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Mystagogische Kirchenführungen 2020 in Viersen

Kirche in Viersen : Kirche anders erleben

Sieben Kirchen in Viersen bieten im kommenden Jahr „mystagogische Kirchenführungen“ an: Laien zeigen Besuchern einen Platz in ihrer Heimatkirche, der sie besonders berührt — und erzählen, warum.

„Müsst‘ ich gucken“, fordert die Einladungskarte zur „Mystagogischen Kirchenführung“ auf. Auf der Vorderseite der Karte prangt das Foto der Decke einer Kirche: Die farbig bemalten Kassetten nehmen den Blick ein, während das von der Decke herabhängende Kreuz so extrem verkürzt erscheint, dass der Korpus Christi kaum erkennbar ist. Ein ungewöhnlicher Blick. Und ungewöhnlich ist auch die Veranstaltung, zu der die Karte einlädt.

„Müsst‘ ich gucken.“ Gucken, ja, aber auch fühlen, erleben und zuhören, denn darum geht es bei den „Mystagogischen Kirchenführungen“ der Pfarre St. Remigius, die ab Januar 2020 in den sieben Ortskirchen der Pfarrei stattfinden. Das griechische Wort Mystagogie setzt sich aus dem Begriff für die Geheimnisse, den Mysterien und dem Begriff für Führung oder Erziehung zusammen. Claudia Meuser, seit 2013 Gemeindereferentin in St. Remigius, stolperte vor einigen Jahren im Pastoralblatt über den Begriff der „Mystagogischen Kirchenführung“. „Das ist Glaubensverkündigung“, erklärt Meuser.

Aber eine Glaubensverkündigung der besonderen Art. Laien wählen einen Platz in ihrer Heimatkirche, der sie berührt, der ihnen aus welchem Grund auch immer besonders wichtig ist, und erzählen den Besuchern an genau dieser Stelle darüber. Sie erzählen, was ihnen dort im Zusammenhang mit ihren Glaubens- und Lebenserfahrungen, mit ihren Erfahrungen in der Kirche bedeutsam ist.

„Nichts ist zu klein, um wichtig zu sein“, sagt Meuser. Da schwärmt die Eine von den Mosaiken im Altarraum, die Andere denkt über die Orgel nach, von der der gesamte Raum feierlich erfüllt wird, der Dritte erspürt die Bedeutung des Eingangsbereiches, der Vierte bedenkt den Weihrauch, mit dem die eigenen Gebete in den Raum aufsteigen.

Die spirituelle und mystische Dimension des Raumes ist es, die während einer „Mystagogischen Kirchenführung“ zählt. Die einzelnen „Glaubensorte“, wie Meuser sie nennt, werden wie ein Stationenweg abgelaufen, eingebettet ist der Weg in Gebete und Musik. „Das ist ein ganzheitliches Erfahren von Glauben. Ein großer Gewinn.“

2015 las Meuser, was Menschen in einem Fragebogen zur Ausstellung „Herzblut oder: An welches Bild glaubst Du?“ in der Städtischen Galerie Viersen auf die Frage, was ihnen in ihrer Kirche am Herzen liege, notiert hatten. „Ich war so berührt von dem, was die Menschen aufgeschrieben haben“, erinnert sich die Gemeindereferentin. Damit stand die Idee zu einer „Mystagogischen Kirchenführung“ in St. Remigius fest.

Mit Margita Biste, Michael Mertens, Brigitte Müller und Jutta Pitzen aus dem GdG-Rat fanden Claudia Meuser und ihre Kollegin Claudia Thivissen Mitstreiter in der Organisation. Laien aus den Ortskirchen teilen ihre Glaubenserfahrungen mit. „Die Menschen sollen ein Zeugnis ablegen über das, was sie wirklich berührt“, wünscht sich Meuser. Sie ergänzt: „Die hohe Theologie kann ich überall nachlesen.“ Aber was wirklich wichtig ist, sagt Meuser, sei der emotionale Zugang zu Glaubenserfahrungen. „Gefühle sind das Einzige, was Menschen letztlich interessiert.“

Der deutsche Theologe Herbert Haslinger sagt im Zusammenhang mit der „Mystagogischen Kirchenführung“: „Glaube entsteht nicht durch das Füttern von Glaubensinhalten. Gott ist in jedem Menschen immer schon da, und so ist jede Lebensgeschichte gleichzeitig die Geschichte einer Gotteserfahrung.“