Niederkrüchten: Ein Stein erzählt Grenzgeschichten

Niederkrüchten : Ein Stein erzählt Grenzgeschichten

Der Niederkrüchtener Ortsteil Oberkrüchten ist im Kreis Viersen der erste Ort, der einen Hörstein hat. Dieser beschreibt den Einsatz der Alliierten 1943. Die Gemeinde ist damit Teil der „Liberation Route“.

Der niederländische Archäologe und Militärhistoriker Dwayne Beckers hat Oberkrüchten einen Stein ermöglicht – einen sprechenden Stein. In einem Londoner Archiv stieß der 28-Jährige auf einen Flugzeugabsturz in Oberkrüchten während des Zweiten Weltkriegs. Er recherchierte die Geschichte des Bombers weiter, bis er auf Informationen stieß, die die Beteiligung an der „Liberation Route Europe“ ermöglichte.

Am Sonntag, 16. Juni, findet die offizielle Enthüllung des Hörsteines an der Burgstraße in Oberkrüchten statt. Er erzählt die Geschichte über jenes Ereignis in der Nacht vom 16. auf den 17. Juni 1943. Damit ist der Niederkrüchtener Ortsteil Teil der europäischen „Liberation Route“. Bei einer anschließenden Radtour für alle Interessierten werden fünf Hörsteine in 35 Kilometer Entfernung im Grenzgebiet besucht. „Grenzgeschichte(n)“ heißt dieses rojekt. Dafür arbeitet Beckers seit drei Jahren mit der Gemeinde Niederkrüchten zusammen.

Auf der „Liberation Route Europe können Einheimische und Touristen den Weg entdecken, den die alliierten Streitkräfte in der Endphase des Zweiten Weltkriegs nahmen. Das Hauptaugenmerk wird dabei auf die Befreiung des europäischen Festlands von der nationalsozialistischen Besatzung und auf die Folgen des Zweiten Weltkriegs gelegt. Die Stiftung will damit insbesondere junge Menschen erreichen, die durch die Route und die Hörsteine erkennen können, dass Frieden und Freiheit eben nicht selbstverständlich sind und wie sinnlos Krieg ist.

Durch die Entwicklung der Grenzgeschichten mit der Stadt Roermond sowie den Gemeinden Roerdalen und Niederkrüchten beantragten deren drei Bürgermeister gemeinsam die Beteiligung an der „Liberation Route“. Im Kreis Viersen ist Niederkrüchten nun der erste Ort, in dem ein Hörstein aufgestellt wurde. Auf dem großen Findling ist neben der Infotafel ein QR-Code angebracht, der mit dem Handy gescannt werden kann. So gelangen Interessierte zu einer Audio-Datei, die über den Absturz der Lancaster ED 737 in der Nacht vom 16. auf den 17. Juni 1943 berichtet.

Wie in einem Hörspiel werden Szenen aus der Vergangenheit erzählt: So spricht etwa die Mutter, die ihre Kinder vor dem Bombenangriff der Engländer, die eigentlich nach Köln unterwegs waren, ins Haus ruft. Durch die Explosion des Bombers fallen Trümmerteile auf Häuser am Lamertzweg, Zivilisten  kommen zu Schaden. Einige Piloten der Maschine können sich zunächst retten, werden aber später verhaftet. Ein Zollbeamter findet einen verletzten Piloten. Und noch weitere Ereignisse werden dargestellt. Informationen dazu gibt es auf der offiziellen Internetseite unter der Adresse www.­liberationroute.de.

Laut Bürgermeister Kalle Wassong (parteilos) gibt es noch einen lebenden Zeitzeugen, der sich an diese Nacht erinnern kann. „Wir sind nun in der Überlegung, wie wir es schaffen, die Zeit nach dem Krieg in Niederkrüchten erlebbar zu machen. Dwayne Beckers sind wir für seinen Einsatz sehr zu Dank verpflichtet“, sagt Wassong. Als Dank übereichte er dem jungen Militärachäologen ein besonderes Präsent: Fachliteratur über eine Luftlandedivision fehlte noch in Dwayne Beckers’ Sammlung.

Andere nordrhein-westfälische Orte mit Hörsteinen sind beispielsweise der britische Ehrenfriedhof in Kleve, Überreste von Schützengräben im Reichswald oder der erste Feldflugplatz der Royal Air Force auf deutschem Boden, B.100 Goch. Eine Karte auf der dazu gehörenden Seite zeigt, wo die nächsten interessanten Punkte der europäischen Lieberation Route liegen. So ist diese Route auch ein Anziehungspunkt für Touristen, die an der Geschichte interessiert sind. „Spannend ist, dass viele Menschen auch aus Amerika sich heute dafür interessieren, was mit ihren Vorfahren in Europa passiert ist“, sagt Wassong.

Als Verbindung in die geschichtliche Gegenwart spielt die Lagerung der Atomwaffen in den damaligen Javelin Barracks eine Rolle. Kalle Wassong hofft auf eine „Initialzündung“ und dass sich weitere Kommunen der Freiheitsroute anschließen. Niederkrüchten ist außerdem der internationalen Organisation „Mayors for Peace“ beigetreten. Die „Bürgermeister für den Frieden“ setzen sich dabei unter anderem für atomare Abrüstung ein.

Der Stein in Oberkrüchten, der eine Geschichte gegen das Vergessen erzählt, kommt gut an. Die erste Eastour, geleitet von Wassong, findet am Sonntag statt. Es gibt bereits mehr als 30 Anmeldungen.

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