Viersen: Müntefering: Für ein Sterben in Würde

Viersen : Müntefering: Für ein Sterben in Würde

Die Hospizinitiative Kreis Viersen und SPD-Bundestagsabgeordneter Udo Schiefner hatten Franz Müntefering zu Vortrag und Diskussion über selbstbestimmtes Sterben eingeladen. Rund 200 Zuhörer kamen in die Festhalle.

Der ehemalige Vizekanzler der Bundesrepublik ist ein routinierter Redner, ein gefragter Experte zum Thema Sterbehilfe und immer noch ein Sauerländer mit Humor. "Und wenn es bei mir so weit ist, hoffe ich, dass sie auch die Sozis im Himmel aufnehmen", sagte Franz Müntefering am Montagabend in der Festhalle.

Die Hospizinitiative Kreis Viersen und der SPD-Bundestagsabgeordneter Udo Schiefner waren überrascht, wie viele Zuhörer das todernste Thema in die Festhalle lockte. Vom Ernst-Klusen-Saal, der 120 Personen fasst, mussten sie in den großen Saal umziehen. Die Gastgeber hatten dem Abend den Titel "Selbstbestimmtes Sterben - Sterben, wie ich will?" gegeben. Aus aktuellem Anlass: Ab dem 13. November wird sich der Bundestag mit dem Thema Sterbehilfe und der ärztlichen Beihilfe zur Selbsttötung beschäftigen. Der 73-jährige Franz Müntefering (SPD) weiß, wovon er redet, wenn er von "der letzten Strecke" redet. Als seine Frau Ankepetra an Krebs erkrankte, trat er als Bundesminister und Vizekanzler zurück, um seine Frau bis zum Tod zu begleiten. Sie starb im Juli 2008.

Auf dem Podium mit Müntefering saßen Marion Schmoranzer, Vorsitzender der Hospizinitiative, der Chirurg Dr. Andreas Olk und Pfarrer Roland Kühne. Zwar konnte Hochschullehrer Dr. Klaus-Peter Hufer der Runde als Moderator keine kontroverse Debatte entlocken, aber es wurde ein informativer Abend.

Die Thesen

"Sterben ist ein Teil des Lebens. Es gehört dazu", sagt Franz Müntefering. "Sterbehilfe - das bedeutet für mich: dabei sein, begleiten, einem Menschen die Schmerzen nehmen." Es gehe darum, zu helfen und sich helfen zu lassen - mit Palliativmedizin und Hospizdiensten. "Die Würde des Menschen hat nichts damit zu tun, ob er sich selbst den Hintern abputzen kann."

Eine gesetzliche Neuregelung lehnt Müntefering ab. Der Gesetzgeber könne nicht entscheiden, dass eine Frau mit Krebs im Endstadium sterben dürfe, aber ein junger Mann mit Depressionen nicht. "Ein Todescocktail jederzeit begründungsfrei. Das wird es per Gesetz nicht geben."

Die Tötung auf Verlangen und Beihilfe zum Suizid sieht er kritisch. "Wenn wir hier die Pforten öffnen, kommen wir in eine hochgefährliche Diskussion." Es mache die Gesellschaft unmenschlicher, wenn Alt-Werden und Auf-Hilfe-Angewiesen-Sein auf den Prüfstand gestellt würden.

Die Argumente der Anderen

Als Argument für eine Tötung auf Verlangen werde oft gesagt "Mein Tod gehört mir", sagt Müntefering. Der Brief des Ex-MDR-Indendanten Udo Reiter hat den Befürwortern der aktiven Sterbehilfe Auftrieb gegeben. "Doch die eigene Freiheit gilt bis zur Grenze der Mitmenschen", sagt Müntefering. Als zweites Argument werde oft Mitleid angeführt. Menschen leiden. Es fällt schwer, dem Leiden zuzusehen. "Vor lauter Mitleid hoffen wir, dass es bald zu Ende geht. Wir müssen aber prüfen, ob wir nicht nur unser eigenes Mitleid los sein wollen", sagt der ehemalige Vizekanzler.

Die Zahlen

In Deutschland sterben jährlich rund 870 000 Menschen. "Die meisten davon friedlich", sagt Müntefering. In kommenden Jahrzehnten werde die Zahl auf über eine Million Menschen ansteigen. "Wir müssen bewusst älter werden", sagt Müntefering.

Die Forderungen

Angst vor Schmerzen und Einsamkeit führen oft zum Todeswunsch. "Wir müssen früh genug bei den Menschen sein", sagt Müntefering. "Wir brauchen niederschwellige soziale Netzwerke, und es braucht mehr Hilfen für psychisch-kranke Senioren. Ein alter Mensch kriegt heutzutage eher eine neue Hüfte als eine Hilfe für die Seele." Palliativmedizin und Hospizdienste müssen gestärkt, Patientenverfügungen genutzt werden. Die Pflegeheime brauchen mehr Unterstützung bei der Palliativversorgung, sowie die Pflege insgesamt der Wertschätzung bedürfe, die sich nicht auf Lippenbekenntnisse beschränke, sondern sich in den Löhnen niederschlage.

(RP)
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