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Viersen: Mit Sebastian Pufpaff den Zeitgeist sezieren

Viersen : Mit Sebastian Pufpaff den Zeitgeist sezieren

In der Festhalle gab sich der 41-jährige Kabarettist sarkastisch, bissig und angriffslustig. Er sorgte für Lacher und provokante Irritation

Der Name ist echt. Es heißt sogar, dass er entscheidenden Anteil an Sebastian Pufpaffs beruflichen Werdegang hat - sozusagen aus der Offensive heraus. Das ist gut so. Der Kabarettist braucht fast ein Nichts an Äußerlichkeiten, um sein Publikum tempo- und wortreich mitzunehmen auf eine turbulente Reise durch die politischen und gesellschaftlichen Geschehnisse unserer Zeit. Im Anzug zu Turnschuhen und grau meliert, hatte der 41-Jährige sein Publikum in der ausverkauften Festhalle sogleich im Griff.

In einer Fragerunde zu bevorzugten Aufreger-Themen wählte er die direkte Ansprache, reagierte spontan. Beim Parforceritt durch die Themen reizte er zum Lachen und sorgte hier und da mit großer Lust für Irritation. Da wussten die Besucher manchmal nicht recht, ob sie lachen oder ob des raffinierten Hintersinns lieber still bleiben sollten. Pufpaff durchforstet größere Zusammenhänge, aber auch die kleinen Dinge des Alltags wie etwa die Evolution der Handtrocknung auf öffentlichen Toiletten. Er rechnete dem Publikum vor, dass angeblich 70 Prozent der Deutschen fremdgegangen sind oder gehen - "also auch hier im Saal". Sarkastisch sezierte er den Erwartungsdruck auf nachfolgende Generationen. Deren Nabelschnur werde von der Kita-Tür abgetrennt. Mit logistischem Geschick wäre es ihnen möglich, mit kaum mehr als 20 Jahren Studium und Familienplanung abgeschlossen zu haben, um dann nur noch dem System zu dienen. Der Kabarettist beschrieb bissig eine Konsumgesellschaft, die schlecht drauf ist, wenn sie schlecht einkauft.

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Dass sich Donald Trump als Dauergast kabarettistischer Programme eignet, hat sich beinahe durchgesetzt. Bei Pufpaff fehlte der amtierende US-Präsident nicht, doch war es so ganz anders als gewohnt - auch wenn "dem kleinen Meerschweinchen mit dem blonden Haaren" offensichtlich nicht seine Sympathie gehört. Hier wurde Trump zum Aufreger, der Menschen losziehen lässt "mit Fackel und Mistgabel", bis sie ein neues Feindbild haben - im nächsten Moment Erdogan oder Helene Fischer.

Scharfzüngig setzte sich Pufpaff mit der aggressiven Lust an der Beschwerde und der Rage auseinander. Mienen- und gestenreich spielte er mit dem Überraschungseffekt. Was ist, wenn die eigene Aggressivität unerwartet freundlich pariert wird? Sein großes Pfund ist die beredte Mimik und Gestik. In den wortgewandten Sprachduktus warf er scheinbar impulsiv comicgleiche Lautmalereien ein. Er jonglierte mit der gnadenlosen Überzeichnung, gerne auch politisch unkorrekt. Ja, er sei ein Rassist. "Ich mag sie alle nicht", schien er zu wüten, um unkonventionell nachzuziehen. Richtig schlimm sei Rassismus nur, wenn eine Gruppe rausgezogen würde. Das sei wie Masturbieren.

Sarkastisch bezeichnete sich der Kabarettist als bezahlten Demagogen, der alles erzählt, wenn die Kasse stimmt. "Ich bin glattgelutscht", behauptete er, um mit aberwitzigen Beispielen von seinem "Empathie-Tourette-Syndrom" zu erzählen und Image-Ängste zu karikieren. "Ich verhalte mich nicht mehr, wie ich bin, sondern wie ich denke, dass die anderen mich haben wollen." Zwischendurch bettete er schlichte Sätze ein mit Wahrheiten, die recht leicht umzusetzen wären - wenn wir nicht wären, wie wir sind.

(anw)