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Niederkrüchtener berichten: So haben wir in Dernau geholfen

Helfer aus dem Kreis Viersen an der Ahr : So haben wir den Flutopfern geholfen

Als Yannik und Wilfried Scholz gemütlich vom Sofa aus die Zerstörungen an der Ahr sahen, war ihnen klar: Wir bleiben nicht hier sitzen, wir packen an. Was das Team aus Niederkrüchtener Handwerkern erlebt hat. Ein Protokoll.

Das Ausmaß der Zerstörungen an der Ahr ist unvorstellbar. Auch wenn die Flut seit fast drei Wochen fort ist, fängt die Arbeit jetzt erst an. Die Folgen der Flut in Dernau sind noch lange nicht beseitigt. Es wird wohl noch ein Jahr und länger dauern, allein, bis dort alles aus- und aufgeräumt ist.

Und wer dort wie wir als Freiwillige hilft, der sieht sich einer nicht endenden wollenden Aufgabe gegenüber. Wir haben ab dem 18. Juli in Dernau, einem knapp 2000 Einwohner zählenden Dorf an der Ahr, als Freiwillige bei den Aufräumarbeiten geholfen. Die ersten Tage sind wir die fünf Stunden noch von Niederkrüchten aus hin- und hergefahren. Dann haben wir einen Ansprechpartner vor Ort gefunden und konnten in einem Junggesellenheim übernachten. Wir haben uns vor Ort eine kleine Straße, die Gartenstraße, ausgesucht. Dort haben wir alles, was an Einrichtung in Häusern und Geschäften zerstört wurde und was die Bewohner auf die Straße gestellt haben, aufgeladen und abtransportiert. Das Wasser stand in der Straße 8,76 Meter hoch: Keller, Erdgeschoss und erste Etage in den Gebäuden waren überflutet. Dort war nichts mehr zu retten, allein wegen des ausgelaufenen Heizöls nicht. Den Geruch kriegt man ja nie wieder raus. Viele Menschen haben dort alles verloren.

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Wir haben zu sechst morgens um 6 Uhr angefangen, aufzuräumen. Gegen 13 Uhr haben wir meist Mittag gemacht – und danach waren schon wieder Berge von Unrat auf unserer Straße. Zwischendurch meint man, dass man niemals fertig wird. Da muss man sich immer neu motivieren. Doch das gelingt, weil die Dankbarkeit und Freundschaft der Menschen, die alles verloren haben, unglaublich groß ist. Deswegen werden wir nach unserem ersten Einsatz Anfang September nochmal für ein Wochenende zum Aufräumen an die Ahr fahren. Die Menschen dort sind uns einfach ans Herz gewachsen, während unserer kurzen Zeit sind Freundschaften entstanden. Und alleine schaffen sie das nicht. Also werden wir wieder helfen.

 So sehen (Alltags-)Helden aus: Ein Team aus Niederkrüchtener Handwerkern war ab 18. Juli in Dernau an der Ahr  im Einsatz.
So sehen (Alltags-)Helden aus: Ein Team aus Niederkrüchtener Handwerkern war ab 18. Juli in Dernau an der Ahr  im Einsatz. Foto: Scholz

Unser erster Hilfseinsatz, bei dem ich mit meinem Vater Wilfried Scholz und einem Mitarbeiter unserer Gartenbaufirma, mit Landschaftsgärtner Martin Dohmen sowie Mitarbeitern und Norbert Schröder von der Holzbau Firma Schröder, für sechs Tage vor Ort war, ist spontan entstanden.

Ich habe mit meinem Vater vor dem Fernseher gesessen, wir haben die Bilder von der Flut gesehen und uns war klar, dass die Menschen an der Ahr Hilfe brauchen. Und wir hatten die notwendigen Maschinen, um ihnen zu helfen. Noch am selben Tag rief uns Martin Dohmen an, um uns mitzuteilen, dass er den gleichen Plan verfolgt und auch einen Kontakt nach Dernau hat, über den wir dorthin gelangen können. Zwei Tage später kam Norbert Schröder auch zum Unterstützen.

 Bis zu 15 Stunden malocht: Dass sie dennoch den Mut nicht verloren haben, liegt an der Herzlichkeit und Dankbarkeit der Flutopfer, schildern sie.
Bis zu 15 Stunden malocht: Dass sie dennoch den Mut nicht verloren haben, liegt an der Herzlichkeit und Dankbarkeit der Flutopfer, schildern sie. Foto: Scholz

Mit drei Container-Lastwagen, zwei 1,8-Tonnen Baggern und zwei 2,7 Tonnen Radladern sind wir aufgebrochen. Über einen persönlichen Kontakt von Martin Dohmen sind wir gemeinsam nach Dernau gefahren. Als wir dort ankamen, wussten wir gar nicht, wo wir anfangen sollten. Wir mussten uns erstmal orientieren und haben uns mit anderen Helfern vor Ort abgesprochen. Wir konnten uns selbst einen Bereich aussuchen, indem wir beim Aufräumen geholfen haben.

Wir haben uns dort für die Gartenstraße entschieden, wir mussten ja irgendwo anfangen. Von dort aus haben wir alles, was die Anwohner aus ihren Häusern, Wohnungen und Geschäften geräumt haben, zur Hauptstraße gebracht und dann weggefahren – immer und immer wieder.

 Insgesamt sechs Fahrzeuge hatte das Niederkrüchtener Freiwilligen-Team mit nach Dernau gebracht.
Insgesamt sechs Fahrzeuge hatte das Niederkrüchtener Freiwilligen-Team mit nach Dernau gebracht. Foto: Scholz

Es war eine harte Arbeit, wir waren im Durchschnitt 16 Stunden im Einsatz. Die ersten Tage waren wir regelrecht platt. Und auch der Kontakt nach Hause war schwierig, denn unsere Handys funktionierten nicht, wir waren nicht erreichbar, hatten zunächst gar keine Verbindung nach Niederkrüchten.

Unsere Frauen haben uns in dieser Zeit den Rücken freigehalten: Sie haben sich darum gekümmert, dass in den eigenen Betrieben alles weiterlief, während wir an der Ahr gegen tonnenweise Schlamm und Abfall gekämpft haben. Pro Tag kamen 100 bis 120 Kubikmeter zusammen, das war schon Wahnsinn.

Aber nicht nur körperlich war dieser Einsatz anstrengend, auch seelisch. Die Zerstörung an der Ahr ist einfach unglaublich. Wir haben immer wieder mit Menschen gesprochen, die ihre Existenz verloren haben – und die trotzdem erst an uns Helfer und dann an sich selbst gedacht haben. Sie haben uns mit Kaffee versorgt, sich um uns gekümmert, immer wieder gefragt, ob wir etwas brauchen. Das war einfach Wahnsinn.

Manchmal wurden auch wir von den Gefühlen überwältigt: etwa, wenn wir mitbekommen haben, dass sich Nachbarn nach fünf Tagen Ungewissheit, ob die anderen überhaupt noch am Leben sind und alles gesund überstanden haben, wiedergefunden haben.

Wenn man jetzt bedenkt, dass wir in den sechs Tagen gerade mal an einer Straße in Dernau aufgeräumt haben, dass es dort aber noch viele weitere Straßen gibt, zudem viele weitere Orte und Städte: Da könnte man schon den Mut verlieren. Denn obwohl wir vor Ort und auch unsere Familien zu Hause alles gegeben haben, war das doch nur ein ganz kleiner Beitrag. Es ist noch so viel mehr zu tun. Aber. Wir haben getan, was wir konnten. Allein ist so etwas nicht zu schaffen.

Und wir werden den Menschen in Dernau noch weiter helfen. Insbesondere denen, die wir an der Gartenstraße kennengelernt haben und denen wir jetzt geholfen haben. Denn sie brauchen noch dringend weiter unsere Unterstützung. Und auch dann, wenn die gröbsten Aufräumarbeiten erledigt sind, wollen wir weiter für sie da sein und beim Wiederaufbau in Dernau helfen: etwa, wenn es dann darum geht, wieder eine Einfahrt herzurichten oder ähnliches.

Es ist unglaublich, wie groß die Dankbarkeit der Menschen ist – und wir aus Niederkrüchten werden gern weiter helfen.

Jannik Scholz (22), Landschaftsgärtner aus Niederkrüchten