungen“, sagt eine Krankenhausmitarbeiterin. Ein Problem: Menschen, die mit Bagatellfällen in die Notaufnahme kommen.

Die Notaufnahmen im Kreis Viersen leiden unter einem nahezu stetig zunehmenden Patientenandrang. Die Personaldecke in den Krankenhäusern ist dünn, es kommt zu langen Wartezeiten sowie Bedrohungen und Beschimpfungen gegen das Personal. Erste Kliniken im Kreis Viersen haben auf die veränderten Anforderungen bereits reagiert.

„Es hat sich eine Krankenhaus-to-go-Mentalität entwickelt“, sagt Matthias Garczarek, Chefarzt der Notaufnahme des Allgemeinen Krankenhauses (AKH) Viersen. „Überspitzt gesagt: Die Leute fühlen sich krank, googeln und wollen schnell abklären lassen, ob sie an dieser Krankheit leiden.“ Das führe zu verstopften Notaufnahmen.

Auch die lange Wartezeit auf einen Termin beim Facharzt sorge dafür, dass die Notaufnahmen überlaufen. „Mir hat die Angestellte meines Hausarztes gesagt, dass ich besser in die Notaufnahme gehe als auf einen Termin beim Spezialisten zu hoffen“, erklärte eine Leserin. „Dabei vergessen die Leute, dass auch in der Notaufnahme nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Spezialist vor Ort ist“, sagt Garczarek.

Im Schnitt warten die Patienten in der Notaufnahme des AKH 90 Minuten. „Bei Bagatellfällen liegt die durchschnittliche Wartezeit im AKH bei 114 Minuten.“ Dass die Stimmung in den Notaufnahmen bisweilen gereizt ist, bestätigt Petra Langhage vom Städtischen Krankenhaus Nettetal. „Ein spezielles Aggressionsproblem gibt es zwar nicht“, sagt sie. „Es häufen sich leider verbale Entgleisungen, Beschimpfungen und Drohungen.“ Das Personal werde durch ein Kommunikationstraining auf solche Krisensituationen vorbereitet („Sprechen Sie patientisch“) und durch Gewaltpräventionskurse geschult. Von 2014 bis 2019 stieg die Zahl der in der Notaufnahme behandelten Patienten von 16.600 auf rund 20.000 an.

Solch einen rasanten Anstieg hat das AKH Viersen nicht zu verzeichnen: Dort kletterte die Zahl der Gesetzlich Krankenversicherten, die rein ambulant behandelt wurden, von 2015 bis 2019 um 1300 auf 9997 Patienten. „Das liegt aber daran, dass seit dem Jahr 2016 die Notdienstpraxis vorgeschaltet ist“, erklärt AKH-Sprecher Kaspar Müller-Bringmann. „Ohne diese Änderung wäre der Anstieg deutlich massiver.“

Und auch das führt zu einer Verstopfung der Notfallambulanzen: Immer mehr Menschen rufen im Zweifelsfall einen Rettungswagen. „Die Rettungswagen werden von Patienten, die keine vielleicht keine akuten Notfälle sind, blockiert“, sagt Hans-Josef Kampe, CDU-Vorsitzender des Kreis-Gesundheitsausschusses. Von 2014 bis 2016 kletterte die Zahl der Rettungswagen-Einsätze im Kreis Viersen um fast 14 Prozent auf knapp 27.700. Die Folge: Der Kreis plant mehr Rettungswagen, mehr Personal in der Leitstelle, mehr Notfallsanitäter, längere Dienstschichten und bauliche Veränderungen im Bereich von vier Rettungswachen, um die Hilfsfristen weiterhin einhalten zu können.

„Notfallambulanzen der Krankenhäuser, die Rettungsdienste und die Bereitschaftsdienste der Ärzte sollen besser verzahnt werden“, sagt der Bundestagsabgeordnete Uwe Schummer (CDU). Genau das plane Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bei seiner Reform der Notfallversorgung. „Denn in den Notfallambulanzen sind auch viele Patienten, denen woanders besser geholfen werden könnte“, sagt Schummer. „Dadurch sind die Wartezeiten für Patienten, die dringend auf die Hilfe in der Notfallambulanz angewiesen sind, oft zu lang.“

Das deckt sich mit der Einschätzung des Chefarztes der Notfallaufnahme am AKH: „Es klappt noch nicht gut genug, dass direkt vor Ort heraus gefiltert wird: Wer ist ein Patient mit ,Krankenhauspotenzial’, wer kann auch am Folgetag zum Hausarzt gehen“, sagt Garczarek. Wesentlich ist für ihn aber auch ein weiterer Punkt: „Die ambulante Medizin muss besser honoriert werden, damit die Kassenärzte vor Ort auch das Engagement an den Tag legen können, die Patienten entsprechend zu behandeln.“

Dass es seine Position überhaupt gibt, ist ebenfalls dem starken Ansturm auf die Notfallambulanzen zu verdanken: Im April 2018 schuf das AKH die Chefarztposition der Notfallambulanz. Vorher war der Job nebenbei miterledigt worden.