Niederkrüchten: Künstler werden zu Kunstobjekten

Kreativ-Ausstellung: Kreative Menschen als Kunstobjekt

Der Fotograf Dieter Wiesmann hat Kunst- und Kulturschaffende aus Niederkrüchten porträtiert. Das Ergebnis ist in einer Wanderausstellung zu sehen, die gerade gestartet ist. Das Projekt soll den Anstoß zu einem Kulturnetzwerk geben

Einem wirklich guten Foto merkt man nicht an, dass es viel Arbeit gemacht hat. Sehr entspannt, in sich ruhend, wirken die Menschen auf den Porträts, die den Besucher in den Fluren des Elmpter Rathauses anschauen. „Fotografieren ist ein Prozess und kein Handyschnappschuss“, sagt Dieter Wiesmann. Der Profifotograf hat 26 Kunst- und Kulturschaffende aus Niederkrüchten porträtiert, hat die Kreativen zum Kunstobjekt gemacht. Das Ergebnis ist bis zum Jahreswechsel in einer Wanderausstellung zu sehen. Sie wurde am Freitagabend im Rathaus eröffnet.

„Gut Bild will Weile haben“, lautet Wiesmanns Leitspruch. Die Leichtigkeit und Lockerheit, die die Fotos und die Fotografierten ausstrahlen, sind das Ergebnis eines mehrstündigen Prozesses. Jedem Bild geht ein Vorgespräch voraus, in dem der Mensch vor der Kamera und der Mensch hinter der Kamera einander kennenlernen. „Ich gehe nie kalt in eine Aufnahme“, lautet eines von Wiesmanns Prinzipien. Das Shooting selbst dauert mindestens ein bis zwei Stunden, oft länger. Es braucht Zeit, bis die richtige Atmosphäre für das perfekte Bild wächst. Das Foto, das es in die Ausstellung geschafft hat, ist fast nie in den ersten zehn Minuten entstanden.

Zu sehen sind sehr persönliche Porträts – alle in schwarzweiß. „Das ist bei Porträts extrem ausdrucksstark. Farbe lenkt da eher ab“, erklärt Wiesmann. So hat der Betrachter nicht selten das Gefühl, dass hier Menschen einen Blick auf ihr Innerstes freigeben. Gitarrist Timo Brauwers, Bildhauer Hubert Brouwers, Maler Adrian DeDea, Kulturamtsmitarbeiterin Sarah Issel, Malerin Christiane Koken, der Musiker und Sänger Volker Mertens, Autorin Christel Netuschil, Schriftsteller Sebastian Polmans, Floraldesigner Ulla Rankers-Langels, Willi Rankers und Manuela Weertz, Klarinettist Marcel Salomon oder Orchestermusiker Markus Wallrafen sind nur einige der Porträtierten. Alle 26 sind zudem in einem kleinen Booklet zu sehen, das neben den Ausstellungsfotos einige biografische Notizen über die gezeigten Menschen beinhaltet. Finanziert wurde es durch die Sparkassen-Stiftung Natur und Kultur im Kreis Viersen.

Ganz nebenbei zeigt die Ausstellung auch eindrucksvoll die kulturelle Vielfalt, die in der Gemeinde Niederkrüchten schlummert. Einige der einheimischen Künstler haben sich nicht nur regional, sondern auch bundesweit und teils sogar international einen Namen gemacht. Wiesmann, in seinem Metier ebenfalls kein Unbekannter, ist jedenfalls sehr beeindruckt: „Ich erlebe Kunst hier nicht auf Bastelniveau, sondern auf sehr hohem Level.“

Diesen Schatz möchte Bürgermeister Kalle Wassong (parteilos) heben, und zwar nicht nur für diese eine Ausstellung. Er will den Anstoß zu einem Kulturnetzwerk geben, in dem Künstler und Kulturschaffende, die in der Gemeinde leben oder einen Bezug zu ihr haben, ihre Ideen und ihre Kreativität einbringen können. In diesem Kontext sieht Wiesmann seine Ausstellung gewissermaßen als Startschuss: „Sie soll kein Abschluss sein, sondern den Anstoß geben, Kunst und Kultur in Niederkrüchten noch sichtbarer zu machen.“

Für 2019 möchte Wassong in und mit dem Kulturnetzwerk ein erstes gemeinsames Projekt auf den Weg bringen. Es trägt den Arbeitstitel „Zuhause“ und könnte einen Gegenpol zur zunehmenden politischen Vereinnahmung des Heimatbegriffs bilden. Wie lässt sich das Thema „Zuhause“ bildlich, musikalisch, gestalterisch oder auf andere Weise mit Leben füllen? Wie kann Kunst einen Diskussionsbeitrag leisten? Die ersten Ideen sind schon am Abend der Ausstellungspremiere geboren worden.